(„The Hustler“, directed by Robert Rossen, 1961)

„The pool game is over when Fats says it’s over… I came after him and I’m gonna get him. I’m going with him all the way.“

Als der Abspann lief, wusste ich, dass dieser Film etwas Besonderes an sich hatte,  ohne genau sagen zu können, weshalb „The Hustler“ als einer der größten amerikanischen Filme der Geschichte angesehen wird. Mittlerweile glaube ich, die Antwort gefunden zu haben. „Haie der Großstadt“ funktioniert als Moral- oder Charakterstudie, als welche sie gedacht ist, wesentlich besser, als eine spannende Geschichte, denn ein Klimax ist kaum zu finden und Spannungskurven sind rar gesät. In dieser Hinsicht schafft Robert Rossens Film etwas, was nur wenige Werke können, denn trotz dieser unspektakulären Erzählung wird eine Charakterveränderung in allen Personen des Films spürbar, während viele Streifen, die ein ähnliches Ziel haben wie Rossen, aufgrund einer fehlenden Spannungskurve den Zuschauer derart langweilen, dass es entweder keine Rolle mehr spielt oder gar nicht erst auffällt, welche Veränderung die Charaktere durchmachen.

Doch Rossen weiß, was er erreichen will und verliert sein Ziel durch seine erstklassigen Schauspieler, denen er all ihren nötigen Raum gibt, nie aus den Augen. Es ist eine großartige Moralstudie und vielleicht ist das ein größeres Kompliment, als lediglich zu sagen, es wäre ein großartiger Film. Rossen ist nicht nur unbarmherzig mit den Figuren in diesem Werk, sondern geht symbolhaft mit einer ganzen Generation des modernen Amerika ins Gericht, die denken, für Geld alles kaufen zu können, die denken, ihnen gehöre die Welt und die nicht wissen, wann sie aufhören sollen.

Das muss auch Eddie  Felson (Paul Newman) zu spüren bekommen, der eines Tages in einer Stadt landet, durch die er mit seinem Freund Charlie (Myron McCormick) auf einer Durchreise kommt. Bislang hat Eddie in kleinen Billardkneipen harmlosen Männern Geld abgejagt, indem er sie beim Spiel besiegt hat, doch eines Tages soll sich das ändern, in dem er auf den Landesmeister Minnesota Fats (Jackie Gleason) trifft, dem ersten Menschen, der ihm stets voraus zu sein scheint. Sie beginnen zu spielen und vergessen Nacht und Morgen. Zwei Stunden, fünf Stunden, zehn, fünfzehn, 24. 40 Stunden spielen beide um mehrere tausend Dollar. Eddie liegt vorne, doch das Blatt soll sich bald wenden. Todmüde, schweißgebadet sinkt er in seinem Stuhl zusammen und ist bald darauf vom scheinbar ruhelosen Fats all sein Geld los.

Pleite und ohne Illusionen will er sich auf den Heimweg machen, doch auf dem Bahnhof begegnet er Sarah (Piper Laurie), eine Alkoholikerin, die dienstags und donnerstags die Universität besucht und an all den anderen Tagen mit Trinken beschäftigt ist. Die beiden verlieben sich ineinander, doch das Glück ist nicht auf ihrer Seite. In einem kleinen, schmutzigen Apartment fristen sie von nun an ihr Dasein, während Geld nur sehr schwer zu beschaffen ist, da den Trickbetrüger Eddie Felson durch dessen Duell mit Fats in dieser Stadt alle kennen. Er fasst ein Ziel, das nur darin besteht, den Landesmeister und seinen ehemaligen Gegner zu schlagen, koste es, was es wolle. Der Millionär Bert Gordon (George C. Scott) ist bereit, ihn für 75% Gewinnbeteiligung unter seine Fittiche zu nehmen und so setzt sich der harte Kampf des Eddie Felson fort. Während es bei ihm immer nur die Freude am Spiel durch Geld war, geht es  nun auch um Respekt und Anerkennung, die er nur erlangen kann, wenn er an Charakterstärke gewinnt.

Haie der Großstadt ist kein typischer Sportsfilm, denn um Sport geht es Eddie Felson nicht. Die einzige Attraktivität, die er am Billardspiel hat, besteht darin, soviel Geld wie möglich zu machen, als sei er die Verkörperung der Profitgier persönlich. Mit der Überzeugung, für Geld könne man sich alles kaufen, verliert er jedoch schnell den Überblick und verarmt. In dieser Hinsicht ist „The Hustler“ auch eine Kapitalismus-Kritik, die all die jungen Menschen jener Zeit anprangert, die das neue Amerika verkörpern, so wie James Dean es in „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ perfektioniert hat. Alles in diesem Film dreht sich um Geld, es ist das zentrale Thema, das in jeder Szene angesprochen wird, in den intimsten Momenten mit Sarah, die sich so sehr nach Liebe sehnt, wenn sie betrunken über ihrer Schreibmaschine hängt und versucht, eine Geschichte niederzuschreiben.

Robert Rossens Film ist ehrlich und eindringlich, er verharmlost nichts und vermeidet Klischees, er ist sich sehr wohl bewusst, dass seine Charaktere Veränderungen durchmachen müssen, um in ihrer Oberflächlichkeit nicht zu langweilen, doch er weiß auch, dass man Menschen nie ganz umkrempeln kann. Es geht Eddie um Stolz, als er am Ende wieder antritt, um Minnesota Fats zu schlagen, doch es geht ihm auch ums Geld, er ist nach wie vor gierig und will alles besitzen, diesmal jedoch im Bewusstsein, dass man sich nicht alles für Geld kaufen kann. In diesen stärksten Momenten wird dem „Hustler“ klar, was er alles verloren hat, dadurch an Stärke gewinnt und feststellen muss, dass die Gegner am Billardtisch bessere Freunde sind, als die, welche vorgaben, Unterstützer zu sein.

Denn diese Gegner, von denen der stärkste zweifellos Minnesota Fats ist, haben Respekt vor dem Anderen und werden dadurch zu interessanten und gefährlichen Gegenspielern. Fats, der reiche, dicke Mann, bricht das Spiel ab, als er merkt, dass Eddie kein Geld mehr hat, um weiterzuspielen zu können und er beschützt und demütigt seinen Gegner gleichzeitig durch den Abbruch. Haie der Großstadt ist ein sensibles Porträt über Sucht sowie über ihre gefährlichen Folgen. In einer Szene sinniert die betrunkene Sarah über ihre Beziehung zu Eddie, mit dem sie zwar gemeinsam trinkt und Liebe macht, aber doch eine Fremde für ihn ist. Diese Beziehung sei ein „Vertrag der Verderbtheit“, so sagt sie und Eddie muss feststellen, dass sie damit vielleicht nicht nur ihre Partnerschaft, sondern das ganze Leben meint. Vielleicht ist er deswegen so wütend, weil er standhaft an seinen Erfolg und an seinen Stolz glauben will.

Haie der Großstadt
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Haie der Großstadt
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