(„Criss Cross“, directed by Robert Siodmak, 1948)

Verruchte Kneipen, Lichtquellen, die den Antihelden des Films zur dunklen Schattengestalt werden lassen, brünette Frauen, die den Zigarettenqualm lasziv in die Luft blasen – die Szenerie ist die eines typischen Film Noir der 40er Jahre. Der Antiheld ist der noch junge Burt Lancaster, dem das Schicksal in diesem Film böse mitspielt – sozusagen der Prototyp des Hauptdarstellers im Film Noir und einer der wichtigsten Regisseure dieser Gattung war neben Fritz Lang z.B. auch Robert Siodmak, der sich auch für Criss Cross verantwortlich zeichnete.

Lassen Sie sich von dem ungeschickten deutschen Titel nicht täuschen, der nichts mit dem Film an sich zu tun hat und denken Sie stattdessen an Hitchcocks Zwei Fremde im Zug oder an die sich darauf beziehende Simpsons-Parodie. Criss Cross heißt sinngemäß übersetzt „Übers Kreuz“. Man leistet jemandem einen Gefallen und empfängt dafür eine Gegenleistung – so wie Burt Lancaster als Steve, der in einer ausführlichen Rückblende von seiner Beziehung zu Anna (Yvonne DeCarlo) erzählt, die er vor zwei Jahren heiratete, sich dann aber nach sieben Monaten bereits wieder scheiden ließ, woraufhin er auswanderte, aber wenig Glück im Beruf und im Privatleben hatte. Daraufhin kehrt er in seine Heimatstadt zurück, trifft erneut auf Anna, muss jedoch feststellen, dass sie mittlerweile mit dem Gangster Slim (Dan Duryea) verheiratet ist. Als dieser merkt, dass Steve ein Auge auf Anna geworfen hat, diese sogar immer noch liebt, nutzt er dessen Blindheit rücksichtslos aus. Er überredet ihn, den Geldtransporter der Firma zu überfallen, für die Steve arbeitet…

Siodmak wendete eine verschachtelte Erzählform an, indem er nach einem abrupten Beginn eine ausführliche Rückblende zulässt. Erst diese erklärt, wie es zu der gefährlichen Situation kommen konnte, in der sich Steve nun befindet, der angespannt darauf wartet, das Geld von seinem eigenen Geldtransporter erbeuten und mit Slim teilen zu können. Dem geht eine lange Geschichte des Schmerzes voraus, denn Criss Cross zieht seine unerbittliche Brutalität nicht aus Morden oder Schießereien, sondern aus dem Seelenleben Steves, aus dessen Gesicht man ablesen kann, dass seine Welt zerbricht, als er erfährt, dass seine ewige Liebe Anna einen anderen Mann geheiratet hat. In dieser Hinsicht ist Siodmaks erstklassiger Film Noir drastisch, düster, deprimierend und schockierend, denn er offeriert dem Zuschauer eine Liebesgeschichte, die für den gebeutelten Steve ewig überschattet zu werden scheint.

Diese ausführliche Schilderung der Liebesgeschichte, die eigentlich keine ist und auch nie eine war, macht das Gerüst des ganzen Werkes aus, in der jede Szene gerechtfertigt ist, da jede Einstellung das Leiden und das Ringen mit sich selbst des Hauptcharakters intensiver, einfühlsamer und nachvollziehbarer macht. Das größte Highlight ist aber wohl der Raubzug, der schließlich stattfindet und von dem sich sagen lässt, dass selten zuvor und noch seltener danach je ein Regisseur ein kriminelles Vergehen in Szene gesetzt hat. Dies ist nicht nur ein Ergebnis aus der Angst des Zuschauers, das Vorgehen könnte misslingen oder unschuldige Personen könnten getötet werden, sondern aus der stilistischen Herangehensweise des Regisseurs und des Kameramanns, denn die gesamte Aktion läuft in schier undurchdringbaren Rauchschwaden ab, durchbrochen von Pistolenschüssen, während derer Steve verzweifelt mit sich selber ringt, insgeheim aber weiß, dass es zu spät ist, das Unternehmen abzubrechen.

Criss Cross ist zutiefst pessimistisch, ohne den typisch glitzernden Hollywood-Kitsch jener Tage, aber trotzdem ein ergreifendes Melodram über die Sehnsüchte und den Liebeskummer eines Mannes, der im Leben nicht viel Glück gehabt hat und für den alles noch schlimmer zu werden scheint. In der zweiten Hälfte werden einige falsche Spuren gelegt und Tricks angewendet, um den Zuschauer hinter das Licht zu führen und so ein möglichst spannendes Finale bieten zu können – man wird nicht enttäuscht.

Gewagtes Alibi
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Gewagtes Alibi
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