(„Gabrielle“ directed by Louise Archambault, 2013)

Gabrielle – (K)eine ganz normale LiebeZwei Dinge sind es, die Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) über alles liebt, die der Kanadierin mit dem Williams-Beuren-Syndrom Halt geben: ihre Familie und die Musik. Und es scheint ja auch gut zu laufen für die lebenslustige junge Frau, vor allem dem bevorstehenden Auftritt ihres Chors zusammen mit dem berühmten Chansonnier Robert Charlebois (Robert Charlebois) fiebert sie voller Vorfreude entgegen. Doch längst sind dunkle Wolken am Himmel aufgezogen. Ihre Schwester Sophie (Mélissa Désormeaux-Poulin), die sich aufopferungsvoll um sie kümmert und die wichtigste Bezugsperson in ihrem Leben ist, plant nach Indien auszuwandern. Und dann wäre da noch Martin (Alexandre Landry), der ebenfalls geistig behindert ist und im selben Chor singt. In ihn hat sich Gabrielle unsterblich verliebt. Erwidert werden die Gefühle sogar, doch das Umfeld der beiden ist weniger davon begeistert, versucht zum Teil sogar, die beiden gezielt auseinanderzubringen.

Auch geistig Behinderte sollen ein ganz normales Leben führen können. Das hört sich gut an, richtig fair und verständnisvoll. Aber was genau heißt das schon? Ob sie denn schon operiert sei, fragt Martins Mutter, als sie von der sich anbahnenden Romanze der beiden erfährt und nimmt dafür nicht einmal in den Mund, was sie konkret sagen will. Mit dieser kleinen Szene zeigt die kanadische Regisseurin Louise Archambault, wie verkrampft der Umgang mit den Betroffenen bei aller Fürsorge ist. Sie dürfen auf Bühnen auftreten und arbeiten und sich schick machen. Aber Fortpflanzen? Das geht nun wirklich nicht. So als ließe man Kinder ein Leben nachspielen, mit Kostümchen und Spielzeugmöbeln.Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe Szene 1

Dabei verzichtet Archambault darauf, die Mutter zu verurteilen oder auch die Behinderten zu mehr machen zu wollen, als sie am Ende sind. Auf sich allein gestellt gelingt Gabrielle erstaunlich viel, aber eben auch nicht alles. Die Diabeteskranke ernährt sich dann mitunter falsch, kommt mit einem Toaster nicht klar, weiß nicht, wie sie von einem Ort zum anderen gelangt. Auf diese Weise wird in Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe sehr schön die besondere Schwierigkeit der Situation herausgearbeitet: Gabrielle ist kein kleines Kind, sondern hat dieselben Bedürfnisse und Sehnsüchte wie der Rest der Menschheit. Ganz damit allein lassen kann man sie jedoch auch nicht. Was also tun?

Eine Antwort darauf gibt das Drama nicht. Wichtiger war es Archambault das Leben von geistig Behinderten darzustellen, so wie es eben ist, ohne es zu beschönigen, in den Kitsch zu verfallen oder im Gegenteil unnötig zu verkomplizieren. Hier gibt es keine übersteigert dramatischen Momente, sondern einen unaufgeregten Blick in den Alltag. Dass für die Bewohner des Behindertenwohnheims fast ausschließlich Leute genommen wurden, die tatsächlich betroffen sind – Gabrielles Darstellerin Gabrielle Marion-Rivard leidet auch im wahren Leben an WBS – unterstützt dabei die Authentizität. Da auch keine Musik, ausgenommen der Chorauftritte, verwendet wurde, könnte man an vielen Stellen meinen, keinen Spielfilm, sondern eine reelle Reportage vor sich zu haben. Nur wenn Archambault vereinzelt bewusst den Ton komplett abdreht, um die Wirkung des Moments zu steigern, werden wir aus der Illusion gerissen.Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe Szene 2

Ein derart ungekünstelter Zugang hat natürlich den „Nachteil“, dass Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe eher spröde ist, insgesamt auch nicht allzu viel passiert. Wer es jedoch etwas leiser mag, wird jedoch genau das zu schätzen wissen und findet hier eine unaufgeregte Liebesgeschichte, weitab von Hollywood und Genreklischees.

Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe ist seit 5. September auf DVD erhältlich

Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe
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Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe
Dürfen geistig Behinderte eine Beziehung führen? Von dieser Frage ausgehend wirft das leise Drama Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe einen authentischen, fast reportageartigen Blick in das Leben zweier Betroffener, ohne zu verschönern oder zu verurteilen.
7von 10

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