(OT: „Tehran Taboo“, Regie: Ali Soozandeh, Deutschland/Österreich, 2017)

Teheran Tabu

„Teheran Tabu“ läuft ab 16. November 2017 im Kino

Babak hält nicht so wahnsinnig viel davon, sich den strengen Moralvorstellungen im Iran zu unterwerfen. Anstatt konforme Musik zu machen, träumt er lieber davon, Rockstar zu werden. Und auch beim Thema Sex vor der Ehe fühlt er sich nicht traditionellen Werten verpflichtet. Als er eines Abends mit der hübschen Donya schläft, bereut er diese Einstellung jedoch bald. Schließlich hat die einen Verlobten und braucht für diesen ein unverletztes Jungfernhäutchen – was Babak in Form einer Operation finanzieren soll. Eine Jungfrau ist Pari schon lange nicht mehr. Vielmehr hat sie mit jedem Sex, der sie dafür bezahlt oder auch eine anderweitige Gegenleistung bringt. Beispielsweise erhofft sie sich von dem Richter, dass er ihr dafür die Scheidung von ihrem Mann ermöglicht, der im Gefängnis sitzt. Deren Nachbarin Sara wiederum führt ein anständiges Leben, was maßgeblich mit deren Mann zusammenhängt. Denn der verbietet ihr alles, auch die Arbeit als Lehrerin, die sie so gerne machen würde.

Je härter und strenger die Regeln, umso krasser die Versuche, diese Regeln zu umgehen, ohne dass es jemand mitbekommt. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man sich Filme über den Iran anschaut. Nicht die offiziellen natürlich, die mit dem Segen der Obrigkeiten die bekannten Werte propagieren. Nein, die Filme, die unbeobachtet gedreht wurden, sich hinter die vorgefertigte Fassade wagen. Filme wie Taxi Teheran, in dem eine versteckte Kamera in einem Taxi die verschiedenen Strömungen des Schmelztiegels festhält. Oder Geschichten aus Teheran, ein Episodenfilm über die vielen Verlierer im täglichen Kampf gegen den Wahnsinn.

Kein Blatt vorm Mund
Auch in Teheran Tabu geht es um Zufallsbegegnungen, um Verlierer der Gesellschaft. Und um den Blick hinter die Fassade. Tatsächlich gelingt es dem im Iran geborenen, nun in Deutschland lebenden Ali Soozandeh noch viel mehr, die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit offenzulegen. Wo andere noch mit vorsichtigen Andeutungen spielen, da geht er aufs Ganze. Sex darf gezeigt werden, muss sogar. Denn Sex ist eine treibende Kraft, für die Frauen wie die Männer. Sie wird einige ins Unglück stürzen. Pari wiederum weiß ihn als Waffe zu benutzen, dreht den Spieß einfach um, indem sie die Bedürfnisse der Männer gegen sie verwendet und auch die Verlogenheit ausnutzt.

Einige der Momente sind so absurd und bissig – das Fernsehverhalten von Saras Schwiegervater, die Einsätze von Pari –, dass Teheran Tabu an diesen Stellen als Komödie bzw. Satire durchgehen würde. Aber es ist eher der Galgenhumor einer Gesellschaft, die sich mit dem Unmenschlichen abgefunden und eigene Regeln gefunden hat, um mit diesem umzugehen. Zudem liegen Komik und Tragik hier eng beieinander. Es wird auch dramatische Szenen geben, rührende, traurige. Vor allem später, wenn nach dem etwas zerfaserten Beginn die Figuren immer mehr an Kontur gewinnen und zu echten Charakteren heranwachsen. Umso schlimmer ist, in welche Situationen sie geraten. Denn so sehr sich die Frauen auch auflehnen gegen das System, nicht jeder kann in diesem gewinnen.

Wunderbare Bilder einer wenig wunderbaren Welt
Für die Zuschauer ist das aber so oder so ein Gewinn, inhaltlich wie auch visuell. Vielleicht sollte es ein Versuch sein, die Spitzen abzumildern, indem er sie in gezeichneter Form präsentierte. Unabhängig von der Motivation ist Soozandeh ein fantastisch anzusehender Animationsfilm geglückt. Er griff hierfür auf die heute kaum mehr verwendete Technik der Rotoskopie zurück, die beispielsweise in Alois Nebel oder Waltz With Bashir zum Einsatz kam: Der Film wurde erst mit realen Schauspielern gedreht, anschließend Bild für Bild abgezeichnet. Das Ergebnis sind Aufnahmen, die deutlich realistischer sind, als wir es von regulären Zeichentrickfilmen gewohnt sind, gleichzeitig aber stilisierter, als es ein Realfilm wäre. Teheran Tabu nutzt diese alternative Darstellungsform zwar nicht erzählerisch, macht den aber ohnehin schon sehenswerten Film noch ein klein wenig besser. Animationsfans sollten sich das nicht entgehen lassen, zumal erwachsene Vertreter nur selten in die deutschen Kinos kommen. Aber selbst wer diesem Bereich nicht viel entgegenbringt, findet hier eine Menge spannendes Anschauungsmaterial. Die Geschichte um die drei Teheraner erzählt einiges über die aktuelle Situation im Iran, ist dabei jedoch so menschlich, dass sie für jeden zugänglich ist, dessen Herz für die Verlierer dieser Welt schlägt.

Teheran Tabu
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Teheran Tabu
Die Regeln sind streng, jeder sucht nach Möglichkeiten, sie unbemerkt zu brechen. „Teheran Tabu“ folgt in drei Handlungssträngen mehreren jungen Iranern und wirft dabei ein nicht sehr schmeichelhaftes Licht auf deren Heimatland. Streckenweise ist das richtig komisch, oft aber auch bitter und allein schon wegen der fantastischen Animationsumsetzung absolut sehenswert.
8von 10

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