(„Le cochon de Gaza“, directed by Sylvain Estibal, 2011)

DruckNein, man kann nicht behaupten, dass bei Jafaar (Sasson Gabai) allzu viel rund läuft. Schulden ohne Ende, Soldaten auf dem Dach und keine Besserung in Sicht. Flipflops, sehr viel mehr bringt der palästinensische Fischer nicht nach Hause. Und falls ihm doch mal ein richtiger Fang gelingen sollte, ist der so klein, dass ihn die anderen Fische auslachen. Viel schlimmer kann es also nicht kommen. Oder doch? Tatsächlich zappelt nach einem Sturm etwas in seinem Netz, das schlimmer ist. Viel schlimmer. Ein Schwein, das unreinste Tier, das Allah je auf die Erde geworfen hat.

Was also tun? Jafaar kann es schlecht zurück über Bord werfen, denn dafür müsste er es anfassen. Und das mit dem Paradies kann er dann ja wohl vergessen. Aber sein Freund Slim (Gassan Abbas) hat eine Idee: Wir erlegen es einfach mit einer Kalaschnikow. Schließlich gibt es im Gazastreifen mehr Waffen als Einwohner. Nur hat der Fischer noch nie eine solche in der Hand gehabt. Und als er bis an die Zähne gerüstet vor dem grunzenden Ungetüm steht, bringt er es dann ohnehin nicht übers Herz.

Aber vielleicht gibt es ja eine Alternative. Haben die Israelis in der Siedlung nicht sogar eine Schweinezucht? Okay, eigentlich gelten Schweine bei denen ja ebenfalls als unrein. Aber Juden finden angeblich immer eine Lösung. Sollen die das Höllenvieh doch nehmen, am besten gegen Bezahlung. Und in der Tat hat eine der Siedlerinnen (Myriam Tekaïa) auch Interesse an dem Borstentier. Na ja, teilweise. Worauf sie es eigentlich abgesehen hat, ist das Sperma des Schweins, damit sie es für die Zucht verwenden kann. Das Schwein selbst soll ruhig auf der anderen Seite des Zauns bleiben. Also muss Jafaar eine Lösung dafür finden, seinem unfreiwilligen neuen Haustier den Lebenssaft zu entlocken, ohne sich selbst dabei zu kontaminieren.Das Schwein von Gaza Szene 1

Einen unterhaltsamen Film über den Nahostkonflikt drehen zu wollen ist eine mehr als heikle Aufgabe, schließlich erwarten einen auf beiden Seiten ausgedehnte Minenfelder. Der französische Regisseur Sylvain Estibal wagte hier die Flucht nach vorne und versucht erst gar nicht, politisch korrekt zu sein. Ob Palästinenser oder Israeli, sie alle bekommen ihr Fett ab und werden in ihren kleinen Lächerlichkeiten bloßgestellt. Dabei wird Das Schwein von Gaza jedoch nie bösartig. Vielmehr sind fast alle Figuren irgendwo liebenswert und man fragt sich ständig, warum es ihnen so schwer fällt, in Frieden miteinander zu leben. Dass es auch anders geht, zeigen nämlich die rührenden Szenen, in denen Jafaars Frau Fatima (Baya Belal) und ein israelischer Soldat zusammen Telenovelas aus Brasilien anschauen. Alberne TV-Shows als Zeichen der Völkerverständigung? Warum nicht.Das Schwein von Gaza Szene 2

Albern auch der Humor des Films. Albern und höchst absurd. Ein Schwein, das als Schaf verkleidet wird, um unbemerkt durch Gaza spazieren zu können, ein Poster von Miss Piggy als Pornomaterial – nein, anspruchsvoll ist das nicht. Dafür aber im wahrsten Sinne „saukomisch“. Außerdem ist er das geeignete Mittel, um die Absurditäten und den Irrwitz des Konflikts herauszuarbeiten. Denn trotz aller Blödelei ist Estibal durchaus daran interessiert, den bitteren Alltag im Krisengebiet zu zeigen. Wenn die Einwohner versuchen, ihre schäbigen Lehmhütten mit Bändern oder alten Fotos etwas dekorativer zu machen und Soldaten auf den Dächern kauern, spürt man, dass der Fotojournalist die Gegend gut kennt und ihr etwas Besseres wünscht. Da verzeiht man es dem Franzosen auch, dass er zum Ende hin ein bisschen sehr ins Märchenhafte abdriftet. Denn zu dem Zeitpunkt sind uns die verschrobenen, etwas einfältigen Figuren längst ans Herz gewachsen. Und das Schwein auch.

Das Schwein von Gaza erscheint am 15. Februar auf DVD und Blu-ray

Das Schwein von Gaza
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Das Schwein von Gaza
Mit Das Schwein von Gaza ist Sylvain Estibal ein recht amüsanter Film über das sensible Thema Nahostkonflikt gelungen. Der Humor ist zwar insgesamt harmloser, als es der Kontext vermuten ließe. Das macht er aber mit einem großen Schuss Absurdität und sympathischen Figuren mehr als wett.
7von 10

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