(„This Gun for Hire“, directed by Frank Tuttle, 1942)

“Why don’t you go to the police?”

“I’m my own police.”

Auf dem amerikanischen DVD-Cover prangt groß eine Seitenansicht von Veronica Lakes Gesicht, dem heimlichen Star dieses Films – und wenn man ehrlich ist: dem heimlichen Star all ihrer Filme. Sie kennen Veronica Lake nicht? Lake war zu ihrer Zeit – zur Entstehungszeit von Die Narbenhand war sie gerade 20 Jahre alt – eine der großen Sexsymbole des internationalen Films mit einer erotischen Ausstrahlung, wie es gerade einmal Marilyn Monroe auf der Leinwand wieder erreichen sollte. Der Fernseher knistert bei ihrer Präsenz und der Zuschauer wird Zeuge wie jeder männliche Charakter des Films ihr zu Füßen liegt, den Boden, auf dem sie grazil wie eine Gazelle läuft, buchstäblich küsst und ihr die Sterne vom Himmel holt, um sie für sich zu gewinnen – dabei gar nicht bemerkend, wie diese Frau einen Mann in den Abgrund stürzen kann. So wie es sich für eine Femme Fatale des Film Noir gehört.

Doch Veronica Lakes Ruhm währte nur kurz. Nachdem die Blondine in einigen Film Noirs auftrat und Männern, dies- und jenseits der Leinwand den Kopf verdrehte, verschwand sie bald darauf in der Versenkung und geriet in Vergessenheit. Ohne Erfolg versuchte sie beim Fernsehen und auf der Bühne ein Comeback, begann heftig zu trinken und spielte 1970 in ihrem letzten Film mit – der Trash-Perle Flesh Feast um eine Gruppe wahnsinniger Wissenschaftler, die versuchen, die Welt zu erobern, indem sie Adolf Hitlers Kopf transplantieren. Im Alter von nur 53 Jahren starb Lake einsam und vergessen an Hepatitis. Umso wohltuender ist die Erinnerung an einen ihrer besten Filme, dem Noir Die Narbenhand – einer der sehr wenigen Filme, denen man vorwerfen kann, sie seien zu kurz. Denn aufgrund der Laufzeit von gerade einmal 78 Minuten kann er nicht sein ganzes Potential ausschöpfen und bleibt dabei recht oberflächlich, was die Skizzierung der Charaktere betrifft.

In dieser Hinsicht beginnt This Gun for Hire jedoch vielversprechend und wurde geschickt inszeniert, wenn in das trostlose Leben des Auftragskillers Raven (Alan Ladd) geleuchtet wird, der sich eines Morgens aus seinem Bett in einem schmutzigen Zimmer erhebt, um den nächsten Mord auszuführen. Nur wenige Sekunden, ein paar Blicke reichen, um die Trostlosigkeit dieses freudlosen Lebens für den Mann zu beschreiben, der ganz allein auf der Welt umherirrt und wie ein Prototyp des Auftragskillers in Szene gesetzt wurde. Leise vernimmt man ein Miauen. Vor dem Fenster eine gar zerbrechlich dünne, abgemagerte Katze, die um etwas Milch bettelt. Vorsichtig öffnet der Killer das Fenster und gibt der Katze etwas Futter. Zärtlich streichelt er sie. Das ist also der Mensch, der für Andere nichts übrig hat, aber seine einzige Zuneigung bei Katzen ausdrücken kann.

Dieses Verhältnis wird von Regisseur Frank Tuttle eingehender beleuchtet, indem er ein kleines Mädchen auf den Treppenabsatz des Hauses seines nächsten Opfers drapiert, das den Killer willkommen heißt. Ein kalter Blick, verächtliche Abschätzigkeit ist alles, was dieses Mädchen erntet, das nur zu einem Zweck in diesem Film ist: um das Verhältnis von Raven zu Mensch und Tier deutlich zu machen, um aufzuzeigen, wie sehr dieser Mann alle Menschen verabscheut, seine Gefühle aber bereitwillig bei Katzen zum Ausdruck bringt. Zwei Schüsse. Der Auftrag wurde erledigt. Das Geld erhält Raven von dem Strohmann seines Auftraggebers, der anonym bleibt. Wie sich jedoch herausstellt, hat man dem Auftragskiller die Banknoten angedreht, die kürzlich in der Firma von Willard Gates (Laid Cregar) entwendet wurden.

Da die Noten nummeriert sind, ist die Polizei bald auf den Spuren des Auftragskillers, den man nun für den Dieb dieses Geldes hält. All das hat Raven Willard Gates selber zu verdanken, denn dieser ist nicht nur Verantwortlicher für die beraubte Firma, sondern auch ein Verräter, der seinen Hintermann deckt. Vor Wut schäumend kennt Raven nur noch ein Ziel: Rache an Gates und dessen Auftraggeber. Von der Polizei landesweit gesucht, macht er sich auf nach Los Angeles, wo er Ellen (Veronica Lake) begegnet, die wiederum Gates beschatten soll. Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein Katz- und Maus-Spiel um drei Personen, die einander jagen und wo es nur eine Frage der Zeit ist, wann der erste das Zeitliche segnen muss.

Das Interessanteste an diesem Low Budget-Film ist zweifellos die komplexe Geschichte selbst, die von einem Roman Graham Greenes stammt, der hier eine Spionage-Story entwickelte, bei der es interessant ist, mitanzusehen, wie die drei Hauptcharaktere zusammengeführt werden, indem man ihnen jeweils Raum zur individuellen Entfaltung gibt, der bei dieser streng limitierten Laufzeit so ausführlich wie nötig, so kurz wie möglich ausfällt. Davon abgesehen gehört Die Narbenhand keineswegs zu den besten Film Noirs, dafür wirken einige Spuren in der zweiten Hälfte etwas arg konstruiert und im Gegensatz zu den besten Vertretern des Genres kann dieses Werk auch nicht mit expressiver Beleuchtung oder intensiver Kameraarbeit aufwarten, sodass die ganze Qualität dieses sehr unterhaltsamen und auch sehr spannenden Films in der Story selbst liegt sowie in den überzeugenden Darstellungen Alan Ladds als nihilistischer Killer und Veronica Lakes als verführerische Blondine, die mehr ist als nur das und in einer exzellenten Revuenummer ihr ganzes Talent unter Beweis stellen kann. This Gun for Hire bleibt nie stehen, sondern prescht in atemberaubendem Tempo vor, um nach weniger als anderthalb Stunden sein Ziel zu erreichen. Erstaunlich kurzweilig mit interessanten Ansätzen, hätte man sich trotzdem mehr Raum für die Charaktere gewünscht, die diesem bescheidenen B-Film den besonderen Glanz verleihen.

Anmerkung: Dieser Film ist in Deutschland bislang (Stand: April 2011) noch nicht auf DVD erschienen.

Die Narbenhand
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Die Narbenhand
8von 10

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