(„Il divo“ directed by Paolo Sorrentino, 2008)

Il DivoÄhnlich wie die deutsche Produktion „Der Baader Meinhof Komplex“ oder das erst neulich rezensionierte „Public Enemy No.1“ französischer Abstammung, versucht der Italiener Paolo Sorrentino mit seinem Film auch diesen historischen Zeitraum wieder aufzubereiten. Der Film dreht sich aber weniger um radikale Splittergruppen – auch wenn notwendigerweise die Brigate Rosse vorkommen – und auch nicht um einen Gangster wie ihn etwa Vincent Cassel im oben genannten Film verkörperte. Der Streifen ist eine Art Biographie über Giulio Andreotti, den einst wohl mächtigsten Politiker Italiens.

Gespielt wird diese Größe von einem phänomenalen Toni Servillo der mir schon in „Gomorra“ gut gefiel. Bestimmt keine leichte Aufgabe den siebenmaligen Premier, zigfachen Minister und den mittlerweile Senator auf Lebenszeit ernannten Andreotti zu mimen, mal ganz davon abgesehen dass seine Gestik und Trägheit eher einer wandelnden Leiche als einem lebendigen Menschen ähnelt.
Sorrentino macht erst gar nicht den Versuch das höchst umstrittene Leben des Chefs des DC, der Democrazia Cristiana (= Christdemokraten), realistisch darzustellen sondern sein Film wirkt sehr ironisch und oft überzogen. Man kann es wohl als Satire betrachten andererseits scheint es so als ob der Regisseur einfach nur stilistische Mittel ausprobieren wollte. Aber genau diese Art ist es die den Film in meinen Augen doch zu einem echten Hingucker macht. Mit viel Witz wird versucht den Divo näher zu beleuchten. Es wird dabei dem Zuschauer dessen Werdegang erspart, hie und da gibt es lediglich ein paar Hinweise auf die Verehrung von Alcide De Gasperi.

Wir verfolgen also einen Andreotti der seit der Nachkriegszeit in der Abgeordnetenkammer seinen Stammplatz hat und sich Anfang der 90er gerade im Rennen um das höchste politische Amt als Staatspräsident befindet, das er allerdings gegen Oscar Luigi Scalfaro verlieren wird. Das typische Wirrwarr und der Versuch bei der Abstimmung möglichst viele Stimmen durch Ämterschacherei und Versprechungen zu erhalten wurde dabei herrlich umgesetzt und es wurde dem Ganzen eine Note des Absurden aufgesetzt.
Das letzte Drittel des Streifens beschäftigt sich mit der Tangentopoli und dem vermeintlichen Untergang der „volpe“ (= Fuchs). Andreotti wird in diversen Punkten angeklagt unter anderem wird ihm angelastet mafiöse Verbindungen zu pflegen, Anführer der P2-Loge gewesen und für den Tod von Aldo Moro verantwortlich zu sein. Die Anklagen wurde nach und nach alle fallen gelassen da entweder kompromittierende Beweise oder einfach die Zeugen fehlten.

Der Film deutet auch auf das immense Privat-Archiv von Andreotti hin und der Titel selbst bezieht sich auf einen der vielen Spitznamen die der Mann im Laufe der Jahre bekam wie bspw. Belzebù (= Satan), Zio Giulio (= Onkel Giulio, angeblich nannten ihn so die Mafiaclans) , Molok (= Moloch, das mehrere Bedeutungen haben kann), la Sfinge (= die Sphinx) oder il Gobbo (= der Bucklige, abwertend, in Bezug auf seine Körperhaltung).
Ich hatte mich zwar vor Jahren mit dieser Persönlichkeit schon einmal intensiver befasst, hatte allerdings so einiges vergessen. Der Film erhebt sicherlich nicht den Anspruch Geschichtslücken zu decken sondern richtet sich eher an ein Publikum das bereits mit der Materie vertraut ist und bringt dieses bestimmt zum schmunzeln. Es ist extrem schwierig die italienische Politiklandschaft vollkommen zu durchblicken deshalb bezweifle ich dass „Il divo“ außerhalb Italiens trotz guter Kritik und dem Jury-Preis in Cannes wirklich ein Erfolg werden kann.

Die ca. 110 Minuten Laufzeit sind jedenfalls ein weiterer Beweis, dass das italienische Kino immer noch etwas auf den Kasten hat. Am besten fand ich übrigens die musikalische Untermalung von Theo Teardo. Der Soundtrack besteht aus eigens geschriebenen Liedern sowie sorgfältig ausgewählten Songs aber auch aus klassischer Musik wie beispielsweise ein Stück von Vivaldi. Ich kann mir bereits eine Art Sequel vorstellen das sich beispielsweise „Il Cavalliere“ nennen könnte, denn schließlich kristallisierte sich Sivlio Berlusconi’s Forza Italia aus den Trümmern der Tangetopoli heraus und ist in meinen Augen was Machtansammlung und Freisprüchen angeht mindestens einem Andreotti ebenbürtig.

Il Divo – Der Göttliche
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