
Wanda Goronski (Barbara Loden) ist spät dran. Den Gerichtstermin, bei dem sie der Scheidung von ihrem Ehemann (Jerome Thier) teilnahmslos zustimmt und ihm und seiner neuen Lebensgefährtin Miss Godek (Marian Thier) anstandslos das Sorgerecht für ihre zwei Kinder überlässt, verpasst Wanda beinahe, weil sie verschlafen hat. Und erst jetzt, im Anschluss an die Verhandlung, nimmt sie ihr Leben in die eigene Hand. Doch der Frau, die geschätzt Ende 30 Jahre alt ist, fehlt jegliche Orientierung. Ziellos streift sie durch die Bergarbeiterregion Ost-Pennsylvanias, steigt mit einem Handlungsreisenden in die Kiste und wird während eines Kinobesuchs bestohlen. Ohne einen Cent in der Tasche begegnet sie in einer Kneipe Mister Dennis (Michael Higgins), der gerade dabei ist, die Spelunke auszurauben. Auch mit ihm geht sie ins Bett und danach auf einen Roadtrip, der fatal endet.
Eine Frau sucht ihren Weg
Dieser Film sollte in keiner gut sortierten Sammlung fehlen. Denn bei Wanda handelt es sich wahrlich um einen „Meilenstein des feministischen Kinos“, wie die Criterion Collection das Drama bewirbt. Einziges Problem: Wer sich Barbara Lodens in mehrfacher Hinsicht einzigartiges Werk bislang ins Regal stellen mochte, der musste den Weg über das Ausland gehen und beispielsweise auf die Ausgaben besagten Cineasten-Labels aus den USA zurückgreifen. Wer indessen des Englischen nicht mächtig ist, der schaute in die Röhre. Was einmal mehr beweist, wie schlecht es hierzulande um die Cinephilie bestellt ist.
Jetzt können Filmfans jedoch aufatmen. Die Independent-Produktion aus dem Jahr 1970 kommt als Wiederaufführung in die Kinos und knapp einen Monat später erscheint sie erstmals in Deutschland auf DVD, inklusive deutscher Untertitel. Wanda hatte allerdings nicht nur in Deutschland einen schweren Stand. Auch im Herkunftsland des Dramas brauchte es lange, bis ihm und seiner Schöpferin die gebührende Anerkennung entgegengebracht wurden. Und das, obwohl Wanda früh einen großen Erfolg für sich verbuchen konnte.
Auf der Langstrecke zum späten Erfolg
Mit einem schmalen Budget von geschätzten 115.000 US-Dollar und einer kleinen, aus vier bis sieben Personen bestehenden Crew umgesetzt, hatte Barbara Loden bei ihrem Langfilmdebüt gleich mehrere Hüte auf. Die 1932 geborene Amerikanerin arbeitete als Model und Tänzerin, bevor sie als Schauspielerin auf der Mattscheibe, der großen Leinwand und der Theaterbühne reüssierte. Während der Dreharbeiten zum Film Wilder Strom (Originaltitel: Wild River; 1960) lernte sie ihren späteren zweiten Ehemann Elia Kazan (1909–2003) kennen, dem sie 1966 das Jawort gab und mit dem sie bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1980 verheiratet war. Für Wanda trat Loden nicht nur als Hauptdarstellerin vor die Kamera, sie schrieb auch das Drehbuch, führte Regie und produzierte den Film (gemeinsam mit Harry Shuster). Was sie höchstwahrscheinlich zur ersten Frau der US-Filmgeschichte macht, die bei einem abendfüllenden Tonfilm alle vier Gewerke in Personalunion ausübte. Einzigartig ist Wanda zudem deshalb geblieben, weil Loden danach keinen weiteren abendfüllenden Spielfilm mehr als Regisseurin realisierte.
Obwohl dieses Debüt bei den 31. Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Pasinetti-Preis für den besten ausländischen Film erhielt, war ihm in seinem Herkunftsland kein Erfolg an den Kinokassen vergönnt und er geriet schnell in Vergessenheit. Satte 36 Jahre nach seinem Entstehen erschien Wanda in den USA erstmals auf DVD, ins National Film Registry wurde der Film schließlich 2017 und in die eingangs erwähnte Criterion Collection gar erst im März 2019 aufgenommen. Dass der Film so lange unter dem Radar geflogen ist, könnte neben dem erschwerten Zugang zum Film selbst an dessen Inhalt und Form liegen, die nur schwer verdaulich sind. Die seinerzeit wohl einflussreichste US-Filmkritikerin Pauline Kael (1919–2001) senkte in ihrer Rezension im New Yorker den Daumen. Der grobkörnige, auf ungefilterten Realismus setzende 16mm-Look des Films war Kael zu hässlich, die Protagonistin zu passiv, promiskuitiv und dumm.
Die ungeschminkte Wirklichkeit
Die Orientierungs- und Teilnahmslosigkeit der von Loden gespielten Titelfigur mag auch heute, fast 60 Jahre nach der Uraufführung des Films, die größte Herausforderung an die Sehgewohnheiten des Publikums sein. Eine Protagonistin, die weiß, was sie will und dementsprechend das Heft des Handelns in die Hand nimmt, sollte man in diesem „Meilenstein des feministischen Kinos“ nicht erwarten. Hier ist keine selbstbewusste Frau am Werk, die der Männerwelt zeigt, was eine Harke ist. Dafür fehlt Wanda nicht nur der Mut, sondern auch die Intelligenz. Doch genau davon, von einem passiven Menschen, der nicht wüsste, warum er existiere, wollte Loden erzählen. Weshalb? Weil es ihr viele Jahre ihres Lebens selbst so ergangen sei, hat die Regisseurin in einem Interview mit dem American Film Institute im April 1971 zu Protokoll gegeben.
Auch narrativ fordert Wanda heraus. Irgendwo in den Schnittmengen zwischen einem Beziehungsdrama, einem Roadmovie und einem Kriminalfilm oszillierend, hält sich das von Loden verfasste Drehbuch dennoch nur in groben Zügen an die Erzählstrukturen eines typischen Genrefilms. Dazwischen herrscht, wie im wahren Leben, sehr viel Leerlauf. Aus dem Leben gegriffen sind zudem sämtliche Nebenfiguren, allesamt Laien, die dem Film, zusätzlich zum ohnehin schon ungeschminkten Look, einen realistischen Anstrich verleihen. So viele „echte“ Gesichter mit all ihren Schrammen, Narben, Makeln und Macken sind im Kino nach wie vor eine Seltenheit. Was Wanda Vergleiche mit den Filmen John Cassavetes‘ (1929–1989) und Bewunderung von Kollegen wie Marguerite Duras (1914–1996) und John Waters eingebracht hat.
Schnittstelle zwischen den Epochen
Aus filmhistorischer Warte wiederum ist es erstaunlich, dass Wanda nicht schon in der Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Immerhin bildet der Film als Narrativ über ein kriminelles Pärchen, das die Straßen unsicher macht, doch eine bemerkenswerte Schnittstelle zwischen dem alten und dem neuen Hollywood, zwischen Filmen wie Gun Crazy (1950) und Bonnie and Clyde (1967). Wanda ist deren Fortschreibung mit den Mitteln des Independent Films und gleichzeitig deren beinahe aseptische Antithese. Doch in vielen Standardwerken, sei es über das New Hollywood, das Thrillergenre oder das Roadmovie, wird Wanda nicht einmal erwähnt. Zum Glück ändert sich das gerade. Denn Barbara Lodens nüchterne Auseinandersetzung mit patriarchalen Lebenswirklichkeiten und ihre alles andere als romantisch verklärte Betrachtung eines Daseins als Verbrecher sind einen zweiten Blick wert.
OT: „Wanda“
Land: USA
Jahr: 1970
Regie: Barbara Loden
Drehbuch: Barbara Loden
Musik: Dave Mullaney
Kamera: Nicholas Proferes
Besetzung: Barbara Loden, Michael Higgins
Venedig 1970
Cannes 1971
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