(„Coup de Torchon“ directed by Bertrand Tavernier, 1981)

„Ich weiß, es ist nicht fein einen Sterbenden zu treten, aber erstens hatte ich Lust darauf und zweitens riskiere ich ja nichts dabei.“

Lucien Cordier (Philippe Noiret) hat es satt. Alles. Seit Jahren wird der Polizist in einer französischen Kolonie in Afrika von allen Mitmenschen als Fußabtreter benutzt – vor allem von seiner Frau. Die lässt nämlich ihren Bruder im Haus wohnen, bzw. den Menschen, den sie vor Lucien als Bruder ausgibt. Mit dieser Methode holt sie ihren Liebhaber unter das Dach, unter dem sie auch ihren Ehemann vor sich her treibt. Lucien hat auch das satt. Direkt vor seinem Haus steht eine Reihe Latrinen, Scheißhäuser, die halb zusammengefallen sind und keine Überdachung mehr haben. Der Besitzer weigert sich, das reparieren zu lassen. Es sei Aufgabe der Polizei, aber Lucien kümmert sich nicht darum. Er hat Wichtigeres zu tun. Nein, eigentlich hat er das nicht. Eigentlich hat er gar nichts zu tun, außer sich von zwei Zuhältern lächerlich machen zulassen, in dem sie ihn zu Boden schubsen und wie ein kleines Kind behandeln.

Lucien ist eine Heulsuse, die in Selbstmitleid ertrinkt, ein Vollidiot, ein inkompetenter Faulpelz und korrupt ist er obendrein auch noch. Gern haben kann man diesen Helden der Geschichte also auch nicht wirklich. Irgendwie kommt man aber nicht umhin, ein bisschen Mitleid für ihn zu empfinden, wenn er von seinen Gegenspielern wieder gedemütigt wird, sich daraufhin in die Arme seiner Geliebten Rose (Isabelle Huppert) flüchtend. Den ganzen Saustall nicht mehr ertragend, fragt er einen Freud um Rat, was er gegen all das tun könne. Wenn ihm Unrecht widerfährt, so ist der Ratschlag, dann müsse man doppelt so hart zurückschlagen, um dem Anderen eine Lektion erteilen zu können. Das sieht Lucien ein und zieht gleich los, die beiden Zuhälter zu erschießen, die ihm seit Jahren das Leben schwermachen. Nach und nach beginnt der Polizist Cordier eine Blutspur durch sein Gebiet zu ziehen, in dem er alles aus dem Weg räumt, was ihn stören könnte… und der Mörder glaubt bald felsenfest daran, dass er Jesus Christus sei.

Bertrand Taverniers „Coup de Torchon“ wurde schon als „geschmackloser, intellektueller Scherz“ bezeichnet, was nicht unbedingt ein schlechter Kritikpunkt sein muss. Dieses Werk nimmt im Output des Franzosen nämlich keinen unwichtigen Platz ein und gilt für viele Cineasten und Fans sogar als bester Streifen des Mannes, der erst kürzlich den Kostümschinken La Princesse de Montpensier in die Kinos brachte. Sicher ist jedenfalls, dass Taverniers Scherz nicht jeden Geschmack treffen wird, dafür garantiert allein der ätzende Humor, der einem auf dem Silbertablett präsentiert wird. Dazu gehört freilich nicht nur die Tatsache, dass Tavernier keine Rücksicht auf die Religion nimmt, wenn er einen mehrfachen Mörder glauben lässt, er selber sei Jesus Christus persönlich, der „es so einrichte, dass die Leute sich so geben, wie sie sind und dann komme er über sie“.

Dieses Überkommen einer höheren Macht, sei es das Schicksal oder ein Gott, kann in diesem Film gar nichts Gutes bringen wenn Philippe Noiret sich als Gott ausgibt, der die Welt bereinigt, aber das Chaos über alle bringt, die ihm nahestehen. Das Interessante hierbei ist, dass der Zuschauer nie einen Zweifel daran hat, dass der Polizist Cordier tatsächlich in einer Welt des umnachteten Wahns lebt, denn seinem Charakter ist alles zuzutrauen – aufgrund der Tatsache, dass wir diesen Charakter nicht beurteilen können. Bertrand Tavernier, der auch am Drehbuch mitschrieb, lässt stets die Frage aufwerfen, was nun die wahre Natur eines – und nicht nur dieses – Menschen ist, der Menschen umbringt, nur weil sie ihm bei seinem Plan im Weg stehen: ein möglichst sorgenfreies Leben. Wurde der Mord nicht genau dafür erfunden?

Cordier ist ein Trottel und so wird er von allen behandelt. Hinter dieser geringen Intelligenz steckt aber auch eine hohe Verletzlichkeit, die Noiret deutlich macht und es ist allein sein Verdienst, all diese Facetten glaubhaft auf die Leinwand zu übertragen. Dieser Mann wiegt sich nun bzgl. der Morde in Sicherheit, da er weiß, dass ihn niemand aufgrund seines faulen, aber gutherzigen Charakters verdächtigen wird. Das Schlimme ist, dass er damit Recht hat. Er ist korrupt, begriffsstutzig, gutherzig, leidenschaftlich und bereit zum Töten. All das steckt in dieser Figur, die sich letztlich für den Heiland hält. Was ist seine wahre Natur? Gibt es überhaupt eine wahre Natur?

Wir kaufen ihm all das ab – erneut dank Philippe Noiret, der eine der besten Darstellungen seiner Karriere abliefert, in dem er die wenigen Untersuchungen der Morde sichtlich genießt und keinesfalls Angst hat, erwischt zu werden. Wir wissen schließlich auch warum, denn dieser Mann sehnt sich nach nichts mehr, als nach Respekt. Selbst wenn er des Mordes überführt würde, hätte er sein Ziel erreicht: Respekt aufgrund einer Tat, die man ihm nie zugetraut hätte. Dass dieser Respekt von zweifelhafter Natur ist, da es immerhin um ein begangenes Verbrechen geht, das interessiert nicht. Immerhin hat sich Cordier diesen Status mühsam erkämpft.

Wahrscheinlich wird Der Saustall weniger aufgrund der Religionskritik als geschmacklos empfunden, als vielmehr wegen einer generellen Sozial- oder gar Politikkritik. Dass die Geschichte in Afrika spielt, machte sich Tavernier zunutze, um das Verhalten der Kolonieinhaber anzuprangern und ein Paradox aufzuzeigen, dass seit jeher scharf diskutiert wird, wenn die (hier sind es) Franzosen sich ein Land aneignen, auf dem ein ihnen fremder Stamm zuhause ist, den sie dann wiederum vertreiben und als übles Gesindel beschimpfen, was hier darin gipfelt, dass auf Schwarze geschossen wird, deren Leichen im Wasser an einem vorbeitreiben. Man kann von Coup de Torchon halten, was man will. Menschen zu töten, die einem zur Last fallen, sollte dabei allerdings nicht zu einer Lebensphilosophie werden.

Der Saustall
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