(„Unforgiven“, directed by Clint Eastwood, 1992)

“I’ve killed women and children. I’ve killed everything that walks or crawls at one time or another. And I’m here to kill you.“

Der Anfang erinnert an Vom Winde verweht – und es sprechen nur die Bilder. Ein einsamer Baum im leuchtenden Abendrot, das den blauen Himmel langsam mit seiner kräftigen Farbe einfärbt. Daneben ein Haus, das im Dunkeln steht. Doch es ist nicht „Tara“, es ist nicht das Land von Scarlett. Schon in der nächsten Szene wird klar, dass hier etwas Anderes dahintersteckt als die lyrische Sentimentalität der ewigen Schmonzette, wenn die Kamera in die dunklen Zimmer eines Bordells leuchtet, in dem gerade einer Prostituierten brutal das Gesicht zerschnitten wird. Das Blut spritzt, das Mädchen schreit, der Täter weidet sich an ihrem Leid.

Erbarmungslos räumt auf mit den Mentalitäten des unbarmherzigen Westerns, mit den glorreichen Helden, den spuckenden Cowboys, deren Qualität darin bestand, so viele Männer wie nur möglich gnadenlos zu erschießen. Es ist eine komplett andere Welt, die hier in diesem Film von Clint Eastwood zelebriert wird und die einen der stärksten Anti-Western der Geschichte hervorgebracht hat. Dabei war das Drehbuch von David Webb Peoples seit langer Zeit um Umlauf, bevor Eastwood sich dazu entschloss, es zu verfilmen. Bereits 20 Jahre zuvor kannte Gene Hackman den Stoff, doch er mochte das Skript nicht und vergaß es bald darauf wieder. Überredet von Eastwood persönlich, ließ er sich schließlich 1992 doch dazu hinreißen, eine Rolle in dem Werk zu spielen, das zu den einzigen drei Western gehört, die jemals mit einem Oscar als bester Film ausgezeichnet wurden. Dies bedeutete einen Oscar von vieren für dieses lange und langsame Epos, das zudem auch einen für den besten Nebendarsteller aufzuweisen hat – in Empfang genommen von niemand Geringerem als Gene Hackman, der hier als Sheriff Little Bill in seiner Ein-Mann-Show eine Glanzleistung hinlegt.

Er wacht über Big Whiskey – eine kleine Wüstenstadt, in der ein kleines Bordell steht. In diesem Freudenhaus geschieht es, dass eines Nachts einer Prostituierten das Gesicht zerschnitten wird, da diese es sich nicht verkneifen konnte über die Penislänge eines Kunden zu lachen. Ihre Kolleginnen sind fassungslos, erfüllt von tiefer Wut, für die sie ein Ventil suchen. Für sie steht fest – der Täter und dessen Freund müssen für die Bluttat büßen. Sie kratzen all ihr gesammeltes Geld zusammen und engagieren den jungen „Schofield Kit“ (Jaimz Woolvett) als Kopfgeldjäger. Dieser hat jedoch noch keine Erfahrung auf diesem Gebiet und wendet sich an einen Mann, der als der erbarmungsloseste und kaltblütigste Killer im ganzen Wilden Westen galt, den Mörder von Frauen und Kindern, vor dem niemand sicher ist. William Munny (Clint Eastwood) ist mittlerweile jedoch alt geworden.

Er fristet ein abgeschiedenes Dasein auf seiner kleinen Farm mit seinen zwei kleinen Kindern, nachdem seine Frau im noch jungen Alter verstorben ist. Ihr hat er es zu verdanken, dass aus ihm ein abstinenter Hirte geworden ist, der Gewalt und Alkohol verabscheut. Doch er braucht auch das Geld, das man ihm für den Auftrag bietet, die zwei Männer zu töten. Widerwillig lenkt er ein, doch er denkt nicht daran, auch nur einen Schritt ohne seinen Partner zu machen. So wendet er sich an Ned (Morgan Freeman), der ihn auf seiner langen Reise begleiten soll. Zu dritt machen sich die Männer auf, den Tätern das Handwerk zu legen und ihnen mehrere Kugeln in ihre Körper zu jagen. Es wird eine Reise der Selbstfindung für alle Beteiligten, eine Odyssee der Demaskierung und Hoffnungslosigkeit.

Unforgiven braucht Zeit. Möchte man einen unangemessen Vergleich anstellen, kann man sagen, dass er ähnlich beginnt wie Eastwoods später entstandene Science-Fiction Komödie Space Cowboys, in dem die für die geplante Aktion benötigten Personen mühsam zusammengesucht werden. Im Fall von Erbarmungslos werden sie jedoch nicht nur anfangs gesucht, sondern während des ganzen Films, in dessen Verlauf jede Figur immer mehr über den anderen erfährt, lediglich um festzustellen, dass niemand ein derartig harter Held ist, für den man sich ausgibt. Anders herum ist es bei William Munny, einem interessanten Charakter mit zwei Seiten, bei dem man nie sicher sein kann, welche die wahre ist. Er, der als unerbittlicher Mörder gerühmt wird, der aber derart besorgt um seine Kinder ist, dass er ihnen bis zu diesem Tage nichts von seiner schmutzigen Vergangenheit erzählt hat und der sie wegschickt, bevor ein falsches Wort an ihre Ohren dringt.

Er, der von seiner Frau zu einem Samariter gewandelt wurde, nie mehr einen Menschen tötend, die Grenzen der Glaubwürdigkeit eines von seiner Frau besänftigten Cowboys weit ausreizend. In der emotionalsten Szene des ganzen Films unterhält sich Munny mit einer Prostituierten, die dabei ist, sich in ihn zu verlieben und die ihm deshalb einen Gratis-Geschlechtsverkehr anbietet. In diesem herzzerreißenden Moment wird die Unvereinbarkeit von ihren Gefühlen und ihrer Profession deutlich, der Profession einer Hure, die sich nicht anders ausdrücken kann und in all ihrer Determination gefangen ist. Das ist es, was sie beide verbindet, denn auch Munny ist ein Gefangener, der die Unvereinbarkeit seiner zwei Seiten gegen Ende erkennen muss, wenn er zum Töten verdammt ist, auch wenn dies seiner geläuterten Natur widerspricht. In diesen stillen Momenten werden die Selbstzweifel der Cowboys deutlich, die niemals weniger Cowboys waren als hier und die Clint Eastwoods Hommage an Sergio Leone und Don Siegel schon wie blanke Ironie wirken lassen, denn wohl nie war man weiter von der dort geschilderten Mentalität entfernt als in Erbarmungslos, dessen heimlicher Star die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen des Kameramanns Jack Green sind, der die unberührte Landschaft Kanadas in all ihren schillernden, leuchtenden Farben und ihrer Weitläufigkeit eingefangen hat. Ein de-mystifizierender Anti-Western mit gebrochenen Helden, die versuchen, aus ihrer Haut auszubrechen und kläglich scheitern.

Erbarmungslos
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Erbarmungslos
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2 Responses

  1. Lorenz Mutschlechner

    Absolut brillanter Film der auch in meiner Sammlung einen Ehrenplatz hat. Als Eastwood-Fanboy mag meine Meinung über seine Filme wohl etwas stark subjektiv sein, aber wer Unforgiven noch nicht gesehen hat, ist wohl selbst Schuld.

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  2. Martin Zopick

    Es will mir trotz mehrfachem Anschauen und ewig langem Nachdenken nicht in den Kopf, wieso es für diesen Film von und mit Clint Eastwood 4 Oscars gegeben hat. Inhaltlich bietet er nichts Neues, die üblichen Westernzutaten sind drin. Verwitweter Farmer, Clint Eastwood, braucht Geld und verlässt Hof und Kinder um eine Hurenschändung zu rächen. War er da Stammgast oder was? Die Promis bringen den Plot professionell rüber. Der eine oder andere agiert etwas wunderlich: Richard Harris spielt das zwar ganz toll. Ich versteh nur nicht was er will. Ebenso ergeht es mir mit dem Sherriff, den Gene Hackman verkörpert. Einfach unberechenbar. Ist das etwa preiswürdig? Der gute alte Morgan Freeman spielt seine beste Seite als treuer Freund aus. Das kann er am überzeugendsten. Dann ist Clint Eastwood auch noch angeschlagen. Anna Thomson pflegt ihn ganz selbstlos gesund. Die bringt wenigstens etwas darstellerische Klasse in ihrer kleinen Rolle.
    Das Argument ‘Spätwestern‘ und ‘Abgesang auf einen Mythos‘ scheint mir etwas ausgetrocknet. Klar kann man 1992 keinen Western mehr wie Altvater Henry Ford drehen. Aber warum denn überhaupt? Etwa weil Eastwood mit diesem Genre groß und erfolgreich geworden ist? Auf diesem ausgetrampelten Pfad trabt er weiter. Hat er doch gar nicht nötig. Bleibt nur noch die Musik. Die ist auch von ihm, hört sich in ihrer Schlichtheit an wie von jemandem, der zum ersten Mal eine Gitarre im Arm hält und passt mit ihrer süßlichen Melodei zum Western wie Matjes zu Himbeereis. Und der Promibonus? Hätte es auch Preise gegeben, wenn den Film ein unbekanntes Greenhorn gemacht hätte? Vielleicht lieben die Amis ja so etwas? Ein Großer kann nur Großes vollbringen. Und der Western ist ja ihre ureigenste Erfindung. Der Titel besagt so etwas wie ‘ Gott verzeiht, Django nicht‘ oder so…
    Ich für meinen Teil kann nur sagen: inhaltlich abgedroschen, teilweise kryptisch und unheimlich laaaangweilig. Sorry Clint!

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