(„Ich durfte am Tisch der Götter sitzen – Schalt‘ die Kamera ein, ich erzähl‘ mein Leben“ directed by Mathias Praml, 1984)

Ich durfte am Tisch der Götter sitzen

„Ich durfte am Tisch der Götter sitzen“ erscheint am 2. Juni 2017 auf DVD

Oskar Werner ist ein Phänomen. Der Satz ist bewusst im Präsens formuliert, auch wenn der Schauspieler seit Oktober 1984 nicht mehr lebt. Lediglich 28 Credits als Schauspieler von 1938 bis 1976 listet die IMDb, Werner aber ist das Vorzeigebeispiel für den Leitspruch „Qualität statt  Quantität“. Über zu wenige Angebote konnte er sich wirklich nicht beschweren, denn abgesehen davon, dass er in etlichen Theaterstücken mitwirkte, hat er über 300 Filmrollen schlichtweg als Verrat an der Kunst abgelehnt. Einen Golden Globe konnte er gewinnen, für zwei weitere sowie für zwei BAFTA Film Awards und einen Oscar war er nominiert.

Zahlreiche Schauspieler sahen und sehen ihn als Inspiration. Der zweifache Oscarpreisträger Spencer Tracy verehrte ihn als besten Schauspieler der Welt, der zweifache Oscarpreisträger Christoph Waltz gibt sich offen als Bewunderer, der zweifache Oscarpreisträger Marlon Brando war von Werners Sterbeszene in Der letzte Akt so entzückt, dass er sie über zwanzig Mal anschaute. Das sind drei Namen, denen selbst jeweils eine große Gemeinde das Prädikat „bester Schauspieler“ aufdrücken würde –und sie alle schauten auf zu dem Wiener mit der eigenwilligen Art. Es vermag sich kaum sonst jemand zu finden, der in seiner Profession so viel Zuspruch von ebenfalls anerkannten Koryphäen erhält.

Im seltenen Gespräch mit dem Künstler
Oskar Werner gäbe also ein fantastisches Sujet für eine Dokumentation ab. Eine solche scheint aktuell nicht geplant zu sein, stattdessen wird nun ein Interview, ein Monolog vielmehr, veröffentlicht, der vor über 30 Jahren gefilmt wurde. Eine Fernsehausstrahlung erfolgte erst 1994 und da Werner generell selten Interviews gab und seine Erben gerichtlich, aber erfolglos gegen eine Ausstrahlung vorgingen, ist es in dieser Hinsicht eine durchaus bemerkenswerte Veröffentlichung.

Der Mann aber, der im März 1984 für Ich durfte am Tisch der Götter sitzen gegenüber von Regisseur und Kameramann Mathias Praml Platz nimmt, wirkt wie ein müder Abklatsch seiner selbst. Das Haar zerzaust, das Gesicht eingefallen, der Blick leer. Fast durchgehend raucht er, bricht immer mal wieder die Dreharbeiten ab und verlangt nach einer Pause, trinkt Alkohol. Er erzählt Anekdoten aus seinem Leben, die mal mehr, mal weniger spannend sind. Der Anblick ist deprimierend und wird durch die technische Umsetzung nicht gerade gemildert. Das Bild wirkt wie mit einer privaten Videokamera aufgezeichnet und enthält hin und wieder sinnlose Zooms. Der ohnehin schlechte Ton – Werner ist mal zu leise, mal zu laut, oft zu unverständlich – wird durch zusätzliche Störgeräusche vermiest, wie etwa das zu laute Knarren eines Stuhles.

Ein etwas dünnes Material
Winkler Film hat mit Zwischenspiel und Das Narrenschiff zwei mehr oder weniger vergessene Klassiker mit Oskar Werner auf den Heimkinomarkt gebracht und im Zuge dessen auch die Interviewdokumentation Ich durfte am Tisch der Götter sitzen auf DVD veröffentlicht. Warum diese nicht einfach als Bonus zu einem der anderen Releases beigegeben wurde, ist leider nicht nachzuvollziehen. „Schau, dass du ein bissel was verdienst dran, wenn i dann nimmer bin“, soll Werner laut Filmkritiker Marc Hairapetian zu Praml gesagt haben, der wie bei den zwei anderen Veröffentlichungen ein Booklet beisteuert, welches auch ein exklusives Interview mit Praml enthält.



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Ich durfte am Tisch der Götter sitzen
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Ich durfte am Tisch der Götter sitzen
"Ich durfte am Tisch der Götter sitzen" ist eher DVD-Bonus statt eigenständiges -Material. Qualitativ minderwertig ist auch der Inhalt nur für Werner-Fans und eventuell noch Filmgeschichtsbegeisterte empfehlenswert. Das wesentlich interessantere "Oskar Werner - Ansichten eines Schauspielers", welches hier als Bonus beiliegt, wäre auf der DVD zu "Das Narrenschiff" deutlich besser aufgehoben, da es während dessen Dreharbeiten entstand.
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