(„Bonnie and Clyde“, directed by Arthur Penn, 1967)

“This here’s Miss Bonnie Parker. I’m Clyde Barrow. We rob banks.“

Bonnie und Clyde ist in die Filmgeschichte eingegangen als der bis dahin radikalste (amerikanische) Streifen, als ein Wagnis, der die Grenzen überschritt und die Kritiker in Aufruhe versetzte. Hollywood hatte zu jener Zeit einen bestimmten Code, der es unter anderem auch nicht erlaubte, das Töten im Detail zu zeigen oder das ein Kuss länger als ein paar Sekunden dauern durfte – eine Regel, die Alfred Hitchcock bereits 1946 mit „Notorious“ brach und nun, über 20 Jahre später sollte es Arthur Penn sein, der sich gegen das System auflehnte und unmittelbar nach dem Abfeuern von Pistolen ihre Auswirkungen zeigte: den qualvollen Tod von Menschen.

Vielleicht leidet dieser Film ein wenig darunter, dass man über ihn nur als Werk schreibt, dass alle Grenzen überschritt und den amerikanischen Film revolutionierte, denn neben seiner Innovation werden viele Eigenschaften nicht genannt, die Bonnie und Clyde erst zu dem Meisterwerk machen, was es letztendlich ist. Arthur Penn versteht es neben seiner technischen Brillanz auch exzellent, eine Geschichte zu erzählen, in dem er die Sage des Räuberpaares ausbaut zu einer Charakterstudie, die von ihren durchweg grandiosen Schauspielern lebt (Estelle Parsons gewann für ihre Darstellung der Frau Gene Hackmans einen Oscar als beste Nebendarstellerin). Dabei war Penn nicht die erste Wahl für den Posten des Regisseurs, denn anscheinend wollte man bei Warner Brothers dem Projekt einen Touch der Nouvelle Vague verleihen, indem man zunächst bei Francois Truffaut (Jules et Jim) für den Regieposten anfragte und später, da Truffaut trotz Interesse aufgrund des verlockenderen Projekts Fahrenheit 451 absagte, bei Jean-Luc Godard, der jedoch ebenfalls aus nicht bekannten Gründen nicht unter Vertrag genommen wurde. So geschah es, dass die Wahl auf Arthur Penn fiel, der die amerikanische Filmgeschichte mit dieser Gangsterballade verändern und nachhaltig beeinflussen sollte.

Ihm zur Seite standen Faye Dunaway und Warren Beatty als Bonnie und Clyde, die sich eines schönen Tages im mittleren Westen der Vereinigten Staaten kennen lernen. Beide sind jung und attraktiv, beide haben keine schöne Vergangenheit, aber dafür umso mehr Träume. Anfangs fühlen sie sich nicht besonders zueinander hingezogen, doch Bonnie merkt bald, dass da mehr zwischen ihnen ist als nur eine sich anbahnende Freundschaft, wenn Clyde seinen Revolver aus dem Gürtel zieht und das sinnliche Abtasten dieses Werkzeugs zu einem erotischen Akt wird, denn die gesamte Männlichkeit dieses Mannes steckt für Bonnie in diesem Revolver, es ist für sie ein Symbol des männlichen Geschlechts – eines, das funktioniert, denn Clyde ist impotent.

Dieser Fakt wird zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt, zum eigentlichen Drama dieser zwei Anti-Helden, die zwischen all den Schüssen, mit denen sie sich verteidigen müssen, darüber Entscheidungen zu fällen haben, ob diese Beziehung überhaupt eine Chance hat. Zunächst beginnen sie mit kleineren Überfällen – auf einen Lebensmittelladen beispielsweise. Doch bald haben sie genug von der Ungerechtigkeit dieses Landes, das es erlaubt, mächtigen Banken die Häuser hilfloser Familien wegzunehmen und sie auf die Straße zu setzen. Bonnie und Clyde werden zu Robin Hoods des 20. Jahrhunderts. Obwohl sie im wahren Leben mehr Helfer hatten, finden sie ihre Komplizen hier in Form von Clydes Bruder Buck (Gene Hackman), dessen Frau Blanche (Estelle Parsons), die mit diesen Leuten eigentlich gar nichts zu tun haben möchte und aus gutem Hause stammt sowie in Form von C.W. Moss (Michael J. Pollard), dem allerdings die nötige Intelligenz zu fehlen scheint, um bei Raubfeldzügen mitmachen zu können. Mit Blut markiert die Barrow-Gruppe, wie sie sich nennen, ihren Weg durch den Westen der Vereinigten Staaten und nichts scheint sie aufhalten zu können…

Filme, die auf wahren Ereignissen beruhen, haben es immer schwer, den Zuschauer zu fesseln, wenn das Schicksal der geschilderten Personen allgemein bekannt ist. Bonnie und Clyde meistert diese Hürde, indem Arthur Penn nicht etwa nüchtern ihre Odyssee nachzeichnet, sondern den Charakteren Tiefe gibt, der Story Humor und Dramatik in brillanter Kameraarbeit und mit diesen Zutaten ein Dokument seiner Zeit ablegte, denn dieser Streifen passt in die späten 60er Jahre genauso gut wie in die 30er. Es war eine Zeit, in der die Menschen Robin Hoods brauchten, denn es hatte sich Wut angestaut – hauptsächlich durch den Einsatz im Vietnam-Krieg, der viele Bürger fassungslos zurückließ. Bonnie und Clyde sind nicht nur die kalten, abgebrühten Räuber, sondern sie sind heimatlose Flüchtlinge, die sich mit ihren eigenen Problemen konfrontiert sehen und Mitleid mit dem arbeitenden Bürger zeigen, wenn Clyde auf einem Raubzug in einer Bank einen Farmer auffordert, das Geld herzugeben. Als dieser erwidert, es sei sein eigenes, darf er es behalten.

Bonnie und Clyde wurden zu heimlichen Volkshelden in eben dieser Zeit, auch wenn das vielleicht niemand zugegeben hätte. Was aber steckt hinter diesen Figuren, was für Charaktere braucht man, damit all das möglich wird? Arthur Penn versucht auch das zu ergründen und die Drehbuchautoren David Newman und Robert Benton tun dies in simpelsten Dialogen und Handlungen, die gleichzeitig so nichtssagend sind und doch so vieles erklären. Ohne Widerrede und allzu bereitwillig verändert Bonnie ihre Frisur, nachdem Clyde ihr sagt, sie gefalle ihm nicht. Bonnie sucht in ihm den Helden, der sie aus ihrer tristen Realität befreien kann und sie findet ihn in ihm auch. Trotzdem wird sie nicht glücklich. Am Erdrückendsten wird dies in einer Schlüsselszene deutlich, in der sich Bonnie mit ihrer Mutter trifft, diese sie aber zurückstößt und verurteilt. Bonnie ist am Boden zerstört und all das ist gefilmt in solch strahlendem Licht, dass all diese Nostalgie etwas Traumhaftes, nicht Greifbares hat und in der die Konturen der Figuren mit den Hintergründen zu verschmelzen scheinen.

Heimatlosigkeit, Impotenz des erhofften Retters, die Zurückweisung der Mutter. Während all diese tragischen Aspekte des Lebens in zurückhaltendem, fast nüchternem und gerade deshalb so ernsthaftem Ton angesprochen werden, wird ihr Raubzug, der in einem schockierenden Chaos aus Blut und Verzweiflung endet, fast in satirischen Ton mit karikierender Banjo-Musik begleitet. Es ist nur ein Spiel für Bonnie und Clyde, wenn sie auf einem in Abendrot getauchtem Kornfeld der Polizei entfliehen, denn bevor Beruf und Privatleben gänzlich verschmelzen, gibt ihnen der Raubzug durch die Banken des Landes Gelegenheit, ihrem privaten Drama zu entkommen. Das Lachen im Fluchtwagen, wenn sie über die Felder fliehen wird zur zweifelhaften, zeitweiligen Erlösung und der Zuschauer kann gar nicht fassen, was er da sieht.

Bonnie und Clyde
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