
Casey (Anna Cobb) lebt mit ihren Eltern in einem kleinen amerikanischen Vorort. Sie hat nicht viele Freunde an der Schule, doch online dafür umso mehr. Seit geraumer Zeit hat sie einen eigenen Videokanal, auf dem sie regelmäßig neue Videos veröffentlicht. Um noch mehr Klicks und Follower zu erlangen, entschließt sie sich an der „World’s Fair Challenge“ teilzunehmen. Im Netz kursieren bereits unzählige Videos und Artikel über die umstrittene Challenge, die viele für einen Schwindel halten, bei anderen jedoch zu tiefgreifenden, erschreckenden Zuständen geführt hat. Als Casey teilnimmt, will sie die Veränderungen dokumentieren und regelmäßig Videos posten. Eines Tages macht sie online Bekanntschaft mit einem User namens JLB (Michael J. Rogers), der angibt, sich um sie zu sorgen und das Casey aufpassen soll, worauf sie sich eingelassen hat. Er weist sie darauf hin, dass ihre letzten Videos bereits sehr komisch und teils schockierend waren, was Casey zunächst nicht wahrhaben will.
Geteilte Einsamkeit
Neben Filmen wie Kyle Edward Balls Skinamarink hat kaum ein anderer Horrorfilm die Zuschauer so gespalten wie Jane Schonebruns We’re All Going to the World’s Fair. Auch wenn die Bezüge zu anderen Werken des Genres mehr als deutlich sind, sieht Schoenbrun ihren Film, der den Auftakt ihrer ‚Screen Trilogy‘ bildet, als Geschichte über Transformation, über die veränderte Beziehung zu Technologie und sozialen Medien sowie über die neue Einsamkeit, die mit der zunehmenden Digitalisierung einhergeht. Aufgrund dieser Themen wirkt We’re All Going to the Worlds Fair auch auf viele Zuschauer eher wie ein Teenagerdrama mit ein paar unheimlichen Elementen. Wenn man den Film einmal unabhängig von Genredefinitionen und -konventionen betrachtet, ist Schoenbruns Werk eine faszinierend-traurige Geschichte über modernes Erwachsenwerden, die zunehmend vor einem Bildschirm stattfindet.
Im Statement zu We’re all Going to the World’s Fair heißt es weiter, dass der Zuschauer mit der Protagonistin ihre Einsamkeit teilen soll. Diese Aussage Schoenbruns deutet an, dass es weniger um Schockeffekte oder Jump Scares geht und vielmehr um eine Atmosphäre, die dem emotionalen Zustand der jugendlichen Heldin nahe kommt. Immer wieder fällt der Begriff der Erfahrung, wenn es um den Film geht, wobei Schoenbrun vielmehr ein Panorama anbietet, das die Welt von Jugendlichen darstellen soll. Die Außenwelt – eine US-amerikanische Vorstadt in der Weihnachtszeit – wird als post-industrielle Einöde dargestellt, was Vergleiche mit David Robert Mitchells It Follows zulässt.
Aufnahmen eines Brachlandes wechseln sich ab mit Bildern eines riesigen Supermarktes, einer Fast-Food-Kette und schließlich einer ehemaligen Toys „R“ Us-Filiale, die sicherlich schon seit vielen Jahren leersteht. Der Highway, der dieser Bilderfolge abrundet, verweist auf eine Möglichkeit des Ausbruchs oder die Verbindung zu einer größeren Welt, die Casey jedoch bereits in ihren vier Wänden und vor ihrem Laptop gefunden hat. Immer wieder begleiten wir sie an diese Orte, wenn sie beispielsweise während eines Livestreams die weihnachtlichen Feierlichkeiten kommentiert. Schoenbrun zeigt Einsamkeit, aber zugleich die Versuche, sie zu durchbrechen und die Mauer zu der Außenwelt abzubauen. We’re All Going to the World’s Fair mag keine großen Schockmomente haben, zeichnet sich in diesen Momenten dafür aber durch eine große Traurigkeit aus.
Leben und Narrative
Diese Einsamkeit ist eng verbunden mit einer Wahrnehmung der Welt, die noch längst nicht ernstzunehmend erforscht ist. Autoren wie zum Beispiel Anne Friedberg, Gilles Lepovetsky oder Jean Serroy haben in ihren Werken The Virtual Window und L’écran global (Die Globalisierung des Bildschirms) beschrieben, wie die Wahrnehmung einer Welt durch die Rahmung des Bildschirms eine neue Subjektivität nach sich zieht. In Schoenbruns Film finden wir Figuren, die ihre Welt ausschließlich über diesen Rahmen wahrnehmen und über diesen definieren – was Vor- und Nachteile hat. Da Caseys Welt alles andere als einladend ist und ihre Eltern allem Anschein nach wenig Verständnis für ihre Passion haben, erscheint der Bildschirm wie eine wichtige Form der Annäherung an die Welt. Die bereits erwähnten Videos ihres Heimatortes sind Versuche, eine Verbindung herzustellen oder zu kommunizieren. Das macht die Wirkung dieser Sequenzen nicht weniger bedrückend, zeigt sie aber in einem anderen Licht.
Auch wenn We’re All Going to the World’s Fair keineswegs einen Medienpessimismus predigt, verschließt Schoenbrun dennoch nicht die Augen vor den Schattenseiten dieser neuen Subjektivität. Die Etablierung und Aufrechterhaltung einer individuellen „bubble“ wird ebenso kritisch gesehen wie die Kreation eines eigenen Narrativs, durch das man sich einer schmerzhaften Selbstreflektion entziehen kann. Die Beziehung zwischen Casey und JLB kann man vor dem Hintergrund von Phänomenen wie Cybergrooming betrachten, jedoch fällt die Darstellung dieser Aspekte sehr eindimensional aus – und steht damit im starken Kontrast zu den anderen Themen des Films.
OT: „We’re All Going to the World’s Fair“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Jane Schoenbrun
Drehbuch: Jane Schoenbrun
Musik: Alex G
Kamera: Daniel Patrick Carbone
Besetzung: Anna Cobb, Michael J. Rogers
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