(„The Boy“ directed by William Brent Bell, 2016)

The Boy

„The Boy“ läuft ab 18. Februar im Kino

Einfach nur weg, den Alltag und die Vergangenheit hinter sich lassen, woanders neu anfangen und zu sich kommen: Mehr will die junge Amerikanerin Greta (Lauren Cohan) gar nicht. Als sie das Angebot erhält, in einem abgelegenen englischen Dorf als Kindermädchen zu arbeiten, kommt ihr das dann auch gerade recht. Sie soll sich um den achtjährigen Brahms kümmern, während dessen Eltern Mr. und Mrs. Heelshire (Jim Norton und Diana Hardcastle) verreist sind. Eine einfache Aufgabe, sollte man meinen. Kompliziert wird es jedoch, als sie realisiert, dass es sich bei Brahms nicht um einen Menschen, sondern eine Puppe handelt, die recht detaillierte Regeln aufgestellt hat, was Greta während ihres Aufenthalts zu tun und zu lassen hat.

Puppen sind zum Spielen da, zum Spaßhaben und zum Träumen. Normalerweise. Im Horrorgenre finden aber immer mal wieder Filmemacher Mittel und Wege, die diabolischen Seiten der leblosen Gestalten hervorzuheben, die harmlosen Träume in schreckliche Alpträume zu verwandeln – ob es nun der blutige Splatterklassiker Chucky – Die Mörderpuppe ist oder das Conjuring-Spinoff Annabelle. Nun versucht auch The Boy, vom dicken Schauerkuchen zu naschen und macht dabei eine ganz passable Figur, selbst wenn – oder vielleicht gerade deshalb? – der Film nur bedingt mit den populären Vorbildern vergleichbar ist.

Anders als dort, wo zumindest der Zuschauer recht bald Bescheid weiß, was Sache ist, lassen es Regisseur William Brent Bell und Drehbuchautorin Stacey Menear lange offen, ob das Böse wirklich umgeht in dem alten englischen Haus oder alles nur durch das Alleinsein bedingte Halluzinationen. Das ist teils recht geschickt gemacht, an einer Stelle sogar brillant, so wie The Boy zu keiner Zeit wirklich daneben langt. Nachteil der nur angedeuteten Horrorvorkommnisse: Der Film wird nie wirklich spannend. Nur selten passiert hier tatsächlich einmal etwas, die meiste Zeit schleicht Greta einfach durchs leerstehende Haus, hört Schritte, sieht Schatten oder findet Brahms an einer anderen Stelle oder in einer anderen Position, als sie ihn zuvor zurückgelassen hat. Dass die junge Frau zunehmend an sich zweifelt, ist da nur verständlich, insgesamt auch sowohl glaubhaft geschrieben wie gespielt. Das Gefühl einer echten Bedrohung will sich so jedoch nicht einstellen.

Über weite Strecken meint man dann auch mehr, ein Drama vor sich zu haben als einen tatsächlichen Horrorfilm. Das ist auch den beiden Schauspielveteranen Jim Norton und Diana Hardcastle zu verdanken, die eine hervorragende Leistung als ein von Trauer und Schwermut zerfressenes Ehepaar abgibt, das nur noch für diese Puppe lebt. Abgerundet wird der gut besetzte Film durch Rupert Evans als charismatischer Essenslieferant Malcom, der hier das obligatorische Love Interest verkörpern darf. Während das Quartette grundsätzlich überzeugt, ist der Nebenstrang um Gretas eifersüchtigen und gewalttätigen Exfreund Cole (Ben Robson) eine recht billige und überzogene Methode, um sowohl ihre Flucht ins Ausland wie auch das dramatische Ende zu rechtfertigen. Beides hätte es nicht gebraucht, nutzt der Geschichte kaum.

Ein bisschen mehr Arbeit am Drehbuch wäre also nicht verkehrt gewesen, denn die Zutaten für einen gepflegten Grusler sind da – inklusive einem schön unheimlichen Haus mit altmodischer Einrichtung, einem Labyrinth aus Gängen und knarzenden Dielen. Nicht zu vergessen die Puppe, die auch ohne Mimik eine Mischung aus Trauer und Wahnsinn verkörpert. Schön anzusehen ist The Boy deshalb auch, prinzipiell atmosphärisch, letztendlich aber dann doch ein wenig zu eintönig und formelhaft, um sich von der zahlreichen Konkurrenz abzuheben.

The Boy
3.84 (76.8%) 25 Artikel bewerten

The Boy
Warum kümmert sich ein Ehepaar um eine Puppe? Und was geht wirklich vor in dem Landhaus? „The Boy“ lässt sich lange nicht in die Karten schauen, ist beim Erschaffen einer mysteriösen Atmosphäre auch recht geschickt. Trotz einer guten Besetzung und eines schön unheimlichen Hauses fehlt es aber am Ende an Spannung, dafür sind die Gruselmomente dann doch zu sehr nach demselben Muster gestrickt.
6von 10

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