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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Amazon Prime Video

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ // Deutschland-Start: 26. Februar 2021 (Amazon Prime Video)

So richtig toll ist das Leben von Christiane (Jana McKinnon) nicht. Vor allem daheim kommt es immer wieder zu Problemen, ihre Eltern (Angelina Häntsch, Sebastian Urzendowsky) streiten sich unentwegt – auch weil eine wirkliche Perspektive fehlt. Als nach einem gewaltsamen Zwischenfall nun endgültig die Trennung droht, findet die Jugendliche Halt in der Freundschaft mit Stella (Lena Urzendowsky) und dem Rest ihrer Clique. Gemeinsam gehen sie in Clubs, können im SOUND den tristen Alltag hinter sich lassen. Doch mit der Musik kommen auch die Drogen: In ihrem Wunsch, dem hier und jetzt zu entfliehen, werden die sechs zunehmend abhängig von Heroin und drohen damit endgültig die Kontrolle zu verlieren …

Rückkehr in die Vergangenheit

Remakes von Filmen? Klar, die hat es schon immer gegeben. Denn was einmal gut läuft, tut es bestimmt auch noch ein zweites Mal. In den letzten Jahren gab es jedoch den auffälligen Trend, große Filme nicht noch einmal als Film wiederzubeleben, sondern in Form einer Serie. Was sich nach billigem Ausverkauf anhörte, war aber doch immer mal wieder erfolgreich. Fargo beispielsweise wurde in höchsten Tönen gelobt. Und auch Das Boot mag vielleicht nicht die klaustrophobische Exzellenz des 1981er Kultfilms haben, für sich genommen ist die Neuinterpretation aber durchaus sehenswert. Und doch: Als bekannt wurde, dass Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo eine serielle Neuauflage erhalten sollte, durfte man schon ein wenig skeptisch sein.

Anders als viele andere Kulttitel, die noch einmal neu verpackt werden sollten, war die Geschichte um eine junge Drogenabhängige schließlich sowohl zeitlich wie auch geografisch klar verortet. Basierend auf den Aufzeichnungen der Stern-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck wurde das Drama zu einem Porträt der von Drogen geprägten Jugendkultur der 1970er, was sowohl für die damaligen Jugendlichen wie auch deren Eltern interessant war. Gleichsam war es ein Porträt des titelgebenden Bahnhofs, der zum Treffpunkt der Ausgestoßenen und Träumer wurde, von Verlorenen und Suchenden. Dasselbe noch einmal 40 Jahre später zu erzählen, einem Publikum von heute, das war nicht sehr erfolgsversprechend. Zu groß ist inzwischen die Distanz, zu viel hat sich seither geändert.

Die Suche nach dem Universellen

Und so versucht man bei der auf Amazon Prime Video erschienenen Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo dann auch den Spagat zwischen dem, was damals war, und dem, was ein Publikum der 2020er sehen will. So ist die Neufassung deutlich zeitloser als der berühmte Vorfahre. Auch wenn die Bezüge zu damals schon noch da sind – etwa gibt es erneut David Bowie zu hören, der im Film eine zentrale Figur war –, es sind bloße Reminiszenzen an eine Vergangenheit, die keiner der Beteiligten selbst erlebt hat. Es geht weniger um ein konkretes Lebensgefühl als vielmehr ein stärker universelles Bild suchender Jugendlicher, die in der Welt keinen wirklichen Platz für sich haben. Und da gibt es schon Anknüpfungspunkte.

Der noch größere Unterschied ist aber der, dass Wir Kinder vom Bahnhof Zoo deutlich routinierter und kunstvoller ist als der seinerzeit doch recht raue Film. Das hat einerseits Vorteile. So tritt hier ein durchwegs professionelles und talentiertes Ensemble auf. Wirkten damals die Laienschauspieler und Laienschauspielerinnen zum Teil wie Fremdkörper, die nicht so recht wussten, was sie tun sollten, da hat hier alles seinen festen Platz. Die Geschichten wurden, auch dank des Serienformats, deutlich ausgebaut, sodass beispielsweise Christianes Familie tatsächlich zum Kontext gehört. Dazu gibt es schöne Bilder und eine schöne Musik, da greifen die verschiedenen Elemente, inszenatorisch wie inhaltlich, gekonnt ineinander. Doch was nach einem klaren Vorteil klingt, ist es nicht unbedingt. Denn bei dem Versuch, den Stoff aufzubereiten und zugänglicher zu machen, ist gleichzeitig einiges verlorengegangen. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo fehlt das raue Element, das den Film noch ausgezeichnet hat, das Wilde und Hässliche.

In Schönheit sterben

Wenn man sich beispielsweise die Szenen anschaut, wenn Christiane den Drogenentzug wagt, könnte der Unterschied nicht größer sein. 2021 darf man selbst dann nicht seinen Chic verlieren, wenn man kurz davor steht abzukratzen. Vorwürfe der Verharmlosung und Bagatellisierung sind deshalb durchaus angebracht, da sucht man hier schon einen einfachen Ausweg, der bloß niemanden überfordern soll. Da war man vor 40 Jahren mutiger. Außerdem ging man dazu über, vergleichbar zu US-Serien die Clique mit Leuten um die 20 zu besetzen, die alle so tun sollen, als wären sie viel jünger. Auch dadurch geht die unmittelbare Wucht von Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo verloren, das damals tatsächlich mit halben Kindern zusammenarbeitete und dadurch authentischer wirkte. Als Alternative zum Klassiker ist diese Modernisierung daher nicht uninteressant, mit eigenen Stärken oder Schwächen. Anders als beim Film wird sich aber in 40 Jahren wohl keiner mehr an die Serie erinnern.

Credits

OT: „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Philipp Kadelbach
Drehbuch: Annette Hess, Linda Brieda, Christiane Kalss, Johannes Rothe, Lisa Rüffer, Florian Vey
Musik: Michael Kadelbach, Robot Koch
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Besetzung: Jana McKinnon, Lena Urzendowsky, Lea Drinda, Michelangelo Fortuzzi, Jeremias Meyer, Bruno Alexander, Angelina Häntsch, Sebastian Urzendowsky

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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ nimmt sich der berühmten Geschichte drogenabhängiger Jugendlicher an, will den klassischen Stoff jedoch modern aufbereiten. Die Serie ist damit in sich stimmiger, kunstvoller, professioneller umgesetzt. Dafür ist das raue Element verlorengegangen, man traut sich hier nie, mal hässlich oder wirklich schmerzhaft zu werden, aus einem dokumentarischen Zeitporträt wurde ein universelles Abdriften.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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