(„Sleuth“, directed by Joseph L. Mankiewicz, 1972)

“The shortest way to a man’s heart is through humiliation.”

Sie mögen Theater, können sich aber an diesem Abend nicht aus dem heimischen Sessel erheben, hinaus in die abendliche Nässe und Kälte des unerbittlichen Winters? Die ideale Lösung bietet der für vier Oscars nominierte Thriller Sleuth von 1972, welcher nach einem äußerst erfolgreichen und 1971 mit einem Tony Award ausgezeichneten Theaterstück von Anthony Shaffer entstand, der sich im selben Jahr auch für das Drehbuch zu Alfred Hitchcocks Frenzy verantwortlich zeichnete. Regie bei diesem genial konstruierten Verwirrspiel mit Laurence Olivier und Michael Caine führte Joseph L. Mankiewicz, der vielfach preisgekrönte Inszenator, der hiermit nach legendären Klassikern wie Alles über Eva oder The Ghost and Mrs. Muir seinen letzten Film drehen sollte, ehe er sich in den Ruhestand begab.

Mankiewicz sollte die besten Voraussetzungen für seinen Dreh erhalten, denn neben einem ausgeklügelten Drehbuch standen ihm zwei erstklassige Schauspieler zur Verfügung, die sich gegenseitig an die Wand spielen und vielleicht die zwei atemberaubendsten schauspielerischen Leistungen erbringen, die je in einem einzigen Film zu bewundern waren. Beide Hauptdarsteller erhielten für ihre erstklassigen Leistungen eine Oscar-Nominierung und Sleuth einen Eintrag in die Filmgeschichte als einer der besten Thriller, welche jemals auf Zelluloid gebannt wurden. Michael Caine spielt Milo Tindle, den englischen Besitzer eines Frisörsalons, der mit der Ehefrau von Kriminalschriftsteller Andre Wyke (Olivier) schläft und welche er zu heiraten gedenkt. Eines milden Nachmittages erhält Milo eine Einladung des Schlossherren Wyke, der mit dem Frisör eine angenehme Unterhaltung verbringt, ehe er die Sprache auf die Affäre seiner Frau lenkt. Denn Wyle weiß genau, wen er vor sich hat und zögert nicht, seinem Rivalen ein Angebot zu machen, dem er nicht widerstehen kann. Andrew könne verstehen, dass Milo seine Frau ehelichen wolle.

Der Weg dorthin sei ihm freigestellt, doch er bittet den jungen Halb-Italiener um einen Gefallen. Andre Wyke hat wertvollen Schmuck in seinem Safe lagern, den er nicht länger benötigt. Dieser Schmuck im Wert von einer Viertelmillion Pfund sei sehr hoch versichert, was bedeute, dass Wyke mehr als eine Viertelmillion Versicherungsgeld erhalte, sollte dieser Schmuck gestohlen werden. Wyke macht Milo den Deal unmissverständlich klar: Milo stiehlt den Schmuck mit der Hilfe des Eigentümers. Anschließend verschwindet er mit der Beute, die er bei einem Schwarzhändler für 170.000 Pfund einlöst. Diesen Erlös dürfe er behalten, so verspricht der Schriftsteller. Mit diesem hohen Geldbetrag könne Milo seiner neuen Ehefrau eine vorerst sichere Zukunft gewähren, während Wyke mit seiner Mätresse und dem gesamten Versicherungsgeld ein schönes Leben genießen kann.

Nach langem Zögern geht Milo auf dieses Geschäft ein und da er nicht nur erkannt hat, dass sein Gastgeber ein Schelm ist, für den das Leben lediglich ein Spiel darstellt, sondern zudem ein kluger Kopf, der weiß, wie man Verbrechen plant, lässt er sich in ein Clownskostüm mit großen Schuhen stecken, sodass weder er noch seine wahre Schuhgröße wiedererkannt werden würden. Der Einbruch scheint zunächst zu gelingen, doch was Milo nicht geahnt hat ist, dass dieses erste Manöver nur der Auslöser war für ein tödliches Spiel, um das stets die Frage kreist, wer Gewinner und wer Verlierer sein wird.

Der Film läuft ungefähr 130 Minuten. Es gibt keine gefährlichen Gewaltszenen, keinen Sex, keine Explosionen. Dafür gestochen scharfe Dialoge und schauspielerische Leistungen, die den Zuschauer gebannt vor den Bildschirm kleben lassen und eindrucksvoll zeigen, wie großes Kino funktioniert. Ein Film, der mit zahlreichen skurrilen Ideen und Grotesken aufwartet, so etwa das erste Gespräch zwischen den beiden Protagonisten, in dem Milo den Mann seiner Geliebten fragt, ob er die Dame seines Herzens ehelichen dürfte. An dieser Stelle entwickelt sich ein Gespräch wie zwischen Freund eines Mädchens und seinen potentiellen Schwiegereltern, bei denen er um die Hand ihrer Tochter anhält.

All das wird spektakulär und fesselnd durch Laurence Olivier, der abgesehen von seinen Auftritten als Shakespeare-Mime nie besser war als in diesem Thriller. Ein unendlich dankbarer Film für einen begabten Schauspieler (fatal für einen schlechten), denn er verlangt dem Charakter des Kriminalschriftstellers alles ab und so wartet Olivier mit einer Palette schauspielerischen Könnens auf, die einen Großteil seiner Kollegen vor Neid erblassen lässt. Andre Wyke ist ein Scherzkeks, ein undurchsichtiger Lebemann mit Frau und Geliebter, der ein einziges Ziel verfolgt, von dem man sich nie sicher sein kann, welches es genau ist. Er lacht, er weint, er schreit, er leidet, er kämpft, er treibt Schabernack, er rezitiert Verse aus Gedichten und Kriminalromanen in unterschiedlichen Akzenten, Mimiken, Gestiken, Tonarten, er wirbelt umher wie ein Berserker um in der nächsten Szene fast ohnmächtig im Sessel hernieder zu sinken. Der Oscar ging schließlich an Marlon Brando für seine Rolle als Vito Corleone in Der Pate.

Hätte man vorher gewusst, dass Brando diese Auszeichnung ablehnen und sich durch eine Indianerin bei der Verleihung vertreten lassen würde, hätte man mit Olivier einen ebenfalls würdigen, vielleicht sogar besseren Schauspieler ehren können. Interessant ist zudem auch, wie sich die Charaktere Wykes und Milos im Laufe der Geschichte zunächst immer mehr anzunähern scheinen, was Michael Caine die dankbare Möglichkeit für einen großen Spielraum bietet, der sich sichtlich bemüht und neben dem überlebensgroßen Partner keine schlechte Figur abgibt. Deutlich blasser wirkt hingegen Alec Cawthorne als Inspektor Doppler, der gegen Olivier und Caine schauspielerisch kaum eine Chance hat. Sleuth ist jedoch nicht nur ein spannender Thriller (der in einem einzigen Haus spielt) über Leben und Tod, sondern eine mit vielseitiger Komik angereicherte Farce, die nicht nur von visuellen Scherzen lebt, wie dem des Michael Caine, der sich in einem lächerlichen Clownskostüm auf Raubzug befindet, sondern ebenfalls von originellen Einfällen wie dem Schloss zum Schlafzimmer, in das man erst eine Münze werfen muss, bevor man sich ins Bett begeben kann.

Die Handlung ist nicht komplex, aber das muss sie auch nicht sein, denn sie sieht zahlreiche unerwartete Wendungen vor, die einen spannenden Filmabend garantieren. Das große Plus dieses Werks sind nicht nur die zwei überragenden Schauspieler und das ausgezeichnete Drehbuch, sondern auch die Tatsache, dass Regisseur Joseph L. Mankiewicz nie den Versuch unternommen hat, die Theatervorlage für die Filmversion aufzumotzen, sondern er bleibt respektvoll im Umgang mit der Vorlage, sodass eine gewisse Theateratmosphäre durchweg spürbar bleibt, was der Authentizität nur zugutekommt. Sleuth stellt unverblümt Fragen über die Selbstdarstellung der Menschen – wie wir uns geben, wie wir aber wirklich sind. Nicht, wenn wir alle Masken fallen lassen, sondern wenn uns diese Masken heruntergerissen werden und wir statt in Stolz vor unseren schön designten Maskeraden in schmerzvoller Demütigung wiederfinden. Ein trickreiches Spiel, hervorragend gespielt, brillant konstruiert. Mord mit kleinen Fehlern ist ein Meisterwerk – ein Film, reduziert lediglich auf ein gutes Drehbuch, überzeugende Schauspieler und detaillierte Regieführung. Ein einmaliges kineastisches Erlebnis.

Anmerkung: Dieser Film ist in Deutschland bislang (Stand: Februar 2011) noch nicht auf DVD erschienen.

Mord mit kleinen Fehlern
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