(„Picco“, Philip Koch, 2010)

Mögen Sie Michael Haneke? Funny Games mit Ulrich Mühe? Dann wird Ihnen Picco wahrscheinlich gefallen. Es ist einer jener Filme, welche die Macht haben, Zuschauer scharenweise aus dem Kino zu treiben – sowohl, wenn man weiß, was auf einen zukommt, als auch bei völliger Ahnungslosigkeit. Picco ist ein verstörendes Porträt über das Leben in einer JVA.

Im Zentrum des Werks von Neuling Philip Koch steht der junge Kevin (Constantin von Jascheroff), der nach einer Schlägerei ins Gefängnis muss und sich dort mit drei anderen Jungs eine Zelle teilt. Kevin – genannt „Picco“ – lernt bald die anderen Insassen der JVA kennen, so etwa den zurückhaltenden Juli, der bald für homosexuell gehalten wird. Obwohl sich Juli und Kevin anfreunden, muss Kevin hilflos zusehen, wie sein neuer Kumpel im Waschraum in den Popo gepimpert wird. Es sind Erlebnisse wie diese, von denen man meinen müsste, sie lassen Kevin reifen – doch das Gegenteil scheint einzutreffen und Kevin offenbart dem Zuschauer immer dunklere Seiten. Nach dem Motto „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“ steuert Kevin auf eine Katastrophe zu.

Der Film von Koch hat sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich einen Verleih gefunden, was für eine Studien-Abschlussarbeit recht ungewöhnlich ist. Daher verwundert es, dass Picco trotz zahlreicher Preise und internationalem Erfolg ein inkonsequent in Szene gesetztes Werk ist, das zwar interessant ist und aufrüttelt, aber auch viele Schwächen offenbart. Das Problem ist hier nicht die explizite Gewaltdarstellung, ähnlich schockierend wie in Funny Games, denn dadurch rüttelt der Film auf und zeigt eindrucksvoll, welche Macht er auf den Zuschauer ausübt – egal, ob man diesen Film mag oder nicht, man wird sich noch lange an ihn erinnern und das spricht für ihn. Das größte Problem dieses Werks ist, dass durch das Fehlen einer Kern-Handlung, das realistische Porträt in der Schilderung des Lebens in der JVA der Anspruch auf Dokumentarfilmstatus erhoben wird. Man soll als Zuschauer direkt dabei sein, den brutalen Realismus spüren und das Gefühl haben, einer ungeschönten Dokumentation über sündige Jugendliche beizuwohnen.

In Hinblick auf dieses Ziel steht sich Philip Koch selber im Wege durch die Kameratechnik die er benutzt, denn diese kollidiert mit dem Dokumentarfilm-Genre, sodass Picco weder als Spiel-, noch als Dokumentarfilm überzeugen kann. Die Kamera ist zu jedem Zeitpunkt gezielt eingesetzt, in einer starken Szene wandert sie lange in Unschärfe durch den Raum, findet aber ihr Ziel im Gesicht eines Insassen, ohne dass das Stativ verändert wurde. Die Kamera hat die Akteure zwar nicht immer im Blick, ist aber auch nicht impulsiv oder wie bei einer Dokumentation notgedrungen improvisierend eingesetzt. Der Effekt, den Koch mit dem Einsatz einer Handkamera hätte erzielen können, hätte den Film erheblich verbessert und zu einer Einheit verschmelzen können. So, wie der Film nun ist, ist es ein ewiger Kampf zwischen Fiktion und dem Anspruch auf Realität, der gleich im Vorspann erhoben wird.

In Einzelgesprächen mit einer Psychologin erfährt der Zuschauer mehr über die Psyche und die Gefühle der Insassen, doch auch diese interessanten Einschübe sind inkonsequent, denn es kommen lediglich zwei-drei Schlüsselfiguren in diesen Gesprächen zu Wort, andere hingegen gar nicht. In der zweiten Hälfte wird diese Idee vernachlässigt und die Gespräche nicht mehr gezeigt, was der Balance zwischen den Hauptfiguren sehr abträglich ist.

Weiterhin stört an Picco ein nicht vorhandener Personalstil. Ständig wird man durch gezielte Dialoge, an bestimmten Stellen eingesetzte Stille und durch die daraus resultierende Kargheit, durch das gesamte Finale an die Filme vom Österreicher Michael Haneke erinnert, vor Allem an dessen nicht minder verstörenden Funny Games. Mittlerweile ein Klassiker des deutschen Films. Trotz alledem ist Picco ein verstörendes und gut gespieltes Psychospiel, welches eben aufgrund des realistischen Anspruches schockiert und lange im Gedächtnis bleibt. Wenn es das war, was der Film erreichen wollte, so hat er trotz angesprochener Unbeholfenheit sein Ziel erreicht.

Picco
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4 Responses

  1. Dr. Borstel

    Mal leicht off-topic: Wird „Funny Games“ denn wirklich als so heftig empfunden? Ich fand den Film (bzw. in dem Fall die US-Version; das Original habe ich noch nicht gesehen, aber der Unterschied soll ja nicht so gravierend sein) eigentlich eher harmlos denn schockierend. Dagegen klingt mir deine Beschreibung von „Picco“ aber vergleichsweise ziemlich extrem (und umso interessanter).

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  2. Stephan Eicke

    Der Grad der Heftigkeit kommt ja immer auf den einzelnen Zuschauer an. Ich muss ehrlich sagen, so heftig fand ich FUNNY GAMES (das Original) nun auch nicht, was aber wohl eher daran liegt, dass ich wesentlich Schlimmeres erwartet hatte nach diversen Kommentaren von Freunden. Das Ende von Darabonts „Der Nebel“ fand ich sogar schlimmer weil nicht so vorhersehbar wie bei Hanekes Film, den ich aber auch bei weitem nicht als „harmlos“ beschreiben würde. „Picco“ fand ich zugegebenermaßen heftiger als „Funny Games“ weil ich nicht darauf vorbereitet war, dass einem derartiges serviert wird. Grundsätzlich aber beides schockierend, da beide Werke einen Realitätsanspruch haben, der einem auf den Magen schlagen kann.

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