(„Alice“ directed by Nick Willing, 2009)

Alice im Wunderland 2009Das mit den Bindungen war noch nie so ihr Ding gewesen. Als Alice (Caterina Scorsone) von ihrem Freund Jack (Philip Winchester) einen Ring erhält, beendet sie ihre noch junge Beziehung dann auch recht bestimmt. So ganz klappt das mit dem Schlussstrich jedoch nicht, hat Jack beim Herausgehen doch den Ring in Alice’ Wohnung zurückgelassen. Als sie das eigenwillige Schmuckstück zurückbringen will, wird sie von einem seltsamen Mann überfallen. Alice, als Judomeisterin nicht übermäßig furchtsam, folgt dem Unbekannten durch einen großen Spiegel in ein fremdes Land, das von der grausamen Herz-Königin (Kathy Bates) und ihrem Mann (Colm Meaney) regiert wird. Wo ist sie da nur gelandet? Und wie kommt sie von hier wieder nach Hause? Glücklicherweise ist Alice bei der Reise nicht ganz auf sich allein gestellt, denn der Hatter (Andrew-Lee Potts) und der weiße Ritter (Matt Frewer) stehen ihr bald zur Seite.

Was ist nur aus dem guten alten Wunderland geworden? Schon ein Jahr, bevor Tim Burton mit seiner Quasi-Fortsetzung von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ die Kinokassen dominierte, stellte sich sein britischer Kollege Nick Willing eine ganz ähnliche Frage. Mit dem Erfolg der Disney-Produktion konnte es die Miniserie nicht aufnehmen, was neben dem Fernsehformat sich auch an der im direkten Vergleich sehr viel weniger prominenten Besetzung lag. Dabei war sie inhaltlich sogar die interessantere, war eine sehr viel radikalere Neuinterpretation des bekannten Stoffes. Das ist auch insofern bemerkenswert, da Willing kein Unbekannter im Wunderland war: Zehn Jahre zuvor hatte er die beiden Alice-Bücher schon einmal für das Fernsehen adaptiert. War Alice im Wunderland seinerzeit aber eine doch recht werksgetreue Verfilmung, begnügte er sich hier mit Anspielungen und Versatzstücken, viele Figuren sind kaum mehr wiederzuerkennen.

Das weiße Kaninchen ist ein finsterer Mann im Dienste ihrer Majestät, der Märzhase ein Auftragskiller, Tweedledum und Tweedledee sadistische Folterer. Allein das zeigt schon, wie düster Carrolls Welt hier geworden ist, wo Burton sich noch mit dunklen Farben begnügte, ging Willing mittenrein in die Abgründe. Wirklich brutal wird die Serie nie, auch nicht so alptraumhaft wie Jan Švankmajers Stop-Motion-Variante Alice. Für Kinder ist der erneute Ausflug ins Wunderland – die Serie spielt fast 150 Jahre nach dem Buchabenteuer – dennoch weniger geeignet. Von dem absurden Humor, der die Vorlage ausgezeichnet hat, ist ebenfalls kaum mehr etwas übrig. Für deren Fans ist Alice im Wunderland dann auch weniger als tatsächliche Adaption interessant, sondern vielmehr als Experiment, wie weit man das Was-wäre-wenn-Spiel treiben kann.

Ob es dafür das (Mini-)Serienformat gebraucht hätte, darüber kann man sich streiten, die neue Geschichte ist interessant, bietet aber für drei Stunden nicht wirklich genug Stoff – oft geht es hier nicht wirklich voran, manche Elemente und Figuren werden kaum genutzt. Gegen Ende hin wird es zudem sehr konventionell. Dafür sieht Alice im Wunderland fast durchgängig sehr gut aus. Manche der Effekte hat man zwischenzeitlich sicher schon hübscher gesehen. Andererseits passt das Künstliche prima zu der traumartigen Atmosphäre der Geschichte, den futuristischen Gebäuden, den grotesken Figuren. Sehenswert ist die Neuinterpretation aber auch der Darsteller wegen: Kathy Bates als herrische Königin ist eine absolute Idealbesetzung, Caterina Scorsone als kampfsporterfahrene Alice, die sich so gar nichts gefallen lässt, hat ebenfalls ihren Reiz, so wie die Verfilmung eben davon lebt, dass Bekanntes hier einmal ganz anders präsentiert wird. Lässt man diese Verbindungen weg, büßt Alice im Wunderland einiges ein, bleibt aber auch dann noch eine zumindest solide Fantasy-Sci-Fi-Serie.

Alice im Wunderland (2009)
4 (80%) 17 Artikel bewerten

Alice im Wunderland (2009)
„Alice im Wunderland“ ist eine düstere und sehr freie Was-wäre-wenn-Interpretation des bekannten Stoffes, die gerade durch den Vergleich zur Vorlage ihren Reiz erhält. Dank der sehr guten Optik, einer teilweise interessanten Geschichte und der Besetzung bietet die Serie aber auch für Nichtfans solide Fantasy-Sci-Fi-Unterhaltung.
7von 10

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