(„Man of Tai Chi“ directed by Keanu Reeves, 2013)

Man of Tai ChiWer soll denn bitteschön mit verweichlichtem Tai Chi einen Wettstreit gewinnen? Karate, Tae-Kwon-Do, Boxen, vielleicht auch Judo – das sind die probaten Mittel, um jemanden schnell und effektiv auf die Bretter zu legen. Aber doch nicht der Meditationssport Tai Chi! Als Tiger Chen Lin-Hu (Tiger Chen) antritt, um die Vorteile seiner Kampfkunst zu demonstrieren, dann ist es kein Wunder, dass er von den Reportern gerade mal einen Außenseiterstatus zugesprochen bekam. Wundern tun sich jedoch seine Gegner, die nach und nach den Kürzeren ziehen. Damit erlangt er nicht nur die Aufmerksamkeit und Gunst des Publikums, sondern auch die von Donaka Marks (Keanu Reeves).

Der ist tagsüber Chef einer zumindest nach außen seriösen Sicherheitsfirma, nachts organisiert er wesentlich rentablere und äußerst illegale Schaukämpfe. Der notorisch klamme Tiger sagt zu, an diesen teilzunehmen, erst aus Neugierde, später um das nötige Geld für die Restauration seines Tempels zusammenzubekommen. Schon bald tritt das noble Ziel aber in den Hintergrund und der kleine Chinese erliegt dem Rausch der Kämpfe und dem des Geldes – sehr zum Missfallen seines alten Meisters Yang (Yu Hai). Und noch jemand hat etwas gegen diese blutrünstigen Kämpfe einzuwenden: Polizistin Sun Jingshi (Karen Mok), die schon lange Donaka auf der Spur ist.Man of Tai Chi Szene 1

Wenn ein Darsteller plötzlich Regisseur spielt, ja, da darf man schon mal skeptisch sein. Natürlich gibt es einige, die auf dem Regiestuhl eine gute Figur abgaben (Clint Eastwood, Robert Redford, Sean Penn) oder zumindest viel Geld reinholten (Mel Gibson, Til Schweiger). Andere (Ethan Hawke, Forest Whitaker, Chris Rock) haben sich da teils böse die Finger verbrannt. Und nun ist es eben, Keanu Reeves, der sich an einer neuen Berufung versucht. Dass sich der Kanadier auch noch einem fernöstlichen Thema angenommen hat, von dem Aufstieg und Fall eines Martial-Arts-Adepten erzählen will, lässt nicht viel Platz für hohe Erwartungen.

Trotz der wenig vielversprechenden Ausgangslage ist bei Man of Tai Chi das Ergebnis aber gar nicht mal übel. Kein Wunder, umgibt er sich doch mit erfahrenen Leuten. Hauptdarsteller Chen Lin-Hu konnte in seiner Heimat China schon so manche Wushu-Turniertrophäe mit nach Hause nehmen und arbeitete als Stuntman in Matrix und Tiger & Dragon. Und auch Actionchoreograph Yuen Woo-ping war bei den beiden Klassikern dabei. Insofern ist es logische Konsequenz, dass die geschmeidigen Kämpfe von Lin-Hu eine Augenweide sind. Glücklicherweise verzichtet Reeves darauf, selbst in den Ring zu steigen. Waren seine Schwertkünste kürzlich in 47 Ronin recht nett anzusehen, ist der einzige größere Kampf, den er hier absolviert, brachial und ungelenk, gerade im Vergleich zu denen seines Hauptdarstellers.

Doch der eigentliche optische Reiz liegt in den allgegenwärtigen Kontrasten: Hier werden die unterschiedlichsten Kampfstile aufeinander losgelassen, dreckige Pekingbilder wechseln sich mit stylischem Luxusinterieur und dem verfallenen Tempel ab. Und auch musikalisch wird wild zusammengeworfen, von Synthierock über traditionelle chinesische Klänge bis hin zu Klassik. Für Auge und Ohr wird also einiges geboten, mangelnde Abwechslung kann man dem Film in der Hinsicht kaum vorwerfen.Man of Tai Chi Szene 2

Inhaltlich ist Man of Tai Chi hingegen weniger spannend. Gemixt wird hier zwar ebenso fleißig – Martial-Arts-Esoterik vs. Hongkong-Action vs. Hightech-Thriller – über B-Movie-Niveau ragt das aber nicht hinaus. Figuren, Dialoge, Handlung, all das hat man woanders schon besser gesehen, einiges ist hier sogar ziemlicher Quatsch. Zum Glück kann man diese Faktoren aber die meiste Zeit ignorieren und sich auf das Wesentliche konzentrieren: Kämpfe bis zum Umfallen. Bis zum Regieolymp ist daher für Reeves noch ein weiter Weg, schämen muss er sich für sein Debüt aber nicht – und das ist ja schon mal ein Anfang.

Man of Tai Chi
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Man of Tai Chi
Inhaltlich, optisch und musikalisch präsentiert Keanu Reeves in seinem Regiedebüt einen wilden Mix der unterschiedlichsten Genres. An Geschichte und Figuren sollte man keine hohen Erwartungen stellen, da kommt Man of Tai Chi nicht über B-Movie-Niveau hinaus. Dafür bekommt der Zuschauer viele und meist sehr eindrucksvolle Kämpfe zu sehen.
5von 10

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