
Im Sommer 2004 reist die 18-jährige Marina (Llúcia Garcia) aus Barcelona nach Vigo, um von der Familie ihres verstorbenen Vaters eine Unterschrift für ein Stipendium zu erhalten. Gleichzeitig will sie, die als Vollwaise aufgewachsen ist, etwas über die Geschichte ihrer Eltern erfahren, die beide als Folge ihres übermäßigen Heroinkonsums in den 1980er Jahren an AIDS gestorben sind. Ausgestattet mit einer Kamera und dem Tagebuch ihrer Mutter begegnet sie Onkeln, Tanten und Cousins, die ihr jedoch nur bruchstückhafte und widersprüchliche Erinnerungen an ihren Vater liefern. Doch nach und nach kommt innerhalb der Familie immer mehr Verdrängtes an die Oberfläche und gleichzeitig beginnt Marina, Leerstellen in der Biographie ihrer Eltern zu füllen, indem sie sich eigene Erinnerungen imaginiert.
Autobiographische Fiktion
Auch für ihren dritten Spielfilm greift die katalanische Regisseurin Carla Simón auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Nach ihrem Debüt Fridas Sommer (2017), der von einem sechsjährigen Mädchen handelt, das nach dem Tod ihrer Mutter seinen Platz in der Familie ihres Onkels in einer ländlichen Umgebung finden muss, und dem 2022 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Alcarràs – Die letzte Ernte, bei dem sie den Blick auf ihre ganze Großfamilie im Umbruch weitete ist es nun die Geschichte ihrer leiblichen Eltern, die das Grundgerüst des Films Romería – Das Tagebuch meiner Mutter liefert. Der Film basiert auf Briefen, die ihre Mutter aus dem galicischen Vigo, wo sie mit Simóns drogenabhängigen Vater lebte, in die katalanische Heimat schrieb, die Simón zu einem fiktiven Tagebuch montierte.
Familie und Erinnerung
Zentrales Thema ist das Spannungsfeld zwischen familiärer Zugehörigkeit und dem Drang, eine beschämende Vergangenheit zu verschweigen. Die väterliche Familie reagiert Marina gegenüber freundlich, aber ambivalent: Ein Onkel spricht offen über die Heroinsucht des Vaters, während die Großeltern sie emotional abweisen und versuchen, Konflikte mit Geld zu befrieden. Dabei beobachtet Simón präzise familiäre Mikrodynamiken: Gesprächsfetzen, subtile Blicke, Andeutungen und kleine Gesten, in denen sich Schuld, Verleugnung und Fürsorge überlagern, formen ein Gesamtbild irgendwo zwischen Trost und Realitätsverweigerung.
Formal geht Simón dabei andere Wege als bisher. Durch Digitalkamera-Aufnahmen, die vermeintlich von Marina selbst stammen, Voice-Over-Aussagen aus dem Tagebuch der Mutter und durch Rückblenden in Super-8-Ästhetik verweben sich Gegenwart und imaginierte Vergangenheit ineinander. Doch eine eindeutige Wahrheit verweigert Romería, was übersetzt so viel wie “Pilgerfahrt” bedeutet. Der Einsatz von Elementen des Magischen Realismus markiert dabei eine bewusste Weiterentwicklung gegenüber den stärker naturalistischen früheren Werken.
Große Entdeckung
Dass dieses Konzept trägt, ist nicht zuletzt der Hauptdarstellerin Llúcia Garcia zu verdanken, die in ihrem Filmdebüt, in einer Doppelrolle sowohl als Marina als auch die junge Version ihrer Mutter brilliert. Ihre zurückgenommene, beobachtende Präsenz in der Gegenwart kontrastiert wirkungsvoll mit der körperlich-sinnlichen Darstellung in den Rückblenden. Auch der Rest des Ensembles überzeugt, indem es die Figuren nicht auf einfache Funktionen reduziert, sondern ihnen Widersprüchlichkeit und Tiefe verleiht. Hier sind Tristán Ulloa als Onkel Lois, Marina Troncoso und José Ángel Egido als Großeltern sowie Mitch als Cousin und in den Rückblenden als Vater hervorzuheben.
So erweist sich Romería – Das Tagebuch meiner Mutter als ein sehr persönlicher Film, der zugleich universelle Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und dem Umgang mit familiären Geheimnissen verhandelt. Darüber hinaus gelingt es Simón, das Lebensgefühl einer spanischen Generation in der Nach-Franco-Ära einzufangen, ohne es im Rückblick moralisch zu verurteilen. So entsteht ein Film, der persönliche Geschichte und kollektive Erfahrungen ineinander spiegelt und der weniger an der Rekonstruktion einer eindeutigen Wahrheit interessiert ist als an der Uneindeutigkeit von Erinnerung.
OT: „Romería“
Land: Spanien, Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Carla Simón
Buch: Carla Simón, Neus Pipó Simon
Musik: Ernest Pipó
Kamera: Hélène Louvart
Besetzung: Llúcia Garcia, Mitch, Tristán Ulloa, Miryam Gallego, Sara Casanovas, Alberto Garcia, Marina Troncoso, José Ángel Egido, Janet Novás, Celine Tyll, León Ramagosa, Hans Ramagosa, Toño Casais, Lía Mora, Helena González, Gala Rodríguez, Laura Núñez
Cannes 2025
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