(OT: „Tereddüt“; Regie: Yeşim Ustaoğlu, Deutschland/Frankreich/Polen/Türkei, 2016)

Clair Obscur

„Clair Obscur“ läuft seit 7. Dezember 2017 im Kino

Nach außen hin führen Cem (Mehmet Kurtulus) und Sehnaz (Funda Eryigit) eine einwandfreie Ehe. Sie haben ein schickes Zuhause, er ist erfolgreicher Architekt, sie hat gerade ihre Ausbildung zur Psychologin hinter sich gebracht. Nun heißt es noch, in einem kleinen, weit entfernten Küstenstädtchen ihr Praktikum im Krankenhaus zu absolvieren. Aber obwohl sie jedes Wochenende brav nach Hause fährt, beginnt sie zu ahnen, dass ihre Beziehung vielleicht doch nicht so glücklich ist – umso mehr, als sie die 18-jährige Elmas (Ecem Uzun) kennenlernt. Die wurde kürzlich wegen Unterkühlung ins Krankenhaus eingewiesen und steht im Verdacht, ihren Mann und ihre Schwiegermutter ermordet zu haben.

Gerade erst wurde die #metoo-Kampagne vom Time Magazine zur Person des Jahres gekürt, seit Wochen kommen immer neue schauerliche Beispiele von Missbrauch von Frauen ans Tageslicht – meistens aus dem Bereich Unterhaltung, teilweise auch Politik. Doch so wichtig es ist, diese Fälle aufzudecken, haben sie trotz allem einen Makel: Es geht ausschließlich um Missbrauchsvorfälle, die von Prominenten begangen wurden. Ebenso wichtig wäre es jedoch, heimische Gewalt zu thematisieren. Die Frauen, die von ihren Männern unterdrückt werden und für sich die Presse nicht interessiert. Opfer sind dort nur dann relevant, wenn es die Täter sind. Wem Hinz und Kunz daheim das Leben zur Hölle machen, das ist in dem Zusammenhang nicht gefragt.

Unterdrückung mit System
In Clair Obscur zeigt uns Yeşim Ustaoğlu, dass Respekt vor Frauen daheim beginnt, in der Familie, in der Partnerschaft. Die Geschichte um Elmas ist von den beiden Handlungssträngen natürlich der explizitere. Wenn die junge Frau von dem Vater gezwungen wird, die Schule abzubrechen, um verheiratet zu werden, dann weckt das unschöne Erinnerungen an Mustang. Auch dort wurden türkische Jugendliche zu Leibeigenen der männlichen Angehörigen. Ustaoğlu geht aber noch einen Schritt weiter, indem sie ihre junge Protagonistin zu einer Sklavin ihrer Schwiegermutter degradiert. Selbst wenn Männer letzten Endes die Hauptverantwortung für die unterschiedliche Wertigkeitsvorstellung der Geschlechter haben, so hatten sie doch auch ein paar willige Komplizinnen.

Zumindest anfangs sieht es noch so aus, als wäre das Leben von Sehnaz der deutliche Gegenentwurf zu dem von Elmas. Sie ist älter, selbstbewusst, hat etwas erreicht. Vor allem bei den zahlreichen Liebesszenen könnte der Kontrast nicht größer sein. Auf der einen Seite große Leidenschaft, auf der anderen nur das Leiden. Wenn Elmas regungslos im Bett ihres Mannes liegt, dann kommt das einer Vergewaltigung schon recht nahe. Erst nach und nach, wenn beide Stränge ihre Verknüpfung finden, wird deutlich, dass die Frauen mehr gemeinsam haben, als ihnen bewusst ist. Unterdrückung und Missbrauch kann viele Formen haben. Manche sind so alltäglich, dass wir sie fast schon gar nicht mehr wahrnehmen.

Ratlos und schmerzhaft
Ustaoğlu lässt sich viel Zeit, bis sie an der Stelle auf den Punkt kommt, bis die beiden Protagonistinnen aufeinandertreffen. Gleichzeitig ist Clair Obscur aber nicht unbedingt zurückhaltend. Im einen Moment ruhig wird der Film im nächsten ziemlich hässlich und gewalttätig, mutet einem als Zuschauer eine Menge zu. Nicht immer sind diese plötzlichen Ausbrüche ganz nachzuvollziehen, weder im Hinblick auf ihren Hergang, noch auf die Intensität. Und doch ist es schwer, sich Letzterer zu entziehen. Das Drama mag durchaus frostig sein, von harten, gefühllosen Klingen durchzogen, die einen nur vom Zusehen her blutig zurücklassen. Aber es lässt dabei eben nicht kalt. Bei all dem Schmerz, den der Film verursacht und zeigt, gibt er einem doch zumindest auch die Hoffnung, dass sich vielleicht doch etwas ändert. Dass es irgendwann keine Hashtags und solche Geschichten mehr braucht.



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Clair Obscur
3.92 (78.46%) 13 Artikel bewerten

Clair Obscur
„Clair Obscur“ erzählt anhand zweier sich treffender Handlungsstränge von der Unterdrückung der Frau durch den eigenen Ehemann. Das schwankt ungewöhnlich stark zwischen ruhig und gewalttätig, braucht auch ein bisschen, bis es auf den Punkt kommt. Kalt lassen einen die Auseinandersetzungen aber sicher nicht, die Geschichte zweier Frauen ist ein frostig und doch aufwühlendes Drama.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Zwei Frauenschicksale werden hier kontrastiert: die zwangsverheiratete Elmas (großartig Ezem Uzun) trifft auf ihre Therapeutin Chenaz (Funda Eryigit), die mit Cem (Mehmet Kurtulus) eine Bilderbuchehe führt. Bei ihnen stimmt einfach alles: in der Küche wie im Bett. Elmas hingegen war eingeliefert worden, weil sie unterkühlt aufgefunden wurde. In Retrospektiven versucht die Therapeutin herauszufinden, was ihr passiert war. Wir erfahren in den langen Einstellungen nur Bruchstücke. Klar ist, dass die minderjährige Elmas mit einem viel älteren Mann (Serkan Keskin) und dessen noch älterer Mutter zusammenlebte, fast wie in einem Gefängnis. Jetzt sind beide tot. Mutmaßungen bleiben als Verdacht: Mord, Unfall, Zufall?
    Die parallel erzählte Geschichte von Chenaz und Cem zerbricht eigenartigerweise etwas aufgesetzt. Die junge Therapeutin geht mit einem Kollegen (Okan Yalabik) ins Bett, der Streit mit Cem inklusive Schlägerei wirkt etwas plötzlich wie vom Zaun gebrochen. Ihr schien es doch an nichts zu fehlen. Steht das für das neue, moderne Selbstbewusstsein der türkischen Frau? Sie ist gebildet, unabhängig, pflegt einen amerikanischen Lebensstil? Am Ende vergießt Chenaz aber Tränen darüber!? Oder bewahrheitet sich hier für Regisseurin Ustaoglu die alte Volksweisheit: ‘Wenn’s dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis.‘
    Trotz dieser Unstimmigkeiten und offenen Lücken wird hier ein Blick auf die türkische Gesellschaft geworfen mit zwei ganz unterschiedlichen Beispielen, die aufeinandertreffen und implodieren. Interessant. Bleibt nur die Frage nach dem Titel!?
    Wer googlt versinkt in Beispielen aus der Musik oder der Malerei. Hilfreich ist das auch nicht. Eventuell könnte Ustaoglu mit dem Titel meinen, dass die beiden Frauen eine Zone des Halbdunkels durchleben. Die eine freiwillig, die andere notgedrungen.

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