Half Life in Fukushima

Half Life in Fukushima

(OT: „Demie-vie à Fukushima“, Regie: Mark Olexa/Francesca Scalisi, Schweiz/Frankreich, 2016)

Half Life in Fukushima
„Half Life in Fukushima“ läuft im Rahmen des 11. Fünf Seen Filmfestivals 2017 (27. Juli bis 5. August 2017)

Die Bilder, welche vor mittlerweile fast sechseinhalb Jahren um die Welt gingen, dürften viele noch vor Augen haben. Und das mulmige Gefühl im Herzen: Als am 11. März 2011 erst ein Erdbeben und anschließend ein Tsunami Japan heimsuchte, war dies ein Weckruf für den Rest der Menschheit. Wenn nicht einmal das naturkatastrophengeprüfte High-Tech-Land sich vor einer solchen atomaren Bedrohung richtig schützen konnte, wie soll das dann erst anderen Ländern gelingen? Weltweit gingen die Menschen auf die Straßen und protestierten gegen Atomkraftwerke. Und gegen Regierungen, die den Bürgern die wahren Gefahren verheimlichten.

Heute ist die Katastrophe für viele Menschen nicht mehr als ein böser Traum. Darüber berichtet wird kaum noch, daran zurückdenken mag kaum einer mehr. Bis auf Naoto Matsuruma natürlich. Der wohnt noch immer in Tomioka, welches nahe des Nuklearsymbols Fukushima schlechthin liegt. Alle anderen sind der kontaminierten Zone ferngeblieben. 16.000 Einwohner waren damals evakuiert worden. Auch Naoto. Bis er wieder zurückkehrte an seinen Heimatort, trotz der Warnungen, trotz der Verbote, trotz der Einsamkeit. Ein paar Kühe leben da noch, Pflanzen gibt es auch mehr als genügend. Menschen hingegen, die lassen sich hier höchsten stundenweise blicken, während sie Häuser richten oder nach dem Rechten sehen.

Unterwegs mit dem am meisten verseuchten Mann der Welt
Ähnlich zu dem belgischen Dokumentarfilm La Terre Abandonnée widmen sich die Regisseure Mark Olexa und Francesca Scalisi diesem Thema und lassen auch Naoto selbst zu Wort kommen. Seine Geschichte ist inzwischen recht bekannt, trägt er doch den wenig begehrenswerten Titel, der am meisten verseuchte Mensch der Welt zu sein. Die beiden Filmemacher haben aber noch ein paar andere Ideen, um das Publikum wachzurütteln, zu fesseln, manchmal auch zu verstören.

Ein Kniff der beiden: Immer wieder ertönen im Hintergrund Tonbandaufnahmen aus dem Alltag einer typisch japanischen Stadt. Mal geht es um Hinweise beim Benutzen der Bahn, mal um solche zur richtigen Mülltrennung. An einem normalen Ort würden diese Standardsätze kaum auffallen. Tomioka ist aber nicht normal. Und Standards gibt es hier keine mehr. Es ist gerade der Widerspruch aus dem Gezeigten und Gehörten, der verdeutlicht, wie surreal die Atmosphäre dort ist. Wie gespenstisch. Geisterstädte verbinden wir oft mit dem Wilden Westen, nicht mit dem Fernen Osten. Mit alten verfallenen Gebäuden, nicht mit aktuellen. Wer nichts über die Hintergründe weiß, würde sich wundern, warum keiner auf den Straßen unterwegs ist. Vieles wirkt in dem Dokumentarfilm so, als wäre dies nur eine Momentaufnahme. Als würden sie alle bald wiederkommen. Besonders absurd ist dabei die eine Szene, wo das Auto an einer roten Ampel hält, Verkehrsregeln beachtet werden, wo schon lange kein Verkehr mehr herrscht.

Die Zeichen der Zeit
An anderen Stellen ist deutlicher, wie viel Zeit seit 2011 vergangen ist. An dem Bahnhof sind die Gleise inzwischen längst von Pflanzen überwuchert. Die Natur hat sich den Ort zurückerobert – so scheint es zumindest. Doch Leben ist hier nicht möglich, nicht wirklich. Viele Jahre wird es noch dauern, bevor die Menschen zurückkehren dürfen. Ob sie das auch tun werden? Schwer zu sagen. Denn ausgerechnet Naoto, er, der so lange ausgehalten hat, ist mittlerweile desillusioniert. Über sein Land, seine Stadt. Es wird niemals wieder so sein, wie es früher einmal war, gibt er ruhig zu. Nicht hier, nicht für ihn. Wenn dem Beitrag vom 11. Fünf Seen Filmfest eines gelingt, dann dass er sich gegen das Vergessen wendet. Die Öffentlichkeit mag sich nicht mehr für das Thema interessieren, das atmosphärisch dichte Half Life in Fukushima holt es zurück, gibt der tragischen Geschichte wieder ein Gesicht und eine Stimme.



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Fast sechseinhalb Jahre sind seit dem Unglück in Fukushima vergangen, kaum einer denkt mehr daran. Der Dokumentarfilm „Half Life in Fukushima“ erinnert, dass hinter der Geschichte persönliche Schicksale standen, sorgt mit absurden bis gespenstischen Szenen aus der verseuchten Stadt dafür, dass man die Menschen und ihre Leiden nicht vergisst.