(„Der letzte Mann“ directed by F.W. Murnau, 1924)

F.W. Murnau schuf mit Der letzte Mann einen Höhepunkt des Stummfilms, der dem Regisseur zu internationaler Berühmtheit verhalf und es im Hinblick auf seine ungewöhnliche Thematik und revolutionäre Umsetzung verdient, als „zeitlos“ anerkannt zu werden. Der stolze Portier (Emil Jannings) des renommierten Hotels „Atlantic“ wird wegen seiner zunehmenden Altersschwäche von seinem Vorgesetzen zum Toilettenmann, dem „letzten Mann“ in der Hotelhierarchie, degradiert. Um sein Ansehen zu wahren, stiehlt der ehemalige Portier seine alte Uniform…

In filmtechnischer Hinsicht erwies sich Der letzte Mann als wegweisend für die Filmgeschichte: Karl Freund „entfesselte“ seine Kamera und ermöglichte damit Kamerafahrten, die den Protagonisten durch die expressionistische Großstadtkulisse begleiten; ferner schufen Murnau und Freund Spezialeffekte, man denke beispielsweise an die Traumsequenz, die angesichts des Alters des Films überraschend authentisch wirken.

Ungeachtet dieser Neuerungen, die primär von filmhistorischer Bedeutung sind, überzeugt Der letzte Mann vor allem durch seine gesellschaftskritische Thematik- inspiriert von Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“, stellt Murnau die Bedeutung von Äußerlichkeiten für gesellschaftliches Anerkennung dar – der Hotelportier definiert seine Position in der Gesellschaft in erster Linie über seine Uniform und der für ihn damit verbundenen Privilegiertheit gegenüber seinem sozialen Umfeld, d.h. den Nachbarn und der eigenen Familie.

Die Geschichte und deren Dramaturgie muten zwar simpel an, doch ist anzumerken, dass Murnau den Film (fast) ohne Zwischentitel gestaltete, wodurch der Inhalt weitaus suggestiver ist und somit einen großen Interpretationsspielraum bietet. Das (vermeintlich) versöhnliche Ende, dessen Unwahrscheinlichkeit Drehbuchautor Carl Mayer im einzigen Zwischentitel des Films kommentiert, verdeutlicht, inwiefern der Protagonist selbst Teil dieser Gesellschaft ist, die ihn seines Prestiges und seiner Selbstachtung beraubt hat, indem er sich, nachdem ihm überraschenderweise ein großes Vermögen vererbt wurde, der Verschwendungssucht hingibt; insofern ist das Ende nicht als „konventionell“, sondern als überaus zynisch zu verstehen.

Murnau empfindet in seinem Film also weniger ein tragisches Einzelschicksal nach, vielmehr beschreibt er gesellschaftliche Wechselwirkungen und die Determiniertheit des Einzelnen, als Glied innerhalb der bestehenden Gesellschaftordnung zu funktionieren. So gesehen ist Der letzte Mann ein überaus moderner Klassiker der Stummfilm-Ära, den es auf Grund seiner inhaltlichen, sowie inszenatorischen Vorzüge neu zu entdecken gilt.

Der letzte Mann
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