(„Rökkur“ directed by Erlingur Thoroddsen, 2017)

„Rift“ läuft im Rahmen des 35. Filmfests München (22. Juni bis 1. Juli 2017)

„Kennst du das, wenn du mitten in der Nacht aufwachst und das Gefühl hast, das jemand bei dir ist?“

Nein, einen solchen Anruf bekommt man nicht gerne. Vor allem nicht um 3 Uhr nachts. Vor allem nicht von Einar (Sigurður Þór Óskarsson), dem psychisch labilen Ex-Freund mit dem Hang zur Flasche. Und so bleibt Gunnar (Björn Stefánsson) nichts anderes übrig, als mitten in der Nacht loszufahren zu dem kleinen Sommerhäuschen, wo er früher viel Zeit mit Einar verbracht hat. Der ist sich keiner Schuld bewusst, Gunnar aus dem Schlaf gerissen zu haben. Alles sei in bester Ordnung, so seine Behauptung. Aber je mehr Zeit Gunnar in der Einöde verbringt, umso stärker ist er davon überzeugt, dass Einar ihm nicht die ganze Wahrheit sagt.

Filme aus Island? Die muss man hierzulande schon mit der Lupe suchen. Sicher, der Output des kleinen Inselstaates dürfte nicht ganz so hoch sein. Dennoch ist es schade, wie wenig wir von dort mitbekommen. Wie schade, das zeigte kürzlich Baltasar Kormákur gleich doppelt: In dem Thrillerdrama Der Eid und der Krimiserie Trapped bewies der auch im Ausland erfolgreiche Regisseur, dass die ursprüngliche, etwas karge und oft menschenleere Umgebung wie gemacht ist für düstere Stoffe. Und auch sein Landsmann Erlingur Thoroddsen, der hier Regie führte und das Drehbuch schrieb, gelingt es bestens, seine Heimat von einer düster-packenden Seite zu zeigen.

Schön unheimliche Abwandlung eines typischen Thriller-Settings
Ein einsames Haus, der nächste Nachbar ist ein ganzes Stück weit entfernt, die nächste Stadt sowieso – das ist ein typisches Setting im Thriller- wie Horrorgenre. Anders als bei den meisten Kollegen ist Rift jedoch nicht in einem unzugänglichen, uneinsichtigen Gelände, etwa einem dichten Wald gelegen. Im Gegenteil: Das Familienhaus von Einar liegt mitten auf dem Präsentierteller. Eine Ebene ohne Rückzugsmöglichkeit, ohne Bäume oder Hügel, die einen verstecken könnten. Thoroddsen setzt also weniger auf das Bedrückend-Klaustrophobische, er erzeugt lieber das Gefühl des Ausgeliefertseins. Umso mehr, da die Tür des Anwesens nicht richtig schließt, wie er in einer mehrminütigen Szene zeigt.

Allgemein hat es der Isländer nicht so mit Subtilität. Manche Momente werden lieber etwas ausgebreitet, damit der Zuschauer auch wirklich merkt, was Sache ist. Oder damit er es nicht merkt. Normalität ist in dem Thriller ein Fremdwort, immer wieder passiert etwas Unerklärliches: ein Mann steht irgendwo in der Gegend herum, Einar beginnt schlafzuwandeln, ein nächtliches Klopfen. Und wenn nichts ansteht, dann lässt Thoroddsen den Wasserhahn tropfen. Das ist dann und wann ein bisschen dick aufgetragen, atmosphärisch ist das Verwirrspiel im hohen Norden jedoch sicherlich. Man bleibt hier allein deshalb schon bis zum Ende dabei, um zu erfahren, was hier denn nun wirklich gespielt wird.

Etwas unausgegorene Mischung
So richtig befriedigend ist der Film dennoch nicht. So manche Spur verschwindet mittendrin, ohne dass sie irgendwohin geführt hätte, diverse Elemente werden als wichtig präsentiert, sind es jedoch am Ende nicht. Auch das gehört natürlich zum kleinen Einmaleins des Mystery-Thrillers: falsche Fährten. Doch sollten die zumindest eine Form der Auflösung erfahren und nicht einfach nur ignoriert werden. Insgesamt stimmt die Balance aus Alltag und Bedrohung nicht so ganz, aus dunklen Geheimnissen und Handlung. Trotz der schönen Bilder und der unheimlich Stimmung, trotz auch der an und für sich interessanten Figuren und der ungewöhnlichen LGBT-Elemente – das unausgegorene Rift kommt nicht an die obigen Beispiele aus dem eigenen Land heran. Ein deutscher Verleih hat sich bislang übrigens noch nicht gefunden, dafür ist der Film auf dem 35. Filmfest München Ende Juni zu sehen.

Rift
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Rift
Ein abgelegenes Haus, seltsame Vorkommnisse, dunkle Geheimnisse – „Rift“ bringt einiges mit, um Fans von Mystery-Thrillern bei Laune zu halten. Atmosphärisch ist der isländische Film auch gut gelungen, es hapert jedoch bei der Balance, zumal diverse Punkte unbefriedigend wieder fallengelassen werden.
6von 10

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