(„Silver Streak“, directed by Arthur Hiller, 1976)

“If there’s ever anything that you need… don’t call me!”

Viele filmische Genremischungen wie Actionkomödien, Horrorthriller oder Gruselparodien leiden daran, dass sie meistens eines dieser Genres nicht zufriedenstellend bedienen können. Silver Streak als Mischung aus Abenteuer, Thriller, Komödie und Action leidet unter diesem Problem nicht, denn der von Arthur Hiller inszenierte Streifen ist als von Hitchcock inspiriertes Werk spannend wie ein Thriller, humorvoll wie eine Komödie, temporeich wie ein Abenteuer und mit einem Finale, das an Die Entführung der U-Bahn Palham 123 erinnert, actionreich wie sein spannungsgeladenes Vorbild. Der zu einem großen Teil in einem Zug spielende Film sollte zunächst in den Vereinigten Staaten gedreht werden, doch die National Rail Passanger Corporation fürchtete zu viel Aufmerksamkeit und weigerte sich, zu kooperieren. Aus diesem Grund musste die Produktion verlegt bzw. die Außenaufnahmen in Kanada gefilmt werden, während die Innenaufnahmen in einem Studio stattfanden. Das Finale hingegen – um nicht zu viel zu verraten – wurde (ohne CGI oder ähnliche Effekte) in einem Flugzeughangar gefilmt. Silver Streak ist eine äußerst aufwendig produzierte Komödie geworden, die sich trotz zahlreicher Genreparodien als eigenständiger Film bewährt hat.

Gene Wilder spielt George, einen Verleger, der aufgrund der Hochzeit seiner Schwester mit dem Zug „Silberstreif“ von Los Angeles nach Chicago fährt. Die Fahrtzeit ist mit zweieinhalb Tagen angesetzt – Zeit, die George für die Lektüre einiger Bücher verwenden möchte und anfangs scheint es tatsächlich eine gemütliche Überfahrt zu werden, während der er einen Vitaminpillen-Verkäufer namens Paul Sweet (Ned Beatty) trifft, mit dem er sich anfreundet. Selbiges geschieht mit einer attraktiven Mitreisenden namens Hilly (Jill Clayburgh), die sich George als Sekretärin für einen Kunstwissenschaftler vorstellt. Ihr Chef habe gerade ein Buch über Rembrandt geschrieben und hoffe, mit diesem Werk einiges Aufsehen zu erregen. Nach einem langen Dinner verbringen George und Hilly eine Nacht zusammen, die jedoch ein jähes Ende findet, als der Verleger eine Leiche vor dem Fenster baumeln sieht.

Es dauert auch nicht lange, bis ihm klar wird, wer der Tote war, als er das Bild von Hillys Chef auf einem Buchdeckel entdeckt. Leider ist niemand bereit, George zu glauben – nicht einmal seine neue Freundin Hilly, obwohl zunächst alles den Anschein macht, als ginge auf dem Zug tatsächlich etwas Mysteriöses vor, denn auf dem Weg zum Wagon des vermeintlich Toten begegnet George einigen finsteren Gestalten, die ihn aufgrund seiner Neugier aus dem Zug stoßen. Für George soll dies nicht das erste unfreiwillige Verlassen des Zuges werden und auf abenteuerliche Weise schafft er es, sich wieder an Bord zu begeben. Dort macht er die Bekanntschaft mit dem undurchsichtigen Roger Devereau (Patrick McGoohan), der sich für Hilly interessiert.

Nachdem George Roger von der Geschichte des toten Schriftstellers erzählt hat, ist er umso erstaunter, den Chef seiner Freundin lebendig vor sich zu sehen. Hat er sich geirrt oder wird in diesem Zug ein Komplott gespielt, das noch größere Ausmaße angenommen hat als befürchtet? Verwirrt begibt sich George zurück in sein Abteil, um wenig später mitten in einer internationalen und äußerst gefährlichen Affäre zu stecken, die ihn nicht nur zum Hauptverdächtigen macht, sondern auch zum Gejagten Nr.1. Darüber hinaus muss er erkennen, dass auch seine geliebte Hilly in höchster Gefahr schwebt. Mitten in diesem lebensgefährlichen Abenteuer begegnet er dem Autodieb Grover (Richard Pryor) und gemeinsam machen sie sich auf, den Schuldigen das Handwerk zu legen.

Silver Streak beginnt langsam – wie ein Zug, der immer mehr an Fahrt gewinnt, nimmt sich das Drehbuch von Colin Higgins viel Zeit für die Schilderung der Liebesgeschichte zwischen Hilly und Roger, sodass die Figuren an menschlicher Wärme und Format gewinnen, ehe beide in ein temporeiches Abenteuer geschickt werden. Dabei ist der Streifen als Thriller nicht nur von Hitchcocks Der unsichtbare Dritte inspiriert, in dem ebenfalls ein unbescholtener, kleiner Bürger in eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes schlittert, sondern es finden sich zusätzlich Anleihen an den Klassiker Eine Dame verschwindet. Wie auch in dem erwähnten Film wird hier der äußerst raffinierte Trick angewandt, den Zuschauer über längere Zeit daran zweifeln zu lassen, ob die Hauptperson – in diesem Fall George – tatsächlich glaubwürdig ist oder sich nur eingebildet hat, etwas gesehen zu haben, was letztendlich gar nicht eingetreten ist und nur in der Fantasie des Besagten stattfand.

Die Stärke des Films sind dabei nicht nur die geglückten Genreverquickungen und die gelungenen Hommagen, sondern auch die skurrilen Nebenfiguren, denen Gene Wilder begegnet. Vor Allem Patrick McGoohan macht als charismatischer, unterkühlter Bösewicht einen glänzenden Eindruck. Der Gauner erhält zudem noch Unterstützung von Richard Kiel, dem legendären „Beißer“ aus dem James Bond-Film Der Spion, der mich liebte und interessanterweise trägt Kiel bereits hier das auffällige, markante Gebiss. Komödiantisches Highlight ist wahrscheinlich die Szene, in der ein großartig aufspielender Richard Pryor versucht, aus Gene Wilder einen Schwarzen zu machen – nicht nur äußerlich mit Hilfe von Schuhpaste und Jamaika-Mütze.

Das furiose Finale setzt diesem, anfänglich etwas trägen Film ein äußerst geglücktes Ende, wobei die abrupte Kehrtwende von leichtfüßiger Komödie zu rasantem Actionfilm ungewohnt ist und mehr Spielraum für die komödiantischen Talente der Beteiligten verlangt hätte. Eine leichtfüßige, sehr unterhaltsame Odyssee eines Tollpatsches, der von einem Missgeschick ins Nächste rutscht und vom Zuschauer Sympathie, Spott und Mitleid gleichzeitig erntet.

Trans-Amerika Express
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Trans-Amerika Express
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