(„The Madness of King George“, directed by Nicholas Hytner, 1994)

„You’ll have to speak up, I don’t see very well.“

Alan Bennett ist in Deutschland mit seiner Novelle „Die souveräne Leserin“ zu einem gewissen Bekanntheitsgrad unter Literaturliebhabern gelangt. Doch nur die Wenigsten dürften wissen, dass Bennett bereits seit Jahrzehnten ein sehr respektabler, produktiver Schriftsteller in Großbritannien ist. So schrieb er 1992 das Theaterstück „The Madness of George III“, welches zwei Jahre später nach seinem eigenen, überarbeiteten Drehbuch entstand. Die Geschichte basiert auf einem wahren Fall, welcher im Jahre 1788 seinen Anfang nimmt. Nigel Hawthorne wiederholte seine Bühnenrolle als King George für die Leinwand, ihm zur Seite als Gemahlin stand Helen Mirren, die 2006 mit ihrer Darstellung von Königin Elisabeth auf ähnlichem Terrain große Erfolge feiern sollte. George III ist ein beliebtes Oberhaupt des Landes. Nur sein Sohn, der Prinz von Wales (Rupert Everett) bereitet ihm Kummer, da dieser immer noch nicht verheiratet und beim Volk wenig beliebt ist.

Eines Abends befallen den König schlimme Schmerzen, von denen er erst einige Tage später kuriert werden kann. Die Schmerzen ist er daraufhin zwar los, doch beginnt er, sich äußerst seltsam zu verhalten. Im ununterbrochenen und wirren Redefluss beginnt er, mit Nicht-Adligen Cricket zu spielen oder sich Po an Po mit attraktiven Frauen zu reiben. Während sich das gesamte Königshaus für den wirren Herrscher schämt, wittert der Prinz von Wales seine große Chance. Wenn nämlich der König für einen längeren Zeitraum an Wahnvorstellungen leidet, kann der Prinz dessen Platz auf dem Thron einnehmen. Nichtsdestotrotz sieht sich George III bald von zahlreichen Ärzten umzingelt, die gesuchen, ihm zu helfen, was sich der Herrscher jedoch streng verbittet. Dr. Willis (Ian Holm) lässt sich davon jedoch nicht beirren, schickt den Verwirrten in ein Sanatorium und setzt ihn dort folterähnlichen Methoden zur Heilung aus.

Die größte Stärke des Films ist zugleich seine größte Schwäche: Nigel Hawthorne spielt brillant und füllt den gepeinigten George hervorragend aus – er ist derart fesselnd in seiner Porträtierung, dass die Szenen, in denen Hawthorne nicht auftritt, sehr fade wirken und sich zähl dahinschleppen. Diese fehlende Kraft und Stärke ist zu einem Großteil der faden Darstellung Rupert Everetts geschuldet, der in seiner Rolle nicht überzeugen kann, somit nicht nur sich selbst, sondern auch den Zuschauer zu schnell langweilt. Es ist auch zum größten Teil der Verdienst Hawthornes, dass sich dieser Film nie über König George lustig macht. Dieser wird nie als verwirrte Witzfigur dargestellt.

Der Streifen lässt den nötigen Respekt nie missen, was teils zu sehr intensiven und berührenden Szenen führt, etwa die qualvollen Schmerzen des umnachteten Herrschers, der sich auf dem Rasen niederknien muss und in verzweifeltes Schreien ausbricht. Regisseur und Schauspieler spielen hier auf der Klaviatur der Gefühle des Zuschauers, wenn man stets zwischen Lachen und Mitleid schwankt und in erster Linie Sympathie für George empfindet. Denn was ihn auszeichnet ist die menschliche Wärme durch Handlungen, die einem auf den ersten Blick irr erscheinen mögen, weil es sich nicht gehört, sich in einer derartigen Art und Weise in der Öffentlichkeit zu betragen. Doch man merkt schnell, dass George nur das auslebt, was ein jeder Mensch in seinem tiefen Inneren ausleben und ausdrücken möchte. Symbolisch ist hier das Verstecken des Herrschers unter dem Bett, aus Angst vor den Ärzten, die ihm in der Tat nichts Gutes tun werden.

Es ist ein Ausdruck menschlicher Ängste und Gelüste, die hier dargestellt werden und was das Werk derart kraftvoll macht. Es ist filmisch sehr geschickt gemacht, in Close-Ups die Gesichter der beiden Parteien zu zeigen, wenn der sanftmütig dreinblickende Patient George III von dem Arzt mit den kalten Teufelsaugen auf einem Stuhl gefesselt wird. Auch die Beteiligten, die für das Make-up zuständig waren, haben erstaunlich gute, sehr detaillierte Arbeit geleistet und sich sichtliche Mühe gegeben, das England des 18. Jahrhunderts wieder auferstehen zu lassen – man achte nur auf das dezente weiße Puder am Haaransatz Helen Mirrens, das von der Perücke herrührt, weil es im 18. Jahrhundert es gängig war, diese ausreichend zu bepudern.

The Madness of King George ist ein empfehlenswerter Film für alle Liebhaber des historischen Genres. Doch kommt man auch nicht umhin anzumerken, dass der gesamte Streifen mit dem Hauptdarsteller steht und fällt. Wäre ein anderer Schauspieler, welcher nicht die Klasse eines Hawthornes besitzt, engagiert worden, so hätte dieses Werk weitaus weniger unterhalten und fesseln können. Leider ist ihm dies in einigen Szenen anzumerken, wenn sich Rupert Everett bemüht, den Hinterhalte schmiedenden Sohn auf überzeugende Weise darzubieten. Es muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass George III eine Enttäuschung für all diejenigen sein dürfte, die eine spritzige, frivole Komödie erwarten, denn Bennett legte keinen großen Wert darauf, dem Zuschauer Schenkelklopfer en masse zu offerieren, sondern stattdessen in einer Mischung aus Satire und feinfühligem Drama ein Porträt der historischen Figur zu zeichnen.

King George – Ein Königreich für mehr Verstand
4 (80%) 18 Artikel bewerten

King George - Ein Königreich für mehr Verstand
8von 10

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