(„Ballerina“ directed by Eric Summer and Eric Warin, 2016)

„Ballerina“ läuft ab 12. Januar im Kino

Im Leben der jungen Félicie gibt es eigentlich nur eins: Tanzen! Schon immer hat das Waisenkind davon geträumt, an die Pariser Oper zu gehen und dort Ballett zu tanzen. Viel Unterstützung bekommt sie dabei jedoch nicht, denn in ihrem streng geführten Waisenhaus hält man wenig von Träumen jeglicher Art. Nur der gleichaltrige Victor, der selbst einmal ein Erfinder werden will, hält an dem trostlosen Ort zu ihr. Und so beschließen beide, eines Tages zu türmen und in Paris ihr Glück zu versuchen. Tatsächlich ergattert das Mädchen in der Stadt der Liebe auch eine Einladung zum Vortanzen. Gewissermaßen. Denn eigentlich war die für ein anderes Mädchen bestimmt. Aber für ihren Traum ist Félicie nun mal auch zu kleineren Gaunereien bereit. Einfacher wird es dadurch jedoch nicht, stellt sich das Vortanzen doch als ungemein hart heraus, die Konkurrenz ist groß.

Im Familiensegment des Kinos gehört es zu den festen thematischen Bestandteilen, wie sich tendenziell unterprivilegierte junge Menschen mit großen Träumen eben diese erkämpfen, trotz aller Hindernisse. Vor allem in animierter Form sorgte die alte Geschichte vom triumphierenden Underdog oder anderen Tierarten dieses Jahr für volle Kassen: Zoomania präsentiert uns eine kleine Häsin, die in der Großstadt Karriere als Polizistin macht, in Sing durfte gleich ein halbes Dutzend Tiere mit Sangesambitionen der Welt zeigen, was es drauf hat. In Ballerina ist es nun zwar eine menschliche Protagonistin, weniger märchenhaft ist das Abenteuer des kleinen Waisenkinds aber nicht. Und auch nicht weniger vorhersehbar als das Bühnengehopse der animalischen Casting Show.

Das ist dann auch das größte Problem von Ballerina: Der Film hält sich so sehr an die bereits ausgetanzten Pfade, dass er es verpasst, eine eigene Identität für sich zu finden. Félicie ist zwar nicht ganz so perfekt wie andere Kinderfilmheldinnen – weder als Tänzerin, noch charakterlich, beginnt ihre Karriere doch mit dem Diebstahl eines Briefes. Allerdings lässt die frankokanadische Produktion von Anfang an keinen Zweifel daran, dass ihre Konkurrentin Camille trotz ihres Reichtums den Bodensatz der moralischen Gesellschaft ausmacht und versucht die kleine Mogelei dadurch gleich wieder zu rechtfertigen. Mit ambivalenten Figuren hat man es hier aber ohnehin nicht so, wer gut und wer böse ist, das wird immer schon in der jeweiligen ersten Szene festgelegt.

Ein bisschen wird die strenge Schwarz-Weiß-Zeichnung später wieder aufgeweicht, das geschieht allerdings so plötzlich, dass es allenfalls die anvisierte junge Zielgruppe in der Form annehmen mag. Die wird sich auch nicht daran stören, dass Konflikte etwas an Stellen gepresst werden, wo sie eigentlich nicht hineinpassen, die erzählerische Eleganz mit der artistischen nicht mithalten kann. Immerhin darf das Publikum an einigen Stellen lachen, denn auch wenn hier abseits von Hollywood produziert wird, auf die üblichen Slapstickeinlagen muss niemand verzichten, Freund Victor scheint ohnehin größtenteils nur der Komik wegen eingebaut worden zu sein.

Dem sehr schablonenhaften, holprigen Inhalt zum Trotz, Charme und Herz kann man Ballerina kaum absprechen. Das liegt auch an der Optik dieser 30-Millionen-Dollar-Produktion, die es naturgemäß nicht mit Disney, Pixar oder DreamWorks Animation aufnehmen kann, aber doch sehr detailreich ist, vor allem die (etwas sehr sauberen) Straßen von Paris hübsch einfängt. Die Animationen selbst sind ein wenig zwiespältig, überzeugen während der Tanzeinlagen, sind sonst oft aber zu sprunghaft; im Film scheinen vor allem Gummipuppen unterwegs zu sein. Wenig geglückt sind die diversen englischsprachigen Poplieder, die wie der Inhalt selbst nicht nur völlig austauschbar sind, sondern auch so gar nicht ins Frankreich des späten 19. Jahrhunderts passen. Da wäre es doch schöner gewesen, das Szenario stimmiger aufzugreifen, anstatt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurückzugreifen. Ein netter Animationsauftakt ins neue Jahr ist das hier aber schon, vertreibt einem zumindest die Zeit, bis die nächsten Schwergewichte anstehen.

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Ballerina
Ich tanze, also bin ich! „Ballerina“ nutzt sein Szenario aus dem Paris des 19. Jahrhunderts kaum aus, setzt auf einen austauschbaren Plot und Schwarz-Weiß-Figuren. Charmant ist der Film dennoch irgendwie, manchmal witzig, optisch bis auf die Gummi-Animationen insgesamt auch sehr nett.
6von 10

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