(Northmen: A Viking Saga“ directed by Claudio Fäh, 2014)

Northmen – A Viking SagaGlück oder Unglück? Als 873 n. Chr. eine verbannte Gruppe Wikinger unter der Führung von Asbjörn (Tom Hopper) Britannien ansteuert, gerät sie nicht nur in einen Sturm, der sie in Schottland stranden lässt, sie wird dort auch noch gleich von einer Horde bewaffneter Soldaten in Empfang genommen. Doch die wackeren Nordmänner machen mit den Einheimischen Kleinholz und finden im Anhang sogar wertvolle Beute: Lady Inghean (Charlie Murphy), die Tochter des Königs. Außer sich vor Wurt, dass eine Bande hergelaufener Barbaren sein Fleisch und Blut raubt, schickt der Monarch eine brutale Söldnereinheit um den skrupellosen Hjorr (Ed Skrein) hinterher. Hilfe finden die mutigen Krieger beim geheimnisvollen Mönch Conrall (Ryan Kwanten), der sie bei ihrer Flucht unterstützt.

Der Medicus, Die Wanderhure, Die Pilgerin – wer eine Vorliebe fürs Mittelalter hat, konnte sich in den letzten Jahren über mangelnde filmische Interpretationen kaum beklagen. Dass irgendwann auch die Wikinger sich über die große Leinwand metzeln dürfen, ist da keine große Überraschung. Dann schon eher, dass es überhaupt so lange gedauert hat, auch die Krieger aus dem hohen Norden mit ins Boot zu hohlen. Immerhin bot die lange Zeit ausreichend Gelegenheit, sich darüber Gedanken zu machen, wie man die noch unverbrauchten Protagonisten in Szene setzt, um sich von der großen Konkurrenz abzuheben. Genutzt hat diese Gelegenheit hier jedoch niemand.Northmen – A Viking Saga Szene 1

Dabei macht der Einstieg noch mächtig Laune: die peitschende See, karge Landschaften, schwer bewaffnete Hünen. Wenn die dann noch aufeinander losgehen und sich in kraftvollen Actionszenen die Köpfe kleinschlagen, ist der Grundstein schon mal gelegt, einem atmosphärischen Historienabenteuer steht nichts im Wege. Da das Autorenduo aber wohl nicht allein darauf vertrauen wollte, bauten sie zur Sicherheit noch einige kuriose Einfälle ein: Inghean hat seherische Fähigkeiten, der Suchfalke der Söldner scheint ein Kommunikationstalent à la Lassie zu besitzen, Conrall ist ein Waffenexperte mit offensichtlich paranoiden Zügen. Warum sonst sollte ein zurückgezogener Geistlicher seinen Turm für einen Großangriff wappnen?

Während solche Punkte höchst überflüssig sind, machte es sich die Kreativität an anderen Stellen doch sehr bequem. Dass die Figuren aus reinen Archetypen bestehen, die Charakterbeschreibung der Gegner sich allein mit dem Wort „böse“ bereits vollständig zusammenfassen lässt, darüber lässt sich noch hinwegsehen. Schließlich braucht es in diesem Genre klar zuweisbare Rollen. Und das ist hier gegeben: Die Wikinger sind bei aller Wildheit und trotz ihrer Raubzüge ehrenwert, müssen deshalb auch gegen die charakterlosen Schotten gewinnen.Northmen – A Viking Saga Szene 2

Ärgerlich noch ist aber, dass bei der Handlung das Klischeebuch schon arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ob es totgeglaubte Figuren sind, die im exakt richtigen Moment wieder auftauchen, oder Verfolger, die mal deutlich schneller, dann wieder deutlich langsamer sind – je nachdem, wie es das Drehbuch gerade braucht – Northmen wird mit der Zeit immer genügsamer, einfallsloser und eben auch langweiliger. Wer das Wikingerabenteuer genießen will, der darf sich an Punkten wie Vorhersehbarkeit, mangelnder Glaubwürdigkeit oder idiotisch handelnden Protagonisten also nicht stören. Und auch nicht an Pathos, denn der ist ebenfalls reichlich vorhanden. Für die Zielgruppe mag das reichen, angesichts der prinzipiell gelungenen Atmosphäre und der urigen Landschaftsaufnahmen wäre hier jedoch deutlich mehr drin gewesen.

Northmen – A Viking Saga läuft ab 23. Oktober im Kino



(Anzeige)

Northmen – A Viking Saga
3.75 (75%) 4 Artikel bewerten

Northmen – A Viking Saga
Eine gelungene Atmosphäre, karge Landschaften, düstere Bilder und kraftvolle Kämpfe: Die Grundvoraussetzungen stimmen bei Northmen. Dem steht jedoch eine klischeeüberladene Geschichte gegenüber, viele unglaubwürdige Szenen und eine Überdosis Pathos.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.