(„Dan In Real Life“ directed by Peter Hedges, 2006)

“Love is not a feeling, Mr. Burns. It’s an ability.”

Am Anfang steht ein pubertierender, braungebrannter Junge vor der Haustür von Dan, einem Kolumnisten, der in Zeitungen seinen Lesern Ratschläge für schwierige Lebenslagen gibt. Der Junge fängt an, von den Schriften des Mannes zu schwärmen, vor dem er nun steht, obwohl sowohl Dan, als auch der Zuschauer weiß, dass all das nur leeres Gerede ist, um dem dreifachen Familienvater zu imponieren und sich Sympathien zu erhaschen. Das gelingt ihm nicht. Als Dan schließlich aus ihm herausbekommt, dass der Junge eigentlich zu eine der Töchtern des Kolumnisten möchte, wird ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Das ist vorhersehbar, funktioniert aber erstaunlich gut und ringt dem Zuschauer sogar ein amüsiertes Schmunzeln ab. Der Grund, weshalb diese abgedroschene Szene so gut funktioniert, ist Steve Carell, der hier vielleicht in dem besten Film zu sehen ist, den er als Hauptdarsteller jemals zu bestreiten hatte. Nicht derart platt wie The 40 Year Old Virgin oder in allen Aspekten missraten wie Evan Almighty entpuppt sich Dan in Real Life als kurzweiliges, bezauberndes Kleinod, das größtenteils von seinem exzellenten Hauptdarsteller lebt, der das Timing und die Mimik hat, um eine 90minütige romantische Komödie fast alleine auf seinen Schultern zu tragen.

Carell spielt Dan, einen alleinerziehenden Vater von drei Töchtern. Seine Frau ist vor vier Jahren gestorben und das Dasein als Vorbild von zwei Pubertierenden jungen Damen ist mehr als undankbar. Lediglich sein jüngstes Kind hält ihn „nur“ für einen schlechten Dad – nicht aber für einen Totalversager, wie ihre Schwestern es tun. Dass viele Leser den Kolumnisten Dan für einen perfekten Hausmann halten, erweist sich bald als Trugschluss, denn der Vater treibt seine Töchter regelmäßig in den Wahnsinn, obwohl er es nur gut meint. Er kann auch gar nichts anderes tun, denn die Existenz in einer Familie mit zwei Pubertierenden erweist sich als tückischer Teufelskreis, in dem Dan seine Launen an seinen Töchtern auslässt, was von deren wechselhaften Stimmungen herrührt. Aber Dan resigniert nie, auch wenn er sich dieses Teufelskreises bewusst ist.

Seine Mutter (Dianne Wiest) drückt es einfacher aus: der Kolumnist verhält sich selber wie ein unreifer 15jähriger, was ein harmonisches Zusammenleben von vorneherein ausschließt.  Jedes Jahr fährt der alleinerziehende Familienvater mit seinen Töchtern zu seinen Eltern nach Rhode Island, um sich dort mit allen näheren Verwandten zu treffen und auszutauschen. In dem nahegelegenen Dorf trifft er eine attraktive Dame namens Marie (Juliette Binoche). Nachdem er sich ihr gegenüber als Buchverkäufer ausgegeben hat, um sich länger mit ihr austauschen zu können, entsteht eine ausführliche Konversation, die schnell beiden klar macht: zwischen beiden stimmt nicht nur die Chemie, die ersten Funken sind bereits übergesprungen und erstmals seit vier Jahren fühlt sich Dan wieder zu einer Frau hingezogen. Diese muss ihm jedoch eröffnen, dass sie unmöglich eine Beziehung zu dem Familienvater zulassen kann, da erst kürzlich mit einem anderen Mann eine gemeinsame Zukunft begonnen habe. Als wäre das für Dan nicht bereits schlimm genug, muss er bei der Ankunft im Haus seiner Eltern nicht nur zugeben, dass er einen Strafzettel wegen Überfahren eines Stoppschildes kassiert hat, sondern auch feststellen, dass sein Bruder Mitch (Dane Cook) seine neue Lebensgefährtin zu dem Familientreffen eingeladen hat – und die ist niemand Geringeres als Marie …

Mit einem ungeeigneteren Hauptdarsteller hätte an diesem Film vieles schief gehen können. Steve Carell jedoch schafft es, nicht nur zu verständlich zu machen, weshalb seine Töchter ihn als nerv tötend empfinden, sondern auch eine große Empathie vom Zuschauer zu bekommen, der nicht umhin kommt, anzuerkennen, welch Mühe sich der Familienvater gibt, um die Familie zusammenzuhalten – auch wenn das Ergebnis manchmal zu wünschen übrig lässt. Sein Gesicht wird dabei zum Spiegel seiner Seele, in welchem man seine Verletztheit und seine Verlegenheit ablesen kann, ohne das er auch nur einmal den Mund aufmachen muss, um seinem Minenspiel mehr Gewicht verleihen zu müssen.

Immer wieder sind es dabei symbolische Bilder der Einsamkeit Dans, der die Türen vor der Nase zugeschlagen sowie von niemandem seinen Gute-Nacht-Gruß erwidert bekommt und plötzlich ganz alleine auf weiter Flur steht. Regisseur und Drehbuchautor Peter Hedges spielt nicht mit dem Gefühl des Alleinseins, das er auf Dans traurigem Gesicht abbildet, sondern auch mit den Erfahrungen des Zuschauers, der sich mit dem traurigen Anti-Held zumindest teilweise wird identifizieren können, während das Schicksal unerbittlich auf den sympathischen Kolumnisten einschlägt, der, sich kaum seines Alleinseins bewusstwerdend, mit den glücklichen Bildern seines Bruders und der Frau, die er heimlich liebt, konfrontiert sieht.

Dass Marie und Dan dabei erstaunlicherweise nie offen über ihre Gefühle füreinander reden, erweist sich als geschickter Schachzug, der vom Drehbuchautoren in einer fast unvermeidbaren Szene ausgelotet wird, in welcher Dan mit einer überaus erfolgreichen und attraktiven Ärztin anbandelt und aus der nie klar ersichtlich wird, ob der Kolumnist das nur tut, um Marie eins auszuwischen, oder ob die Gefühle für die weltgewandte Freundin seines Bruders mittlerweile wieder erkaltet sind. All diese Umstände führen zu zahlreichen Verwicklungen, die man mal mit einem lachende, mal mit einem weinenden Auge betrachten kann – und auch wenn Dan in Real Life wie eine in Zucker getränkte Familienschmonzette erscheint, so hat sie das richtige Gefühl für Timing, die exakte Balance, um nie in platte Albernheiten zu verfallen, eine wertvolle Warmherzigkeit und immer wieder einen mehr als geeigneten Hauptdarsteller, der in diesem dankbaren Stoff wie diesem auch ein verstecktes Talent für dramatische(re) Rollen offenbart.

Dan – Mitten im Leben
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Dan - Mitten im Leben
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