(„The March“ directed by David Wheatley, 1990)

Der Marsch

„Der Marsch“ ist seit 4. Dezember auf DVD erhältlich

Die Gier nach Reichtum der Industriestaaten ist schuld daran, dass es dem Rest der Welt so schlecht geht, davon ist Isa El-Mahdi (Malick Bowens) überzeugt. Sie mögen später Geld gegeben haben, aber das war nicht genug, um das zuvor geschehene Unrecht wiedergutzumachen. Und so organisiert der Nordafrikaner einen Marsch von Flüchtlingen aus sudanesischen Flüchtlingslagern nach Europa, um dort eine neue Heimat zu finden. Anfangs noch eine recht kleine Bewegung, schließen sich immer mehr Menschen dem Marsch an, bis dieser zu einer richtigen Völkerwanderung anschwillt. Für die Medien ist das ein gefundenes Fressen, aber auch die Irin Clare Fitzgerald (Juliet Stevenson), Kommissarin für Entwicklung bei der Europäischen Gemeinschaft, zeigt große Anteilnahme, sieht sie darin doch ihre Chance, endlich die benötigten Geldmittel zu bekommen, um den Notleidenden zu helfen.

Der Anlass für den Flüchtlingsstrom mag kein Krieg gewesen sein, sondern „nur“ Hunger. Ansonsten aber wartet Der Marsch mit einem Thema auf, das kaum aktueller sein könnte. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil der Film kein Versuch ist, noch schnell auf die Betroffenheitswelle aufzuspringen und mit dem medial ausgeschlachteten Leid anderer Geld zu machen, da er bereits 25 Jahre auf dem Buckel hat. 1990 war die Welt noch mit dem Ende des Kalten Krieges beschäftigt, da richtete Autor William Nicholson – der später immerhin die Drehbücher zu Gladiator, Les Misérables und Everest schrieb, den Blick Richtung Süden und warnte vor einem ganz neuen Krisenherd.

Das wirkte seinerzeit sicher beunruhigend, gleichzeitig aber auch weit hergeholt. Welche Verbindung gibt es zwischen dem Reichtum Europas und der Armut Afrikas, die von El-Mahdi so vehement wiederholt wird? Eine wirkliche Antwort, welche über die These hinausgeht, hat der Film nicht zu bieten, weshalb nicht nur die Politiker in Der Marsch etwas ratlos sind, dem Zuschauer geht es nicht anders. Aber darum geht es in dem Drama auch gar nicht, Schuldzuweisungen sind hier nur ein Randthema. Die Frage ist vielmehr: Wie gehen wir damit um, wenn auf einmal mehr als 200.000 verarmte und verzweifelte Menschen vor deiner Tür stehen und reinwollen? Schickst du sie weg, notfalls mit Gewalt? Nimmst du sie auf? Kannst du das überhaupt?

Am besten funktioniert der Film dann auch als was-wäre-wenn-Überlegung, die einen mit einer unangenehmen Situation konfrontiert und zwingt dazu Stellung zu beziehen – weglaufen ist nicht. Die beunruhigende Situation hat hier jedoch immer etwas recht Universelles und Hypothetisches an sich. So verzichtet der Film darauf, den Flüchtlingen über den selbstgerechten Isa El-Mahdi hinaus eine echte Persönlichkeit zu geben, weswegen er einem nie so nahe geht, wie es die Geschichte eigentlich verdiente. Dafür wurde recht unnötig Clare eine Nebenhandlung um ihre zunehmend demenzkranke Mutter hinzugedichtet, welche in keinem Bezug zum Thema steht und auch zur Charakterisierung kaum geeignet ist. Hinzu kommt, dass die schauspielerischen Leistungen durchweg eher durchwachsener Natur sind. Ein tatsächlich bewegendes Drama ist Der Marsch dann auch weniger, soll es vielleicht aber auch gar nicht sein. Wer diesen Anspruch aber gar nicht hat und sich nicht an der distanzierten Erzählweise stört, dafür aber einen zum Nachdenken anregenden Film sucht, darf sich darüber freuen, dass die düstere Nicht-mehr-Zukunftsvision 15 Jahre später nun auf DVD erhältlich ist.



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Der Marsch
Flüchtlinge strömen nach Europa, um dort ein besseres Leben zu finden – nein, das ist kein Beitrag aus den Nachrichten, sondern ein 15 Jahre altes Drama. Das ist allein schon aufgrund der aktuellen Thematik interessant, regt auch sehr zum Nachdenken an, ist allerdings insgesamt recht distanziert und nicht überragend geschauspielert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

2 Responses

  1. Gallalegrand

    Ein britischer Fernsehfilm aus dem Jahr 1990 wird, wenn ich die Datumsangabe „22.12.2015“ richtig verstehe, im Jahre 2015 rezensiert, und man spricht von einem Film, der „bereits 15 Jahre auf dem Buckel hat“? Was ist denn da im Mathe-Unterricht schiefgelaufen? Abgesehen davon gefällt die Rezension größtenteils, vor allem, weil der Film tatsächlich mehrere Fragen unbeantwortet lässt, und weil sein Schluss, auf den der Film unweigerlich (Jeder Marsch hat ein Ziel) hinausläuft, den Zuschauer eher ratlos zurücklässt. Raspail kommt in seinem – bisher nicht verfilmten – Roman „Das Heerlager der Heiligen“ wenigstens zu einer – wenn auch nicht angenehmen – Auflösung. Dass seitens des Rezensenten die Schlüsselfigur des Films, der „Mahdi“ als „selbstgerecht“ bezeichnet wird, schlägt den Bogen zur Realität – denn dieses Attribut passt auch zu einigen Akteuren der heutigen Lage, und zwar nicht nur auf der Seite der „Flüchtenden“.

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