(OT: „Life on the Border“, Regie: Mahmod Ahmad/Ronahl Ezzadin/Samel Hossein/Delovan Kekha/Hazem Khodelde/Diar Omar/Zohour Saeid, Irak/Syrien, 2015)

Life on the Border

„Life on the Border“ läuft ab 9. November 2017 im Kino

So wichtig das Thema der Flüchtlingskrise auch ist, man sollte doch langsam meinen, dass die vielen filmischen Annäherungen inzwischen so ziemlich alles gesagt haben, was es zu sagen gibt. Gerade im dokumentarischen Bereich hat die Zahl der Beiträge inflationäre Ausmaße angenommen, die eigentlich keine Fragen mehr offenlassen sollten. Von den Schwierigkeiten der Flucht selbst (Seefeuer) über die problematische Integration (Café Waldluft) bis zur Abschiebung (Deportation Class), jeder Schritt unterwegs ist bestens dokumentiert. Und wer es etwas eiliger hat, schaut sich Als Paul über das Meer kam an, wo anhand eines Beispiels exemplarisch der gesamte Ablauf gezeigt wird.

Kinder an die Kamera!
Und doch hat der kurdische Regisseur Bahman Ghobadi einen ganz eigenen Ansatz gefunden, dieses Thema aufzugreifen. Anstatt wie seine Kollegen Betroffene zu suchen, die er zu ihren Erfahrungen ausquetscht, überlässt er diesen hier gleich ganz das Wort. Genauer wählte Flüchtlinge aus, die sonst nie zu Wort kommen: Kinder. Gleich sieben von ihnen, die in den Flüchtlingslagern in Kobanê und Sindschar wohnen, drückte er Kameras in die Hand und forderte sie auf, ihre Geschichten zu erzählen. Ein bisschen Hilfestellung gab ihnen Ghobadi natürlich schon, wie man während des Abspanns sehen kann. Insgesamt überließ er es aber ihnen, was sie genau aus der Möglichkeit machen.

Zwischen Fakt und Fiktion
Einige der Kurzfilme bleiben dicht an dem Alltag und erzählen, was es heißt, als Kind in diesen Flüchtlingslagern zu wohnen. Andere lösen sich von den dokumentarischen Gedanken, nutzen fiktive Mittel, um sich auszudrücken. Oft ist es kaum zu sagen, wo das eine aufhört, das andere beginnt, was erlebt, was erfunden ist. Als Kind sind die Grenzen da noch fließender. Wer hat sich in dem Alter nicht die Welt zu Eigen gemacht und sie mithilfe der Fantasie in etwas anderes verwandelt? Dass die Kriegserfahrungen, die so viel Leid für sie bereithielten – eigene Verletzungen, Hunger und Entbehrung, der Verlust von Angehörigen – sich bei den sieben ähneln, ist klar, weshalb es auch des Öfteren zu Wiederholungen kommt. Und natürlich bringt Life on the Border die üblichen Vor- und Nachteile eines Laienwerks mit sich. Manches wirkt authentisch, anderes zu bemüht.

Insgesamt ist das Experiment aber gelungen. Selbst wer den Kinder- bzw. Betroffenheitsbonus weglässt – wer würde schon Kinder in Flüchtlingslagern kritisieren wollen? –, bekommt hier einen erstaunlichen Einblick in das Leben der jungen Filmemacher. Zwischen realistisch und poetisch schwankt der Film, zwischen verzweifelt und hoffnungsvoll, lustig und traurig. Im einen Moment hält er Banalitäten bereit, im nächsten findet er ungewöhnliche Wege und Perspektiven, die einen hoffen lassen, dass die Kinder nicht nur das Glück finden, das sie verdienen, sondern auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eine Kamera in die Hand nehmen werden.

Life on the Border
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Life on the Border
In „Life on the Border“ erzählen sieben Kinder in Flüchtlingslagern aus ihrem Leben. Nicht alles in dem semi-dokumentarischen Film ist gleichermaßen spannend, da kommt es doch zu einer Reihe von Wiederholungen. Insgesamt bietet das Experiment aber einen interessanten Einblick in den Alltag von Menschen, die sonst nicht gehört werden.
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