
Wenn es darum geht, andere Menschen zu lesen, macht Psychologin Dr. Marlene Nielsen (Marleen Lohse) so leicht niemand etwas vor. Schließlich ist sie auf Mikroexpressionen spezialisiert und entdeckt selbst die kleinsten Details, die etwas über das Innenleben der Menschen verraten. Dieses Wissen macht sich die Polizei immer wieder zunutze, wenn es darum geht, Fälle aufzuklären. Dieses Mal befasst sie sich mit der Geschichte einer Frau (Sara Hjort Ditlevsen), die einen Angreifer in Notwehr getötet hat, sich aber weigert, darüber zu sprechen. Nielsen wird misstrauisch, vermutet, dass der Sachverhalt doch ein anderer sein könnte – was ihr aber niemand glauben will. Also macht sie sich allein auf die Suche nach der Wahrheit, was dem Polizisten Deniz Kurt (Serkan Kaya) wenig gefällt …
Die Wahrheit liegt im Gesicht
Zuletzt gehörte der Mittwochabend im Ersten eigentlich Dramen. So musste sich die Titelfigur Elodie mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, die von ihrer Familie beharrlich verschwiegen wurde. Jetzt richtet man sich mit Frau ohne Namen aber wieder an das millionenschwere Publikum, das einen Krimi nach dem anderen verschlingt. Auch hier geht es darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Wahrheit zu suchen. Traumata spielen ebenfalls eine Rolle. Aber das dient dann weniger dazu, dass eine psychisch angeknackste Protagonistin endlich ihr Leben auf die Reihe bekommt und ihre Angststörungen in den Griff bekommt. Stattdessen geht es mal wieder um Gewalt und Totschlag und diverse Fragen, die damit verbunden sind.
Das klingt austauschbar, ist es aber zumindest anfangs nicht. Üblicherweise geht es in den Genrebeiträgen darum herauszufinden, wer ein bestimmtes Verbrechen begangen hat. Bei Frau ohne Namen ist hingegen klar, dass die titelgebende Frau den Mann getötet hat. Da gibt es nichts zu klären. Stattdessen muss die Frage beantwortet werden, ob das überhaupt ein Verbrechen ist. Hat sie sich gewehrt oder war es eine gezielte Tötung? Auch das ist etwas, das man in solchen Filmen immer mal wieder findet. Die Festlegung des Motivs ist fast ebenso wichtig die die der Tatperson. Ungewöhnlich ist aber, dass dieser Zweifel durch keine Beweise gestützt wird, sondern durch eine Interpretation der Mimik. Lässt sich aus dieser wirklich ablesen, dass jemand einen Mord begangen hat, anstatt einen Angreifer abzuwehren? Zumindest wird das hier behauptet.
Zu wenig draus gemacht
Das Thema ist spannend und hebt die ARD-Produktion von anderen ab, die man quasi tagtäglich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sieht. Recht früh sieht das Publikum auch eine Demonstration dieser besonderen Gabe, wenn die Psychologin einen Studenten beim Lügen ertappt. Leider verliert Frau ohne Namen diesen Aspekt aber zunehmend aus den Augen. Zwar gibt es immer wieder Szenen, in denen die Protagonistin mit anderen spricht, was sich dann dafür angeboten hätte, diese Fertigkeit weiter zu nutzen. Stattdessen wird der Film aber sehr konventionell, wenn wir einer Protagonistin folgen, die auf eigene Faust ermittelt und dabei immer wieder Grenzen überschreitet. Was man eben so macht in Filmen, wenn man meint, alles besser zu wissen.
Das muss einen nicht zwangsläufig stören. Der Thriller, der auf dem Filmfest Hamburg 2026 Premiere feierte, erfüllt schon seinen Zweck und sicher die Erwartungen des Publikums. Da gibt es nicht nur dunkle Geheimnisse, die aufgedeckt werden müssen. Es kommt auch zu gefährlichen Situationen und zudem jeder Menge Drama, wenn einige Wunden nie verheilt sind. Nur hat das dann alles nichts mehr mit den Besonderheiten der Protagonistin zu tun und ist auch nicht wahnsinnig originell geworden. Insgesamt kann man sich Frau ohne Namen schon anschauen. Potenzial hat der Film, gerade auch im Hinblick auf eine mögliche Reihe. In der Form muss man ihn aber nicht unbedingt gesehen haben.
OT: „Frau ohne Namen“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Lynn Oona Baur
Drehbuch: Anne-M. Keßel
Musik: Meredi
Kamera: Fee Strothmann
Besetzung: Marleen Lohse, Sara Hjort Ditlevsen, Serkan Kaya, Stephan Kampwirth, Antonia Breidenbach, Vibeke Hastrup, Pablo Striebeck, Meral Perin
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