(„Que la bete meure“, directed by Claude Chabrol, 1969)

„Ich werde einen Menschen töten. Ich kenne weder seinen Namen, noch seine Adresse, ich weiß nicht einmal, wie er aussieht. Doch ich werde ihn finden und töten.“

Filme entführen einen in andere Welten. Gute Filme tun dies intensiver als schlechte und Das Biest muss sterben entführt den Zuschauer in eine Welt, in die er gar nicht möchte – in eine Welt, aus der man mit jeder Faser seines Körper zu entfliehen versucht. Auch hier ist es wieder der für Chabrol typische Blick hinter die Fassade der Bourgeoisie, mit welcher der Regisseur erbarmungslos ins Gericht geht und einen seiner stärksten Filme überhaupt schuf. Hauptaugenmerk ist dabei aber nicht das Umfeld der wohlhabenden Familie, sondern der innere Antrieb des Charakters Charles Thenier (Michel Duchaussoy).

Eines Tages im Januar wird sein Sohn auf offener Straße überfahren. Der Fahrer flüchtet. Nach einigen Wochen der Nervenheilung macht sich Charles daran, den Mörder seines Kindes zu finden. Anfangs nur als Helfer der Polizei, die keine Ergebnisse vorweisen kann. Doch für den Vater steht fest, dass der Killer seines Sohnes für die Tat büßen muss. Sein Ziel ist es, den Fahrer jenes Autos umzubringen, sei es auch das Letzte, was er tue. So macht sich Charles auf die Suche und wird durch Zufall fündig. Ein älterer Mann bringt ihn auf die Spur der Schauspielerin Helene Lanson (Caroline Cellier). Diese wurde in Tränen aufgelöst nur kurz nach der Tat auf dem Beifahrersitz jenes Fluchtfahrzeuges gesichtet, welches von ihrem Schwager Paul Decourt (Jean Yanne) gesteuert wurde. Der Vater des getöteten Kindes will sich an Helene rächen, er folgt ihr und macht schließlich ihre Bekanntschaft in einem Club.

Er erzählt ihr, er sei Drehbuchautor und hätte ihr eine interessante Rolle anzubieten – wie zu erwarten, fällt Helene darauf herein. Die beiden lernen sich dadurch kennen und es entwickelt sich eine Liebesbeziehung, obwohl Charles sich anfangs nicht von ihr angezogen fühlt und sie einfach nur qualvoll sterben sehen will. Er genießt es, sie zu schlagen und ihre Gefühle zu verletzen, bis ihm klar wird, dass sie nicht die Täterin ist und selber an dem Tod des Jungen schwer zu leiden hatte. Helene führt ihn zu ihrem Familienanwesen, in dem Charles ihren Schwager kennen lernt. Der wohlhabende Besitzer einer florierenden Autowerkstatt entpuppt sich sofort als Ekel, als „eine Karikatur des vollkommen schlechten Menschen“, der seine Familie demütigt und seinen Sohn schlägt. Charles wird schnell klar, dass er nicht der Einzige mit einem regen Interesse an Pauls Tod ist. Inmitten dieser unerträglichen Atmosphäre macht sich Charles an die Planung seines Verbrechens, der den Tod seines Sohnes sühnen soll.

Die Figurenkonstellation dieses Films allein ist bereits bemerkenswert und besteht ausnahmslosen aus tragischen Figuren, die ihr Leben nicht geregelt bekommen oder – im Falle von Paul Decourt – anderen das Leben derart schwermachen, dass sie keine Freunde vorzuzeigen haben. Charles ist der trauernde Vater, der seinen Sohn verloren hat. Er fängt eine Affäre mit Helene an, um ihr wehzutun, die leidet jedoch bereits genug unter dem Geschehenen sowie unter ihrem tyrannischen Schwager, der sie einst gezwungen hat, mit ihm zu schlafen. Dazu gesellen sich weitere Nebenfiguren wie der Sohn Pauls, der von seinem Vater geschlagen und so oft wie nur möglich gedemütigt wird. Paul ist in der Tat derart unausstehlich, dass man sich wünscht, der Plan Charles‘ würde gelingen.

All das klingt nach einem Stoff der berühmten Autorin Patricia Highsmith, die sich mit derartigen Psychothrillern den Lebensunterhalt verdiente. Der innere Antrieb eines Menschen, die Rache, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, treibt ihn dazu, eine Beziehung zu einer Frau einzugehen, die er nicht liebt. Dies ist nur einer der vielen tragischen Aspekte dieses zutiefst pessimistischen und intensiven Dramas, das seine ganz Stärke aus den vielschichtigen Charakteren zieht. Es ist – auch wenn es der Titel suggerieren mag – kein Krimi, sondern ein feinfühliges Melodram, das sich viel Zeit für seine Figuren nimmt. Die geschlossene, packende Atmosphäre wird gesteigert zum unerträglichen, sobald Charles in die verkommene Welt der wohlhabenden Großbürger eintritt. Paradebeispiel für das Unerträgliche, das sich zu jedem Zeitpunkt in dieser Gesellschaft offenbaren kann, ist die schier unerträgliche Tischszene, lebend vom Kameraspiel und der Darstellung Jean Yannes, der als Paul Decourt Gedichte seiner Schwester laut vorliest und sich über sie lustig macht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt erreicht die Spannung für den Zuschauer den Höhepunkt, der sich nur mit jeder Faser seines Wesens wehren kann, in dieses Gegenteil einer Wohlfühlatmosphäre einzudringen. Es ist bereits zu spät. Chabrol hat ein packendes Charakterstück geschaffen, ihr Seelenleben in deprimierenden Bildern und eindringlichen Dialogen geschildert.

Bereits zu Beginn ertönen Auszüge aus „Vier ernste Gesänge op. 121“ von Johannes Brahms, die in dieses Trauerspiel der menschlichen Existenzen einführt, bevor die einzige unbefleckte Person in diesem Film – der Sohn von Charles – tragisch zu Tode kommt, durch einen Unfall, der hätte vermieden werden können. In diesen Gesängen heißt es so treffend: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch.“ Es ist klar, warum Chabrol an diesen Stücken derart großen Gefallen fand. Das Biest muss sterben ist einer seiner intensivsten, packendsten, deprimierendsten und besten Filme geworden. Wer Psychodramen/-thriller oder französische Filme aus jener Ära schätzt, wird um diesen nicht herumkommen.

Das Biest muss sterben
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