(„Luo man di ke xiao wang shi“ directed by Er Cheng, 2016)

The Wasted Times

„The Wasted Times“ läuft im Rahmen des 5. Chinesischen Filmfests in München (12. bis 17. Juni 2017)

Seit vielen Jahren schon lebt Watabe (Tadanobu Asano) nun in Shanghai und fühlt sich der Stadt mehr verbunden als seinem Heimatland Japan. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, führt einen gut gehenden Sushi-Laden. Doch seine Loyalität wird auf eine starke Probe gestellt, als die Japaner in den 1930ern beginnen, China zu erobern. Und auch sein Schwager Mister Lu (Ge You), ein verschlagener Gangster, wird bald zu spüren bekommen, wie sehr sich die Zeiten ändern. Soll er sich auf ein Geschäft mit den Besatzern einlassen oder diese bekämpfen? Gleichzeitig hat er mehr als genug damit zu tun, Xiao Liu (Ziyi Zhang) eine Rolle in einem Film zu verschaffen. Die ist zwar nicht die talentierteste, dafür aber mit Lus eigenem Boss verheiratet. Und das ist Grund genug, ein bisschen den eigenen Einfluss spielen zu lassen.

Wenn sich chinesische Filme mit der japanischen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen, dann bekommt das schnell unangenehm nationalistische Tendenzen – siehe etwa Ip Man. Bei The Wasted Times sind diese Sorgen jedoch unbegründet. Nicht weil die Japaner hier als wahnsinnig nette Zeitgenossen dargestellt würden. Sie sind nur seltsam abwesend. Von Watabe einmal abgesehen, der sich zudem kaum noch als Japaner sieht, lässt sich selten mal einer blicken. Selbst während der Kriegsjahre muss man die Szenen schon suchen, in denen wir japanische Soldaten zu Gesicht bekommen. Und das ist nur einer der Punkte, die den Film mindestens ungewöhnlich machen, wenn nicht gar völlig verwirrend.

Was lange währt, wird endlich böse
Lange hat es gedauert, bis der dritte Film von Regisseur und Drehbuchautor Er Cheng dem Publikum zugänglich gemacht wurde. Ursprünglich für Oktober 2015 angekündigt, sollte es mehr als ein Jahr länger dauern, bis The Wasted Times doch noch in die chinesischen Kinos kam. Über die Gründe ließe sich nur spekulieren. Sollte das Werk den heimischen Zensurbehörden am Ende doch zu kritisch sein? Nicht nur, dass eine Verteufelung der Japaner ausbleibt, es sind die eigenen Landsleute, die an den Pranger gestellt werden. Auch das scheint jedoch völlig unabhängig von dem Kriegsgeschehen zu sein. Letzteres ist allenfalls ein Anlass, das Böse im Menschen zu zeigen. Und hier sind sie fast alle böse, sehr böse sogar.

Möglich ist alles, von Vergewaltigung über Korruption bis zu Mord. Die Lebenserwartung der Figuren ist dann auch nicht besonders hoch. Immer wieder werden welche eingeführt, nur um sie gleich im Anschluss wieder abzumurksen. Meistens durch Schusswaffen, zur Not tun es aber auch andere Gegenstände. Faszinierend ist das Ergebnis sicherlich, ein Noir-Krimi ohne Hoffnung, ohne Helden, ohne irgendetwas, woran man sich als Zuschauer klammern kann.

Dass man sich in The Wasted Times so hilflos fühlt, hängt aber auch damit zusammen, wie die Geschichte erzählt wird. Genauer: Wie sie nicht erzählt wird. Grundsätzlich spielt der Film in den Jahren 1933 bis 1945. Wobei es hier kein „bis“ in dem Sinne gibt. Vielmehr springt der Film so sehr zwischen den Jahren hin und her, bis auch das letzte Gefühl von Kontinuität verlorengeht. Auch wenn an und für sich eine Menge passiert, was man anhand des hohen Body Counts festmachen kann, Cheng verweigert sich konsequent einer traditionellen Handlung. Alles geschieht hier gleichzeitig oder in der verkehrten Reihenfolge. Einem roten Faden zu folgen, ist nahezu unmöglich.

Die Zahl der Toten steigt, die Verwirrung auch
Nun ist eine nicht-chronologische Erzählweise ein beliebtes Stilmittel in Mystery-Thrillern. Normalerweise dient diese jedoch dem Zweck, nach und nach Puzzleteile hinzuzufügen, bis sich daraus ein Bild ergibt. Cheng selbst tut das jedoch nicht. Eher beginnt er mit einem Bild, das er nach und nach dekonstruiert, bis am Ende fast nichts mehr übrigbleibt. Das kann man als ambitioniert empfinden, eine Umkehrung dessen, was wir von Filmen erwarten. Oder aber als schade und frustrierend: The Wasted Times bringt so viel mit, was einen an den Bildschirm fesseln sollte. Ein wunderbares und edles Dekor beispielsweise, das völlig zurecht bei den Asia Film Awards nominiert wurde. Und namhafte Schauspieler, die sich hier furchtlos in die Abgründe stürzen, darunter Ziyi Zhang (Tiger & Dragon, The Grandmaster) und Tadanobu Asano (Harmonium, Ruined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore).

Doch auch sie können nichts daran ändern, dass mit dem Abspann nicht das Gefühl einer Bereicherung einhergeht, sondern eines der Leere. Ein Gefühl, dass sich irgendwo in diesen zwei Stunden ein Film versteckt hat, den man aber beim besten Willen nicht finden kann. Wer ein klassisches Kriegs-Krimi-Drama sehen möchte, der ist hier trotz des klassischen Drumherums daher falsch. Experimentierfreudigere Noir-Anhänger dürfen trotzdem einen Blick riskieren, beispielsweise beim 5. Chinesischen Filmfest in München, wo das bislang nicht für Deutschland angekündigte Werk zu sehen ist.

The Wasted Times
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The Wasted Times
„The Wasted Times“ erzählt von Abgründen, Gewalt und der japanischen Besatzung Chinas während des zweiten Weltkrieges. Gleichzeitig aber auch nicht. Das edel ausgestattete und prominent besetzte Krimi-Drama verwischt in zwei Stunden so konsequent die Spuren der Handlung, dass man am Ende fasziniert und frustriert zugleich zurückbleibt.
6von 10

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