(„The Killing“ directed by Stanley Kubrick, 1956)

Ijon Tichy

Durch die aus privaten Finanzmitteln gedrehten Spielfilme Fear And Desire sowie Der Tiger von New York konnte der junge Stanley Kubrick auch Hollywood auf sich aufmerksam machen. Bevor der Autodidakt schließlich mit Wege zum Ruhm seinen endgültigen Durchbruch verzeichnen konnte, drehte er mit Die Rechnung ging nicht auf noch einen Mix aus den Filmgenres „Film Noir“ und „ Heist-Movie“.

Vier unauffällige Kleinbürger mit Geldnöten verbünden sich mit dem frisch aus Alcatraz entlassenen Kriminellen Johnny Clay (Sterling Hayden). Das gemeinsame Ziel ist es, die Kasse des Hippodroms von Lansdowne Park während des wichtigsten Rennens der Saison zu überfallen. Zwei aus dem Bündnis, der Barkeeper Mike O’Reilly (Joe Sawyer) und der Kassierer George Peatty (Elisha Cook Jr.), arbeiten auf der Rennbahn. George Peatty lebt in einer unglücklichen Ehe mit seiner egoistischen Frau Sherry (Marie Windsor). Nachdem er ihr in lauten Tönen von dem kriminellen Vorhaben erzählt hat, plant Sherry zusammen mit ihrem Liebhaber Val Cannon (Vince Edwards) die Beute nach dem erfolgten Raub zu stehlen. Johnny heuert indes zusätzlich noch den Ringer Maurice Oboukhoff (Kola Kwarain) und den Scharfschützen Nikki Arcane (Timothy Carey) an, die während des Überfalls mit ihrem Können für Ablenkung sorgen sollen. Der Plan gelingt trotz kleinerer Zwischenfälle. Doch die Rechnung wurde ohne Sherry und Val gemacht.

Die Rechnung ging nicht auf basiert auf dem Pulp- oder Kriminalroman „Der Millionencoup“ („Clean Break“) von Lionel White. Bereits in der Vorlage ist das unkonventionelle Erzählgerüst des Films angelegt. Die Handlung wird in nicht-linearer Chronologie und das Geschehen aus mehreren Blickwinkeln erzählt. Oder wie Kubrick selbst sagte: „Das Aufbrechen der zeitlichen Kontinuität war schon im Buch vorhanden“. Statt der bis dato üblichen Schnittweise, macht der Film sporadische zeitliche Sprünge zurück und zeigt eine Figur beispielsweise bei ihren Vorbereitungen für den Raub. Der Zuschauer muss sich mit den Überlappungen arrangieren und aus dem mosaikhaften Filmverlauf selbst ein Gesamtbild kreieren. Einzige Stütze ist dabei ein Erzähler aus dem Off, der gewissenhaft über den jeweiligen Zeitpunkt aufklärt und die inneren Monologe der Protagonisten wiedergibt.

Die Filmästhetik orientiert sich zwar noch stark am Film Noir – Belege hierfür sind beispielsweise inszenierte Schattenspiele oder die hervorgehobene Verwendung gitterähnlicher Motive wie der Vogelkäfig der Peattys, der die Ausweglosigkeit symbolisiert, oder die auffällig vergitterten Wettschalter. Jedoch bedient sich Kubrick bereits einer eigenen Bildsprache, die er mit einer beweglichen Kamera zum Ausdruck bringt.

Abgesehen von den erzähltechnischen und visuellen Raffinessen brilliert der Film durch seinen Sarkasmus, Charme und auch nicht zuletzt durch seine Schauspieler. In erster Linie fällt Sterling Hayden (Dr. Seltsam. Oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben) herausragend auf, was umso erstaunlicher wird, wenn man seine abgeneigte Meinung zur Schauspielerei („ein Beruf, der eines Mannes nicht würdig ist“) und seine Biographie (Kommunist, Geld-, Alkohol- und Drogenprobleme, mehrere gescheiterte Ehen) berücksichtigt. Aber auch der routinierte Charakterdarsteller Elisha Cook Jr. (Die Spur des Falken) weis seine Rolle ohne viel Pathos zu mimen.

Das was heutzutage durch Filmemacher wie Quentin Tarantino (Pulp Fiction) oder Alejandro Gonzáles Iñarritu (21 Gramm) längst zum narrativem Standard gehört, hat Kubrick damals als Innovation eingeführt. Auch nachfolgende Heist Movies wie Den letzten beißen die Hunde (Michael Cimino) oder die Ocean-Trilogie (Steven Soderbergh) stehen letztlich in Kubricks Tradition. Die Rechnung ging nicht auf ist auch heute noch ein satirisches, unterhaltsames, verschachteltes 80 Minuten umfassendes Filmjuwel, das im Zusammenhang mit Kubrick oft vergessen wird.

Candide

Dass dieser Film von Star-Regisseur Stanley Kubrick nicht gerade neu ist merkt man natürlich sofort. Dass er aber schon mehr als 50 Jahre auf den Buckel hat finde ich persönlich nicht unbedingt erkennbar.

In kurzen 80 Minuten Laufzeit bekommt man eine spannende und gut inszenierte Gangsterstory geboten, wobei ich auch einen Hauch Noir zu verspüren vermochte. Die Story ist einfach aber dennoch packend gestrickt. Johnny Clay (Sterling Hayden) wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen und gedenkt mit einem handverlesenen Team einen Millionencoup zu landen. Er hat einen ausgetüftelten Plan erstellt um an das – en masse vorhandene Bargeld – eines Pferderennplatzes zu kommen. Während ein Schläger die Masse ablenkt, ein bestochener Arbeiter des Sportplatzes verschlossene Türen öffnet und in der Zwischenzeit ein Heckenschütze ein Pferd erschießt um noch mehr Chaos heraufzubeschwören, wartet ein korrupter Cop hinter der Sportanlage darauf, dass Johnny einen Sack voller Geld aus dem Fenster wirft. Der Überfall scheint tatsächlich reibungslos über die Bühne zu gehen, doch als Johnny nicht pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt erscheint, werden seine Komplizen nervös. Unnötigerweise kommen schließlich auch noch Neider hinzu, die Wind von der Sache bekommen haben…

Einer der ersten Filme von Kubrick, soweit mir bekannt, aber nicht desto trotz ein Streifen von hoher Qualität. Beachtlich, dass in so kurzer Zeit so viel Information rüber gebracht wird. Mehr braucht es aber auch nicht, denn es bleibt absolut keine Zeit für Langeweile übrig und man erfreut sich an der spannenden Story und einem, unter uns gesagt, vorhersehbaren Ende. Basierend auf dem Roman von Lionel White, liefert dieser Schwarz-Weiß-Film beste Unterhaltung von feinster Qualität. Wer Kubrick kennt, mag und schätzt, sollte sich auch diesen Klassiker nicht entgehen lassen.

Die Rechnung ging nicht auf
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