(„Amok – Hansi geht’s gut“ directed by Zoltan Paul, 2014)

Amok Hansi gehts gut DVD

„Amok – Hansi geht’s gut“ ist seit 17. Juli auf DVD erhältlich

Seine Ehe ist gescheitert, das Verhältnis zu seiner Mutter zerrüttet, hinzu kommen Alkoholprobleme – das Leben von Lorenz Fuchs (Tilo Nest) ist durch Fehlschläge und Einsamkeit geprägt. Das einzige, was ihn am Laufen hält, ist die tägliche Routine, in der er es sich daheim eingerichtet hat. Doch genau diese wird zerstört, als ihm sein Chef (Charly Hübner) eröffnet, dass die Firma nach Hamburg umzieht und Fuchs mitgehen soll – nachdem er ihm geholfen hat, das Unternehmen abzuwickeln. Trotz vieler warmer Worte, der Buchhalter ist alles andere als glücklich. Vielmehr steigt eine unglaubliche Wut in ihm auf, die er nicht länger unterdrücken will.

Wann immer Menschen Amok laufen, andere wahllos verletzen oder gar töten, bleibt oft Hilflosigkeit und Unverständnis zurück: Warum tut jemand sowas? Was veranlasst einen zu so einer Tat? Eine Antwort darauf liefert Amok – Hansi geht’s gut, und dann auch wieder nicht. Hinweise auf Fuchs’ Seelenzustand gibt es, aber nur selten und beiläufig. Es dauert schon eine ganze Weile, bis er überhaupt etwas sagt. Meistens beschränken sich seine Äußerungen auf ein „ja“ oder „nein“, oder eben auch: „Sind die Waffen alle echt?“. Den Rest erfahren wir durch die deutlich gesprächigeren Nebenfiguren, manchmal auch nur durch die recht starke Atmosphäre und die Bilder: Die anonyme Stadt, vielleicht auch die Gesellschaft an sich, sie lassen keinen Platz für Menschen.

Die sparsame Kommunikation steht symbolisch für das, was im Leben von Fuchs nicht funktioniert: Die Verbindung zur Außenwelt ist gestört. Anstatt sich mit anderen auszutauschen, zieht er sich in seine Wohnung zurück, blockt ab, was ihm zu nahe kommen könnte, weigert sich, alte Traumata anzusprechen, ernährt sich von Fertiggerichten, lebt zwischen Kartons. Wie bedrohlich in einem solchen Fall eine Zwangsumsiedlung sein muss, wird plausibel gezeigt. Hinzu kommt, dass der Verursacher der Routineunterbrechung – Fuchs’ Chef – ein profitgieriger Unmensch ist, der sich am Leid anderer erfreut. Wunderbar widerwärtig von Charly Hübner gespielt, wird er zum Sinnbild einer entmenschlichten Wirtschaft, eines Unternehmertuns, das sich über alles und jeden hinwegsetzt und dabei mit Floskeln um sich wirft.

Dennoch bleiben Fragen zu den Hintergründen offen, Fuchs ein Fremder. Faszinierend ist es, ihm dabei zuzusehen, wie er durch die Stadt streift, Menschen ohne großes Verständnis beobachtet, begleitet nur von düsterer Musik. Aber auch ein wenig frustrierend, die Distanz zu dem einsamen Wutbürger zu groß. So sehr Fuchs daran scheitert, sich in der Welt zu integrieren, so wenig wird er selbst zu einem Teil des Geschehens. Nun muss ein Amokläufer nicht zwangsweise erklärbar sein, Staudamm zeigte, dass man das vielleicht auch gar nicht muss, der Mensch kein bis ins kleinste durchdefinierbares Wesen ist. Zusammen mit der eher überschaubaren Handlung bleibt so am Ende aber relativ wenig übrig, an dem man sich festhalten könnte. Bis auf die Erkenntnis, dass manche einfach nicht für diese Welt geschaffen sind, jahrelang unbemerkt vor sich hinleben können. Und dass nicht verarbeitete Schmerzen manchmal ein gefährliches Eigenleben entwickeln können.

Amok – Hansi geht’s gut
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Amok – Hansi geht’s gut
Was bringt einen unscheinbaren Menschen dazu, Amok zu laufen? Eine eindeutige Antwort liefert „Amok – Hansi geht’s gut“ nicht, auch wegen des wenig mitteilsamen Protagonisten. Das ist streckenweise faszinierend, insgesamt auch atmosphärisch recht stark, am Ende aber doch frustrierend distanziert.
6von 10

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