(„The Quiet American“, Phillip Noyce, 2002)

Der stille Amerikaner, einer der beeindruckendsten Filme des Jahres 2003, beginnt mit dem Ende. Dem Tod. Vieles dreht sich hier um den Tod, doch Phillip Noyces Film nach Graham Greenes literarischer Vorlage ist weit mehr als nur eine weitere Studie über Opfer eines Krieges. Es ist eine komplizierte Liebesgeschichte, ein spannendes Abenteuer mit Realitätsanspruch, ein Spionagekrimi, ein fesselndes Drama über menschliche Beziehungen, eine deprimierende Philosophie über Ethik und Gewissen, über Lügen und Parteilichkeit. Mitten in dieser Geschichte steht Michael Caine als Thomas Fowler wie ein Fels in der Brandung in einer der besten Darstellungen seiner gesamten Schauspielerkarriere.

Fowler ist britischer Berichterstatter, welcher in Saigon über den dortigen Krieg (der Film spielt im Jahre 1952) für die Times berichtet. Obwohl er in London mit einer katholischen Frau verheiratet ist, lebt er in Vietnam mit Phuong (Do Thi Haiyen) zusammen, die sich nichts sehnlicher wünscht, als von Fowler geheiratet zu werden. Dieser lernt bald den jungen Amerikaner Alden Pyle (Brendan Fraser) kennen, der an einem medizinischen Hilfsprojekt mitarbeitet, sich schnell mit Fowler und dessen Geliebter anfreundet, ehe er sich in die schöne Phuong verliebt. Da er weiß, dass Fowler Phuong nicht heiraten kann, macht Pyle ihr stattdessen einen Antrag, den sie jedoch ablehnt. Wie zu erwarten, reagiert Fowler nicht positiv auf den Antrag, doch er hat kaum Gelegenheit, seinem neuen Freund zu grollen, denn dieser rettet ihm bald darauf vor Kommunisten das Leben. Es ist allerdings nur eine Frage der Zeit, wie lange diese Freundschaft noch halten kann, denn der „stille Amerikaner“ scheint mehr zu sein, als nur ein frommer Helfer, wie Fowler bei seinen Recherchen herausfindet.

Noyces Film besitzt eine solche Anzahl hervorragender Aspekte, dass es schwer ist, alle aufzuzählen – einen vergisst man sicher. Michael Caine spielt bravourös den alten Reporter, der sich stets weigert, Partei zu beziehen, bis sein Sekretär ihm sagt: „Früher oder später musst du Partei ergreifen, wenn du menschlich bleiben willst.“ Ab dem Zeitpunkt, wo er den jungen Pyle kennen lernt, kämpft er um die Liebe zu Phuong, wie er nie zuvor um irgendetwas gekämpft hat. Der unterkühlte Brite bricht aus und Caine – mit einer Oscar-Nominierung für seine Darstellung geehrt – macht das Leid des alternden Reporters auf drastische Weise spürbar. Eine angenehme Überraschung ist auch Brendan Fraser, den man ansonsten wohl nur aus albernen und wenig gelungenen Komödien oder Action-Blockbustern wie dem Mumie-Franchise kennt.

Dessen Undurchschaubarkeit rührt von seiner Zurückhaltung her, ein sehr geschickter Ansatz und man kann nur hoffen, dass Fraser in Zukunft noch öfter die Gelegenheit erhält, ernste Rollen zu verkörpern. Caine und Fraser präsentieren dem Zuschauer zwei durch und durch „runde“ Charaktere, deren Seiten man sich im Verlauf des Werks immer weiter erforschen sieht. Die Tiefe der Charaktere resultiert hier in mehrere Reflexionen über Moral und Gewissen, über die Vereinbarkeit von Neid und Freundschaft, wenn Pyle sich entschließt, seinem Freund Fowler das Leben zu retten, obwohl er dessen Freundin begehrt und dessen größtes Ziel es ist, sie zu heiraten.

Für Fowler hingegen scheint es die einzige Möglichkeit zu sein, seine Geliebte zu belügen, um sie weiterhin an sich binden zu können, aber damit rechnen zu müssen, dass seine Lüge bald auffliegt und er Phuong vielleicht für immer verliert. Es ist ein – um Mel Brooks zu zitieren – Mirakel (altdeutsch für „Überraschung“), dass die Kameraführung von Chris Doyle nicht einmal für einen Oscar nominiert wurde, geschweige denn eine Trophäe mit nach Hause nehmen konnte, denn sie ist ebenfalls eines der großen Pluspunkte, die dieser atemberaubende Film aufzuweisen hat, man denke nur an das verlassene Auto inmitten der Nacht auf einer verlassenen Straße neben einem Wachturm oder die schillernden Lichter, die Doyle in den Saigoner Straßenszenen bei Nacht eingesetzt hat. Es ist nicht nur den Schauspielern, sondern vor allem auch der Kameraführung zu verdanken, dass ich nicht selten ein Gefühl des Unbehagens breit macht, so etwa, wenn Pyle Phuong den Antrag macht, die Kamera in eine Nahaufnahme auf Caines Gesicht geht, schließlich zurück zu Fraser schwenkt, während sich das Zimmer in völliger Stille befindet und schließlich das Appartement in Gänze gezeigt wird, um die Reaktionen aller Beteiligten auszuleuchten.

Es gibt nur wenige Filme, über die man mit Fug und Recht behaupten kann, sie seien „elegant“. Der stille Amerikaner ist so ein Fall. Der Zuschauer sieht die Nachtaufnahmen von Saigon in leuchtenden Lichtquellen, man hört aus dem Off den geschliffenen und kultivierten Monolog Michael Caines und man sieht sich sofort in die Handlung hineinkatapultiert mit zwei großartigen Schauspielern, die selbst in Kriegssituationen auf offenem Feld den Eindruck entstehen lassen, man wohne einem fesselnden Kammerspiel bei. Man hätte aus diesem vielseitigen Stoff ein dreistündiges Epos drehen können und man kann es den Drehbuchautoren nur hoch anrechnen, dass sie sich auf 90 Minuten atemlose Spannung, dramatische Konflikte und politische Kriegsschilderungen beschränkt haben. Der stille Amerikaner langweilt zu keiner Sekunde und sei wärmstens empfohlen.

Der stille Amerikaner
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