(OT: „Motherland“, Regie: Ramona S. Diaz, USA/Philippinen, 2017)

Motherland

„Motherland“ läuft im Rahmen des 27. Film Festival Cologne (29. September bis 6. Oktober 2017)

Das Schöne an Filmen ist, dass sie uns immer wieder neue Einblicke in fremde Welten gewähren. Dafür müssen wir nicht einmal in entfernte Galaxien reisen. Manchmal reicht auch eine Entbindungsstation. Eine solche hat die philippinische Regisseurin Ramona S. Diaz hier begleitet. Und wer die Bilder gesehen, welche sie mitbringt, fragt sich, wie es so etwas wie den demografischen Wandel überhaupt geben kann. Während wir uns in Deutschland seit Längerem abmühen, unsere Geburtenrate auf einen nachhaltigen Stand zu bringen, wissen sie in dem asiatischen Land oft gar nicht wohin mit dem ganzen Nachwuchs. Sie habe nur fünf Kinder, sagt eine Frau hier an einer Stelle. Und meint das auch noch ernst.

Rund 100 Kinder kommen jeden Tag im Fabella Hospital in Manila hinzu. Eine stolze Zahl, die bereits erahnen lässt, wie hektisch es hier zuweilen zugeht. Es ist aber nicht allein die Zahl der Kinder, die hier zur Welt kommen, welche Motherland zu einem ungewohnten Anblick machen. Es sind auch die Umstände. Brutkästen? Die gibt es im Krankenhaus nicht. Stattdessen müssen die Mütter die Neugeborenen eng an sich drücken, verborgen unter ihren Oberteilen, um so ihre Körperwärme zu teilen. So wie man es früher eben noch gemacht hat.

Reich an Kindern, arm an Geld
Das kann auf die einen irgendwie komisch wirken, auf die anderen vielleicht verstörend. Und doch wertet Motherland nicht. Ergreift nicht Partei, verurteilt nicht, bemitleidet nicht. Dabei gäbe es hier einige, denen man Mitleid entgegenbringen wollte. Menschen, die ohnehin nichts haben und jetzt auch noch für Kinder sorgen müssen. Ohne Geld. Die wenigstens, die hier gezeigt werden, kommen aus gesicherten Verhältnissen, können es sich deshalb eigentlich gar nicht leisten, Kinder zu bekommen. Wie willst du anderen ein Zuhause bieten, wenn du nur zweimal die Woche auf dem Bau aushilfst? Für 5,50 Dollar am Tag? Gerade in der zweiten Hälfte kommen deshalb auch Sozialarbeiter ins Spiel, die zumindest versuchen, den gescheiterten Einzelschicksalen wieder eine Perspektive zu geben.

Geburtenkontrolle wird den Leuten hier geraten. Die meisten sind aber beratungsresistent, zu sehr in dem verwurzelt, was war, was immer schon war. Denn auch das ist Thema in dem Beitrag vom 27. Film Festival Cologne, zum Teil zumindest: traditionelle Familienstrukturen. Gibt es sie noch? Funktionieren sie? Die Antworten daraus erschließen sich aber eher im Vorbeigehen. Diaz selbst spricht kein Thema direkt an. Sie befragt auch niemanden zu. Anders als die meisten Dokumentarfilme, die wir zu sehen bekommen, gibt es in Motherland keinerlei Interviews.

Immer mittendrin
Gesprochen wird dennoch eine Menge. Angestellte, die mit Patienten sprechen, Unterhaltungen zwischen Partnern, besagte Sozialarbeiter. Aber sie sprechen nie direkt mit Diaz. Die Filmemacherin ist einfach immer nur dabei, so als gäbe es sie gar nicht, fängt so Gesprächsfetzen ein, die eigentlich viel zu intim sind. Und sie hält immer mitten drauf. Schöne Momente oder traurige, bizarre oder fordernde – sie spart sich und dem Publikum auch Nahaufnahmen von Geburten nicht auf. Ein praktischer Gewinn für Zuschauer im Westen ist das nicht, von einer gewissen Enttabuisierung des menschlichen Körpers vielleicht abgesehen. Es ist auch relativ wenig in Motherland, über das man im Anschluss diskutieren oder nachdenken müsste. Die anderthalb Stunden, welche die Doku dauert, ist der Einblick in eine wuselnd-fremde Welt aber wert.

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100 Kinder am Tag und kein Ende in Sicht: „Motherland“ gewährt einen Einblick in eine vielbeschäftigte Entbindungsstation. Das ist mal komisch, dann wieder verstörend oder irgendwie traurig. Vor allem aber ist die Doku direkt: Sie weicht den Menschen nicht von der Seite und holt den Geburtsvorgang wieder zurück in den Alltag.
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