(„Anatomie de l’enfer“ 2004, directed by Catherine Breillat)

Romance 2 - Anatomie einer FrauFast zärtlich schiebt er ihr, dem blassen, unschuldig und unbekleidet schlafenden Wesen, dessen schwarze Haare sich kontrastreich von dem weißen Kopfkissen abheben, den breiten, schmutzigen Stiel der Gartenharke in die Vagina. Als sie wenig später aufwacht, um das Gerät, mit dem sie kurz zuvor noch die Beete vor ihrem abgelegenen Haus durchkämmt haben mag, in ihrem Intimbereich hängen zu sehen, scheint sie nicht überrascht. Ihr Blick ist sehnsuchtsvoll, fast zärtlich, verharrt auf dem Instrument, während an den Klippen vor ihrem Haus die stürmischen Wellen an die Brandung schellen. Die Doktorspiele der erwachsenen Menschen, die sich vier Nächte hintereinander in dem einsamen, kalten und spärlich dekorierten Haus einfinden, um mehr über die Beziehung zwischen Mann und Frau, über die Dominanz des Mannes über die Frau und die Anziehungskraft und Verführungskunst des weiblichen Körpers zu erfahren, haben etwas unfreiwillig Komisches, sind in der explizierten Darstellung, die von vielen Kritikern als bloße Pornographie abgetan wurde, aufgrund der Prätentiösität, des verzweifelten Anspruchs der Regisseurin, möglichst viele Tabus in möglichst kurzer Zeit zu brechen, eher amüsant denn schockierend.  Amüsant, weil das Konzept Breillats nicht aufgeht:

Eine einsame Frau, die sich eines Nachts in einer Schwulendisco die Pulsadern aufschneidet, wird von einem der Tänzer entdeckt und in die nächste Apotheke zur ärztlichen Versorgung gebracht. Nach diesem kurzen Rendezvous – und wie könnte ein Date besser anfangen als mit aufgeschnittenen Pulsadern – überredet die Frau, deren Namen wir nie erfahren, den Mann, gegen Bezahlung vier Nächte mit ihr zu verbringen. Dass es sich dabei nicht um Prostitution im traditionellen Sinne handelt, wird schnell deutlich: Der Mann soll sie – ihren nackten Körper – beobachten, während sie, wenn nicht schweigend, dann in pseudo-intellektuellen Monologen über die Beziehung zwischen Mann und Frau sinnierend, auf dem Bett liegt. Was möchte sie damit bezwecken? Möchte sie mehr über die sexuelle Dominanz der Geschlechter erfahren? Möchte sie sich begehrenswerter fühlen, wenn ein Mann sie (gegen Bezahlung) anstarrt? Versucht sie verzweifelt, ihre Einsamkeit zu überwinden oder eigene Tabus zu brechen? Man weiß es nicht.Romance 2 - Anatomie einer Frau Szene 1

Ein derartiger Plot bietet selbstverständlich diverse Möglichkeiten zur grafischen Darstellung explizierter Szenen, die man als pornografisch empfinden mag. In der Besetzung des erfahrenen Pornodarstellers Rocco Siffredi als den Mann, der sich auf den zweifelhaften Deal einlässt, befeuerte Breillat (un)geschickterweise damit die Vorwürfe, mit Romance 2 – Anatomie einer Frau reine Pornographie inszeniert zu haben, die mit einem künstlerisch wertvollen Film so viel zu tun hat wie Stephen King mit dem Literaturnobelpreis. Ist Romance 2 pornografisch? Bei der Beantwortung dieser Frage – auf die ich an dieser Stelle ohnehin verzichten werde – muss zunächst gefragt werden, ob es möglich gewesen wäre, einen derartigen Stoff ohne derart explizierte Darstellung der Geschlechtsorgane abzubilden. Ich wüsste nicht, wie. Ich hätte solch einen Film allerdings auch nicht gedreht.Romance 2 - Anatomie einer Frau Szene 2

Dass Catherine Breillat sich dem Zuschauer anhand unappetitlicher Szenen, in denen ein Stein in die Vagina geschoben und von dieser anschließend wieder herausgepresst wird, als aufklärende Tabu-Brecherin präsentiert, wirkt hier allzu bemüht und vor allem ermüdend: Die eingefügten Symbole sind offensichtlich, das Ablichten der Vagina eines kleinen Mädchens und Oralsex eines homosexuellen Paars unnötig, ohne die Geschichte voranzubringen, die dünn eingestreuten Monologe inkonsequent und unbeholfen, die theatralische Konzeption des Films wirkt aufgesetzt, die Reduktion der Anziehungskraft einer Frau auf ihren Körper beleidigend (womit die Regisseurin dem Feminismus einen Bärendienst erweist). Was Breillat aber nun eigentlich mit ihrem Werk aussagen möchte, bleibt der Interpretation des Zuschauers überlassen bzw. das Geheimnis der Regisseurin. Versucht sie tatsächlich dem ewigen Thema der sexuellen Dominanz des Mannes näherzukommen? Auch in diesem Fall erweist sich ihre Herangehensweise als ungeschickt, indem sie Rocco Siffredi, stellvertretend für alle Männer dieser Erde, zum Beschuldigten für die angeblichen Obsessionen eines jeden Mannes macht, der sich von der auf dem Bett liegenden, entblößten Frau anhören muss, es sei die Begierde jedes Mannes, die Frauen zu töten – „deshalb legen sie sich zu uns.“ Beleidigt mich diese Verallgemeinerung als männlicher Rezensent? Ja. Das ändert jedoch nichts daran, dass Breillats Film auch ohne diese Äußerung ein selbstherrlicher, aufgeblasener, prätentiöser, pseudo-intellektueller Versuch eines Films ist, der zudem mit 75 Minuten noch mindestens eine halbe Stunde zu lang geraten ist.

Romance 2 – Anatomie einer Frau erscheint am 19. April auf DVD

Romance 2 – Anatomie einer Frau
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