
Isabelle de Merteuil (Anamaria Vartolomei) ist im Liebesglück, als sie den Vicomte de Valmont (Vincent Lacoste) kennenlernt. Sie verfällt seinem Charme, beide werden auch intim, die junge Frau glaubt fest an die gemeinsame Zukunft. Dabei ahnt sie nicht, dass er nur das schnelle Vergnügen suchte, um mit der Eroberung prahlen zu können. Entsprechend entehrt, soll sie im Anschluss in ein Kloster gesteckt werden. Doch Merteuil will sich nicht einfach so mit diesem Schicksal abfinden. Also bittet sie Madame de Rosemonde (Diane Kruger) um Hilfe, die Tante des schamlosen Frauenhelden. Diese ist auch bereit, die Geschmähte unter ihre Fittiche zu nehmen und nimmt sie mit in die Welt der Reichen und Mächtigen, in dessen Mittelpunkt der Comte de Gercourt (Lucas Bravo) steht. Doch dies geschieht nicht aus Selbstlosigkeit …
Adaption des Skandal-Klassikers
Sehr umfangreich ist das literarische Werk von Pierre Choderlos de Laclos ja nicht. Genauer hat der Franzose nur einen Roman verfasst. Dieser hatte es dafür in sich: Gefährliche Liebschaften, 1782 als Briefroman veröffentlicht, wurde mit den Beschreibungen eines ausschweifenden Liebeslebens in der Oberschicht zu einem Skandal. Aber auch zu einem enormen Erfolg. Immer mal wieder wurde das Buch daher für das Kino oder den Heimgebrauch adaptiert. Die bekannteste Fassung ist sicherlich der starbesetzte Film Gefährliche Liebschaften von 1988. Aber da waren unter anderem auch Valmont (1989), Eiskalte Engel (1999) und die Netflix-Produktion Gefährliche Liebschaften von 2022, die mal werkgetreu, mal sehr frei Bezug auf den Klassiker nahmen. Und weil die Geschichte offensichtlich nie aus der Mode kommt, folgt nun auf HBO Max mit The Seduction noch eine Serienfassung.
Natürlich kann man sich da immer fragen: Braucht es das wirklich? Wozu soll noch eine weitere Adaption dienen? Dabei ist die Serie keine direkte Umsetzung der Vorlage. Vielmehr handelt es sich um eine Mischung aus Prequel und loser Adaption. Das Ergebnis ist auch deutlich länger als die obigen Fassungen, welche das Buch im Rahmen einer üblichen Filmlänge nacherzählten. The Seduction hat da mit einem Umfang, der zwei bis dreimal so groß ist, ganz andere Möglichkeiten. Die Serie befasst sich dabei stark mit Geschlechterbildern, beschreibt eine patriarchale Welt, in der die Männer das Sagen haben und sich auch dazu berufen fühlen, über Frauen zu bestimmen, wie es ihnen passt. Auch wenn das Szenario natürlich ein historisches ist, ist es doch nicht schwer, die Einflüsse der MeToo-Bewegung zu erkennen.
Abgründig, aber ohne viel Tiefgang
Dabei zeichnet die Serie aber nicht das einseitige Bild des weiblichen Opfers. Zunächst ist die Protagonistin zwar eins, wenn sie von Valmont ausgenutzt und weggeworfen wird. Doch als sie in den Rachemodus wechselt, zeigt sie sich von einer ähnlich skrupellosen Seite. Anders als aber bei Rachethrillern, wo die Hauptfigur nur die „Bösen“ ins Visier nimmt, kommen in The Seduction zunehmend auch Leute unter die Räder, die das eigentlich nicht verdient haben. Collateral Damage sozusagen. Dabei wird aber etwas offengelassen, ob die durchgängig unmoralischen vier Hauptfiguren grundsätzlich schlecht sind oder sie durch das System und die Umstände so wurden. Würden Frauen sich etwa besser verhalten, wenn sie an der Macht wären und dieselben Möglichkeiten haben? Oder sind sie nur deshalb tendenziell weniger verkommen, weil ihnen dieser Weg versperrt bleibt?
Eine eindeutige Antwort wird bei der französischen Produktion nicht gegeben. Allgemein hält man sich ein wenig zurück, wenn es darum geht, auch mal Position zu beziehen und etwas direkt zu sagen. Man gefällt sich hier dann doch eher mit einer Art Stimmungsbild und der Lust am Abgrund. Das funktioniert streckenweise richtig gut, auch weil das Ensemble selbst viel Spaß daran hat, mit dem Publikum hinabzusteigen. Dann und wann kommt es in The Seduction aber doch zu Längen, wenn die Intrigen ein reiner Selbstzweck sind, anstatt ein Ziel zu verfolgen. Da hätte es eine Folge weniger vielleicht auch getan. Insgesamt ist diese verkommene Zeitreise aber durchaus sehenswert und der Beweis dafür, wie zeitlos ein Skandal doch sein kann.
OT: „Merteuil“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Jessica Palud
Drehbuch: Jean-Baptiste Delafon, Gaëlle Bellan, Jessica Palud
Vorlage: Pierre Choderlos de Laclos
Musik: Delphine Malausséna
Kamera: Sébastien Buchmann
Besetzung: Anamaria Vartolomei, Diane Kruger, Vincent Lacoste, Lucas Bravo, Noée Abita, Julien de Saint Jean, Fantine Harduin, Samuel Kircher
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