(„Sullivan’s Travels“, directed by Preston Sturges, 1941)

“I’m going to find out how it feels to be in trouble. Without friends, without credit, without checkbook, without name. Alone.“

Sind Sie mit Woody Allens Melinda und Melinda vertraut? In einem seiner besten Filme erzählt der New Yorker Regisseur nahezu die gleiche Geschichte zweimal: einmal als Komödie und einmal als Tragödie. Preston Sturges macht das in seinem Klassiker Sullivan’s Travels, der wiederum zu den Lieblingsfilmen Allens gehört, ähnlich. Seiner Hauptfigur, den Regisseur Sullivan, lässt Sturges in die Welt der Armut stolpern, anfangs in Referenzen an die alten Stummfilm-Komödien der Traumfabrik Hollywood, um ihm später kaltes Wasser eimerweise ins Gesicht zu gießen. Ab diesem Punkt ist Sullivan in der Realität angekommen, erst hier begreift er den vollen Umfang seines Handelns, der ihn in eine Katastrophe führt – weil er plötzlich der Armut nicht länger entkommen kann, wird er gezwungen, sich der Wahrheit zu stellen.

Und die ist plötzlich keine Komödie mehr. Dabei wollte John Sullivan (Joel McCrea) anfangs nur einen Film drehen, eine realistischen, voller Elend, Gewalt und – weil die Produzenten es verlangen – Sex. Aber diese Idee stößt beim Studio auf wenig Gegenliebe, man will kein finanzielles Risiko eingehen und den Regisseur dazu verpflichten, erneut ein Musical oder eine lichtfüßige Komödie zu inszenieren. Sullivan hat darauf keine Lust, er ist dieses leichte Zeugs satt, das überhaupt keinen Sinn macht, wenn dort draußen, auf den Straßen, das Elend sitze, wenn es kaum etwas zu essen gebe und das Land sich in einer Depression befände. Die Produzenten verstehen das nicht. Zumindest verstehen sie nicht, dass ausgerechnet Sullivan solch eine Tragödie verfilmen will, ein Filmemacher, der von der harten Realität, vom unerbittlichen Alltag auf den Straßen keine Erfahrung hat. Das muss auch Sullivan einsehen und geht einen Deal mit seinen Produzenten ein.

Er will sich als Bettler verkleiden und mit nur 10 Cents in den Taschen in die Welt wandern, um das wahre Leid kennen zu lernen. Man hält ihn für verrückt. Natürlich hält man diesen Mann verrückt, der eine gigantische Villa mitten in Hollywood sein Eigentum nennt und der sich all dem Schmutz aussetzen will. Aber man lässt ihn ziehen. Anfangs versucht man ihn zu begleiten, aber Sullivan ist klüger als seine Vorgesetzten und Verfolger. Sturges serviert dem Zuschauer in dieser reichhaltigen Abenteuerkomödie und Hollywoodsatire eine Referenz an die Klassiker des Stummfilms, die auch hier diese absurde Komik aufweisen, welche sie in den 20er Jahren auszeichneten. Ein kleiner Junge etwa ist es, der Sullivan, als Bettler verkleidet, in einem Automobil mitnimmt, das einen aufgemalten Tacho hat und mindestens 120 km/h fährt. Bald muss der frischgebackene Bettler jedoch merken: aus Hollywood gibt es kein Entkommen. Wohin er auch flüchten will, immer wieder landet er in der Stadt, in der aus Träumen Filme entstehen.

Dort trifft er auf ein Mädchen (Veronica Lake), deren Namen wir nie erfahren. Sie möchte Schauspielerin sein, hält sich aber mit kleinen Statistenrollen über Wasser, die sie kaum befriedigen. Noch ehe sie sich versehen können, befinden sie sich als Landstreicher in einem Zug, um sich dorthin bringen zu lassen, wohin das Schicksal – oder der Fahrplan – sie trägt. Lange halten sie es nie durch. Immer wieder flüchten sie sich zurück in die glamourösen, sauberen Hotel- oder Produktionsräume, in denen sie dem Schmutz des wahren Lebens nicht sehen müssen. Vielleicht hat genau das die Produzenten über all die Jahre blind gemacht. Sie, die diese Massen an Obdachlosen nicht gesehen haben, die kaum etwas zu essen haben, in ungemütlichen, überfüllten und kalten Schlafsälen übernachten müssen und aus Not einem Leidensgenossen auch die Schuhe stehlen.

Sullivan’s Travels ist ein reichhaltiger Film, dem Unrecht getan würde, wenn man ihn lediglich mit jeweils einem der folgenden Adjektive beschriebe: Komödie, Romanze, Satire, Abenteuer, Tragödie. Es ist faszinierend anzusehen, wie diese Genres, diese Aspekte, nahtlos ineinander überfließen und zu einem harmonischen Ganzen werden, das weder albern, noch kitschig, respektlos, langweilig oder sentimental ist. Preston Sturges ist angemessen, an den richtigen Stellen wohltuend zurückhaltend und biete in all seiner Eleganz eine wunderbare Botschaft für mehr Toleranz, ohne Kontroversen zu verharmlosen. Denn Sturges, der auch das Drehbuch schrieb, verurteilt den Bettler nicht, der Sullivan bestiehlt, sondern er fragt nach der Ursache, was diesen Menschen antreibt und was es schließlich unausweichlich macht, dass es zu einer kriminellen Tat kommt. So muss sich auch der Zuschauer fragen, weshalb Sullivan sich letztlich auf diese Reise in ein anderes Leben begibt.

Tut er es wirklich, wie er sagt, um etwas für die Menschen zu tun, indem er ihnen ein realistisches Porträt des Lebens und der Depression in Form eines Filmes bietet oder ist das alles nur Eigennutz, zu dem er als unter Vertrag stehender Regisseur verdammt ist? Aus diesem Eigennutz, den er sich selber nicht eingestehen will, wird schnell Einsicht. Aber auch die will er sich wiederum nicht eingestehen, wenn er von den Straßen wieder an seinen Swimming-Pool flüchtet, um das Leben zu genießen und das Elend zu vergessen. Irgendwann wird das unmöglich.

Auch wenn er als Bettler selber wie Dreck behandelt wird, kehrt er immer wieder zurück in diese Welt, die ihn wie einen Sog erfasst. Plötzlich ist da keine Hommage mehr an die Keyton Cops oder an Charlie Chaplin. Das ist eine andere Welt, die ganz verschieden ist von der, die Sullivan sich vorgestellt hat, als er in dem Büro der Studiobosse stand, die nie ihre Zigarre aus dem Mund nehmen und dem Publikum nur seichte Filmchen anbieten wollen. Der Film ist all jenen gewidmet, welche uns im Laufe der Jahre ein unendlich wertvolles Lachen geschenkt haben, an die Clowns, an die Pantomimen, an die Chaplins, Laurel und Hardys oder Buster Keatons, die uns das Leben retteten. Erst am Ende muss Sullivan das erkennen. Während er als Strafgefangener in einer Trickfilmvorführung sitzt und merkt, dass all die Verurteilten um ihn herum, die keine Freude mehr in ihrem Leben zu haben scheinen, bei den bewegten Bildern von Mickys Hund Pluto plötzlich lauthals anfangen zu lachen. Ist es das, was Menschen brauchen in Zeiten von Depressionen? Keine realistischen Dramen? Zum ersten Mal erlebt Sullivan das am eigenen Leib. Er lacht, weil diese Bilder ihm die Möglichkeit geben, der Tragödie außerhalb des Kinos zu entkommen.

Sullivans Reisen
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