(„McCabe & Mrs. Miller“, directed by Robert Altman, 1971)

“If a man is fool enough to get into business with a woman, she ain’t going to think much of him.”

Robert Altman wollte Elliot Gould. Aber das Studio trieb ihm diesen Gedanken aus und setzte dem Regisseur, der mit M.A.S.H. einen großen Erfolg gelandet hatte, Warren Beatty vor die Nase, der zu dieser Zeit mit der Schauspielerin Julie Christie zusammen war. Dass Altman darüber nicht glücklich war, machte sich in unzähligen Streits auf dem Set bemerkbar. Zu diesen legendären Auseinandersetzungen gibt es unzählige Anekdoten, so etwa die vom Wunsch Beattys nach Drehschluss noch mehrere Szenen zu drehen, woraufhin Altman nach Hause ging und seinen Assistenten mit Beatty arbeiten ließ, der daraufhin 30 Wiederholungen einer Szene auf Zelluloid bannen ließ und den müden Angestellten den letzten Nerv raubte. Altman revanchierte sich (angeblich) damit, dass er Beatty in einer Schneeszene bitterlich frieren ließ, in dem er aus Rache diese Szene 25mal wiederholen ließ. Dem Film selber ist dieser endlos währende Konflikt nicht anzumerken – im Gegenteil, er gehört zu den großen Werken des Regisseurs, der mit dem Western-Genre abrechnet. Nicht böse, nicht verbittert, sondern in augenzwinkernder Selbstironie, mit leichter Hand inszeniert.

Warren Beatty spielt McCabe, einen Unternehmer, der in ein kleines Dorf kommt, um dort ein Bordell zu errichten. Die Einheimischen erspähen den groß gewachsenen Mann im edlen Pelz mit seiner teuren Zigarre und erkennen eine Welt, die ihnen fremd ist und die sie nicht repräsentieren. So ganz werden sie sich mit diesem skurrilen Charakter nie anfreunden können, doch sie sind gleichzeitig auch fasziniert von dieser Persönlichkeit, die nicht viel Worte macht, bei Gelegenheit aber immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat. Im schummerigen Lokal breitet er seine eigene rote Decke auf einem verstaubten Tisch aus und die Gäste versammeln sich um das Möbelstück – wie Geier um einen Kadaver. Sie fühlen sich von dieser Extravaganz angezogen – wie Motten vom Licht. McCabe hat Geld und will dies auch ausgeben. Er beginnt damit, sich ein paar Frauen aus dem Dorf günstig für sein geplantes Bordell zu kaufen und macht dabei ein gutes Geschäft. Die Bauarbeiten gehen zunächst schleppend voran, doch das einschneidenste Erlebnis soll der Besuch von Mrs. Miller (Christie) werden, einer Prostituierten, die ein Freudenhaus besaß und nun all ihre Angestellten zu dem neuen Anwesen mitgebracht hat.

Schnell wird klar, wer in diesem Geschäft die Hosen an hat, denn Mrs. Miller ist es, die McCabe Vorschläge macht und ihm Bedingungen vorsetzt, während sie ihr wenig appetitliches Essen hinunterschlingt wie Bud Spencer in den Italo-Western. McCabe schaut angeekelt zu. Verdrehte Welt, könnte man sagen, würde der Unternehmer nicht in diesem Moment ein rohes Ei in sein Glas Whiskey schlagen und es mit nur wenigen Schlucken austrinken. Er geht auf das Geschäft seiner neuen Kollegin ein – 50/50. Er lässt bauen, sie führt das Bordell und sie teilen sich die Einnahmen. Das neue Geschäftsmodell der Mrs. Miller ist raffiniert: alles soll streng hygienisch zugehen, neben dem Freudenhaus soll auch ein Bad stehen, in dem sich die Kunden waschen können und am Ende sehen wir, dass an der Haustür sogar ein Schild angebracht ist, auf dem steht: „Schuhe abputzen!“. Niedlich. Das Geschäft läuft erstklassig, doch bald tauchen zwei Gestalten auf, die daran interessiert sind, an dieser Stelle Minen zu errichten. Sie bieten McCabe mehrere tausend Dollar, damit dieser sein Unternehmen verkaufe. Doch er lehnt ab. Ein folgenschwerer Fehler, meint Mrs. Miller, denn diese Männer könnten noch gefährlich werden. Sie soll Recht behalten.

Das Wort „Liebe“ fällt in McCabe & Mrs. Miller nicht einmal. Verliebt sich der nach außen hin abgeklärte Geschäftsmann in seine Teilhaberin, wenn er ihr weinend in die Arme sinkt oder nachts zu ihr ins Bett hüpft? Wir wissen es nicht, wir wissen auch kaum etwas über die Gefühle der Bordellbetreiberin, doch was wir sagen können, ist, dass beide einem Menschen emotional noch nie so nahe waren, wie sie es nun zueinander sind. Beide sind einsam, ergeben sich ihrem Opiumrausch oder weinen sich nachts in den Schlaf, ohne je etwas über ihre Gefühle zu sagen – weil sie stark sein wollen, weil sie es aber nicht sind. Es ist eine Liebe, die nicht existieren kann, denn der Western von Robert Altman ist eine rein kapitalistische Angelegenheit.

Alles dreht sich nur ums Geld, Liebe kann man sich nur kaufen. Das muss auch McCabe klar werden, als er zu Mrs. Miller ins Bett steigt, diese ihn aber daran erinnert, dass er genau wie alle anderen für Liebesdienste zu zahlen habe. Es gibt also keine Ausnahmen, wahrscheinlich, weil die Bordellbesitzerin über das seltsame Wort Liebe kaum etwas weiß und es nur in Zusammenhang mit Finanzen einordnen kann. Mit ihrem neuen Kollegen geht Altman nicht weniger rücksichtslos um und macht sich gleich zu Beginn an die schrittweise Demaskierung dieses Mannes, der anfangs aufgrund seiner äußeren Erscheinung und vagen Märchen von allen bewundert wird, am Ende aber zu einem emotionalen Krüppel und Feigling verkommt, der sich nicht nur aus Angst um Kopf und Kragen redet, sondern bald den Stempel des unreifen Milchbubis aufgedrückt bekommt, der nie in der Lage wäre, einer Fliege etwas zu Leide zu tun.

Altman macht sich lustig über all die Westernklischees von naiven Frauen, die einem Mann sofort um den Hals fallen, einem starken Mann, der mit einem Schuss zehn Gangster umlegen kann und über saufende Cowboys, die hier den Saloon zu einem Schönheitssalon machen, indem sie darüber beraten werden möchten, wie sie ihren Bart tragen sollen. Zu einem Running-Gag wird der Bauleiter, stets Entschuldigungen für Verzögerungen stotternd. McCabe muss sie sich anhören, aber die Kamera ist überall, nur nicht bei den im Gespräch Verwickelten. Wozu auch? Im Wilden Westen gibt es wichtigeres zu sehen, als so etwas.

McCabe & Mrs. Miller
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