„La terre abandonnée“, Belgien, 2016
Regie: Gilles Laurent

La terre abandonneeSieben Jahre ist die Katastrophe von Fukushima inzwischen her. Eine lange Zeit, gerade für Medien. In Deutschland interessiert sich dann auch kaum einer mehr für die unglückliche Verkettung von Erdbeben, Tsunami und Nukleardesaster, die knapp 16.000 Menschen das Leben kostete. In Deutschland hat man sich seither von Atomkraftwerken verabschiedet. Aus den Augen, aus dem Sinn. Für die Bewohner von Tomioka ist das natürlich schlecht möglich. Selbst wer nicht Opfer der Katastrophe wurde, musste die Kleinstadt verlassen. Die Heimat verlassen. Sperrzone, zu nah ist Tomioka an dem havarierten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi.

Naoto Matsuruma ist geblieben und damit zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Wer sonst kann von sich behaupten, der am meist verseuchte Mensch auf der Erde zu sein? Immer wieder tritt er vor die Kamera, erzählt seine Geschichte. Von den vielen Tieren – darunter rund 70 Hunde –, um die er sich kümmern wollte, nachdem Herrchen und Frauchen auf und davon sind. Vielleicht wäre er sonst nicht mehr hier, so sagt er zumindest.

Dabei eint ihn und die anderen Überlebenden, der Wille und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Anders als die schweizerisch-französische Dokumentation Half Life in Fukushima, die ebenfalls von Matsuruma und Tomioka handelt, ist der belgische Kollege hier geradezu trotzig. Nicht die surrealen Bilder einer modernen Geisterstadt bleiben hier im Gedächtnis, sondern die Aufnahmen der Lebenden. Wie sie da sitzen, sich unterhalten, sich über die Regierung und den japanischen Kernkraftwerksbetreiber TEPCO aufregen. Über deren Lügen, die besonders zahlreich und dabei nicht einmal besonders gut sind.

Wir trotzdem dem Tod!
Und doch ist von Resignation nichts zu spüren, wenn die älteren Damen und Herren von früher sprechen, von morgen sprechen. Von dem Alter, das sie noch erreichen wollen. Immer dabei: der Geigerzähler. Ob sie über einen Friedhof laufen oder sich um Tiere kümmern, er ist Zeuge der radioaktiven Verseuchung. Zeigt das an, was nicht zu sehen ist. Idyllisch ist es in dem Ort, ruhig natürlich. Ein Ort, an dem man sich fast vorstellen könnte, für ein paar Tage zum Entspannen hinzufahren. Nur dass eben der Tod der ständige Begleiter ist. Der Tod der anderen, deren Andenken bewahrt wird. Der Tod von Matsuruma, der früher oder später eintreten wird, nachdem er sich tagtäglich der gefährlichen Strahlung aussetzt.

Aber auch der Tod von Gilles Laurent. Der belgische Regisseur starb selbst bei einer Katastrophe, genauer den Anschlägen in Brüssel im März 2016 – fünf Jahre nach Fukushima. Die Fertigstellung seines Dokumentarfilms erlebte der Filmemacher nicht mehr, La terre abandonnée ist gleichermaßen Erinnerung an die Opfer in Japan wie auch eigenes Vermächtnis. Allein deshalb schon ist der Beitrag von Nippon Connection 2017 sehenswert. Mit schönen, komischen, manchmal gespenstischen Bildern bringt er das zurück, was nicht verlorengehen darf. Ein Bewusstsein für die Katastrophe, gepaart mit einem unbeugsamen Lebenswillen, der einem bei allen Vorbehalten doch eine Menge Respekt abringt.

La terre abandonnée
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La terre abandonnée
Jemand musste sich um die Tiere kümmern! „La terre abandonnée“ stellt uns die Menschen vor, die auch nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima in ihrer Heimat bleiben wollten. Zwischen Trotz und Trauer erinnert der Dokumentarfilm an die Opfer 2011 und versucht gleichzeitig nach vorne zu schauen.
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