Gropiusstadt Supernova
© Konrad Waldmann

Gropiusstadt Supernova

Gropiusstadt Supernova
„Gropiusstadt Supernova“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Zum Jahresende erreichen den jungen Outdoor-Wortkünstler Luan (Mo Issa) gleich zwei Hiobsbotschaften: Seine Freundin Stella (Berfin Sönmez) wird auf einer Schauspielschule in den USA aufgenommen, müsste dafür allerdings drei Jahre lang weg. Während er sich hinsichtlich dieser Nachricht noch für seine Herzensdame freuen kann und schon mal den Schampus bereitstellt, erfährt er, dass sein älterer Bruder Tarik (Walid Al-Atiyat) abgeschoben werden soll. Für Luan bricht damit eine Welt zusammen, ist Tarik doch seit dem Tod ihrer Mutter sein engstes Familienmitglied. Ohne gefestigte Zukunftsperspektive, ohne soziales Netz droht Luan in paranoide Albträume abzudriften, erfüllt von der Angst, allein zurückgelassen zu werden. Und da eh nichts so zu laufen scheint, wie es eigentlich sollte, wird er auch noch Zeuge eines Bankdiebstahls, mutmaßlich verübt von einem Geflüchteten.

Verpuffende Leuchtfeuer

„New year, new me“ wird für Luans Lebensweg eher schwerwiegende Verheißung denn gutmütiger Vorsatz. Gezwungen von äußeren Umständen innerhalb seines nächsten Umfelds, versucht er irgendwie, durch impulsive Kurzschlussreaktionen die Kontrolle über den ihm entfliehenden Schicksalsfaden wiederzuerlangen. So entschließt er sich wie selbstverständlich dazu, Stella heiraten zu wollen, bevor sie sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten macht, und sucht eine Rechtsanwältin auf, die seinen Bruder doch noch vor der drohenden Abschiebung bewahren soll. Zwischendrin und drumherum läuft es für den jungen Mann auch nicht allzu rosig:

Nach seiner Performance eines Poetry Slams/Raps/konstruierten Kauderwelschs vor der Gedächtniskirche, wodurch er etwas Geld dazuverdienen möchte, wird ihm sein Monetenbehälter geklaut, bei der Verfolgungsjagd legt er sich unfreiwillig in voller Körperlänge auf den Asphalt; beim Behördengang wird er grundlos rassistisch beleidigt (nicht, dass es nachvollziehbare Gründe für Rassismus gäbe oder etliche Behörden migrantisch perzipierte Menschen nicht von oben herab behandeln würden, aber die Eskalationsstufe hier ist schon grob), daraufhin plumpst ihm stümperhaft vor den Augen der Mitarbeitenden die Pistole seines Bruders aus der Jackentasche. Naja, passiert den Besten.

Die namensgebende Gropiusstadt in Berlin-Neukölln bietet die überaus ästhetische Kulisse für das gehetzte Treiben Luans. Das Meer an Plattenbauten präsentiert sich als großartig in Szene gesetzt, akzentuiert von den bunten Raketen und Leuchtfeuern, die rund um die Neujahrsnacht zahlreich in den Himmel gepfeffert werden (im echten Leben sehr zum Leidwesen von Mensch und Tier). Vor allem Signalpistolen werden inflationär gebraucht und so oft in den Fokus gerückt, dass sich zunehmende Übersättigung einstellt. Vielleicht ist die Crew bei den Dreharbeiten an einen riesengroßen Topf voll mit den leuchtenden Schusswaffen gekommen und musste diese in Rekordzeit verpulvern, vielleicht gab es sogar im 13.000€ umfassenden Budget extra eine Sparte dafür – das dazugehörige nächtliche Farbenspiel soll jedenfalls der am hellsten scheinende Aspekt von Gropiusstadt Supernova bleiben.

Ermüdende Klischees, fehlender Tiefgang

Von der Struktur und des hohen Vorkommens an unangenehmen bis schlicht gefährlichen Situationen her erinnert Gropiusstadt Supernova an Titel wie Der schwarze Diamant, schmückt jedoch das Umherstolpern zwischen Psychose und Pech an keiner Stelle so saftig aus wie die Safdies. Die Beziehungen unter den stets bemühten, aber persönlichkeitslosen Charakteren erzeugen weder Knistern noch Empathie, wobei Berfin Sönmez‘ Stella am ehesten so etwas wie Charisma versprüht. Doch selbst sie kann aus einem schwachen Drehbuch nichts Greifbares herausholen, und salopp dahingesagte Vertröstungen à la „keine Sorge, drei Jahre vergehen wie im Flug“ lassen an beidseitiger emotionaler Intensität bei den postpubertären Turteltäubchen zweifeln.

Insgesamt könnten die Dialoge genauso gut von einer KI ausgespuckt worden sein, die mit so oder einem so ähnlichen Prompt gefüttert wurde: „Schreibe bedeutungsschwangere, nichtssagende Oneliner zwischen jugendlicher Resignation, diffuser Hoffnung auf bessere Zeiten und flachen Weltraumvergleichen.“ Denn, frei nach Taylor Swift, ist letzteres das wichtigste dabei, um die Verbindung zum Filmtitel zu schaffen: Keep it one hundred on the planets, the galaxies, the stars, denn wir fühlen uns alle wie Supernovae, oder so. Dies mündet in einem permanenten „I am 14 and this is deep“-Vibe, den der bei unterstrichen „tiefgründigen“ Szenen unterlegte Ambient-Soundtrack mit der Brisanz von Fahrstuhlmusik nicht unbedingt aufbricht. Spätestens bei der obligatorischen Rave-Szene out of nowhere hört jegliches Wohlwollen auf, denn das bestenfalls am Anfang des Films vorbereitete Studifilm-Bingo ist nun endgültig abgehakt.

Man kann Regisseur Ben Voit nicht vorwerfen, kein Herzblut in dieses Projekt investiert zu haben. Über zwei Jahre wurde speziell an Silvester gedreht, um die besondere, laute und feinstaubverseuchte Atmosphäre der Stadt festzuhalten. Mit sicherlich noblen Absichten (die online in ausführlichen Regiekommentaren dargelegt werden) werden Alltagsrassismus, Identität, Integration, Liebe, Stress und Kriminalität angeknabbert, besitzen aber in der Kombination die Konsistenz eines labbrigen Toasts. Aus dem vorliegenden Material einen Kurzfilm zu erstellen, wäre wahrscheinlich eleganter gewesen, als nach gefühlt jeder vierten nachdenklichen Äußerung eine mehrminütige Slow Motion Montage abzuspulen. Nach Wir Kinder vom Bahnhof Zoo und Sonne und Beton bekommt die Gropiusstadt eine weitere zumindest optisch gelungene Ode, und der offizielle Erfolg gibt Ben Voits Methoden recht: Beim Max Ophüls Preis 2026 wurde dem mithilfe der Filmuniversität Babelsberg realisierten Werk die Auszeichnung als bester Spielfilm verliehen. Das sei dem jungen Team uneingeschränkt gegönnt und lässt zukünftig auf besser finanzierte sowie ausgefeilter konzipierte Veröffentlichungen hoffen.

Credits

OT: „Gropiusstadt Supernova“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Ben Voit
Drehbuch: Ben Voit
Musik: No Bloom Now
Kamera: Konrad Waldmann
Besetzung: Mo Issa, Berfin Sönmez, Walid Al-Atiyat, Asad Schwarz, Bryan Kaime Lomuria

Bilder

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Gropiusstadt Supernova
fazit
So vielversprechend Kinematographie, Synopsis und die Leinwandpräsenz von Berfin Sönmez sind, so sehr zerlegt sich „Gropiusstadt Supernova“ bereits nach wenigen Minuten selbst. Unter genuschelten Klischeesprüchen, realitätsfernem Schauspiel und überambitionierter Themenwahl verbirgt sich die emotionale Tiefe eines Pfützchens, das nach leichtem Nieselregen entsteht. Komplexe, nach Feinfühligkeit und Authentizität verlangende Debatten und Gefühle verkommen zum Mittel zum Zweck innerhalb eines Plots, der sich im Purgatorium der Durchschnittlichkeit verrennt, über die gesamte Laufzeit nicht mehr hinausfindet, sich gar darin wohlfühlt und bloßen Symbolismus zu hoher Kunst stilisiert.
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