
Es gab sicherlich eine Zeit, als Arnold glücklich war. Doch das ist eine Weile her. Seit Jahren ist er bereits arbeitslos, bekommt nirgends eine Chance. Und so muss seine Partnerin María die Versorgung übernehmen, was ihr mal besser, mal schlechter gelingt. Zurzeit kommt sie mit ihren Zeichnungen nicht voran, eine Depression ist bei ihr eingezogen. Immerhin: Arnold hat einige Freunde, die ebenfalls mit der Welt hadern, die von dem allgegenwärtigen Unternehmen ALMA bestimmt wird. Wer es dort zu etwas bringt und sich anpasst, kann glücklich sein. Der Rest ist dazu verdammt im Elend zu leben. Als Arnold mit seinem Kumpel Ramiro durch die Wälder streift, in denen eine ganze Reihe von Ausgestoßenen leben, kommt es zu einem Unglück – was den Mäuserich dazu veranlasst, doch noch nach einem Ausweg zu suchen …
Langfassung des Kurzfilms
Was einmal funktioniert, das funktioniert auch mehrfach, scheint das Motto von Alberto Vázquez zu sein. So basierte sein tieftraurig-fantasievoller erster Langfilm Psychonauts, the Forgotten Children (2015) um Kinder, Drogen und geheime Monster auf seinem Roman Psiconautas, den er zuvor schon Kurzfilm Birdboy (2011) umsetzte. Nachdem 2022 sein zweites Langwerk Unicorn Wars eine Neuentwicklung war, kehrt der spanische Regisseur mit seinem dritten Film Decorado wieder zurück zu bewährten Stoffen. Genauer baut er darin seinen gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahr 2016 aus und macht daraus ein großes Abenteuer, das einem gleichzeitig vertraut ist und doch auch ganz fremd und eigenwillig.
Wer seinerzeit das Original gesehen hat, wird es vielleicht noch wissen: Der Kurzfilm war eine Schwarz-Weiß-Horrorgroteske voller bizarrer Figuren, aber ohne wirkliche Geschichte. Bei der erweiterten Langfilmfassung gibt es nun Farbe. Es wird sogar ausgiebig mit dieser gearbeitet. Das mit der mangelnden Geschichte ist aber ähnlich. So handelt Decorado zwar von dem Mäuserich Arnold, der in einer Krise steckt und das Gefühl hat, dass nichts an der Welt real ist. Gefüllt wird diese Sinnsuche aber nicht mit einer zielgerichteten Handlung. Stattdessen springt der Film ständig zwischen Figuren hin und her, erzählt mal hier etwas, mal dort etwas. Dabei tut sich eine Menge und gleichzeitig irgendwie nichts, wenn unser Protagonist in der Welt gefangen ist und jeder Versuch, aus all dem auszubrechen, doch immer wieder in das bekannte Elend zurückführt.
Zwischen düster und komisch
Das bedeutet aber nicht, dass Vázquez nichts zu sagen hat. So vermittelt er gekonnt das Gefühl einer Entfremdung von der Welt sowie einer Fremdbestimmung durch das allgegenwärtige Unternehmen. Da schwingt immer mehr als nur ein wenig Kapitalismuskritik mit, wenn alles auf Kommerz und Konsum ausgelegt ist. Das Glück kommt hier nicht durch sinnvolle Aufgaben, die hat fast niemand, sondern durch die kleinen Pillen. Wobei Decorado auch keine funktionierende Alternative anbietet. An und für sich hätte es sich zwar angeboten, die Aussteiger in den Wäldern so zu porträtieren, dass nur sie ein echtes Leben führen. Stattdessen dröhnen sie sich die ganze Zeit zu und verkaufen doch an ALMA, weil es keinen wirklichen Ausweg gibt. Und auch keine Gerechtigkeit: Die spanisch-portugiesische Produktion zeigt einen brutalen Polizei- und Überwachungsstaat.
Das klingt sehr düster, ist es auch. Und doch ist der dystopische Animationsfilm, der 2025 auf dem Fantastic Fest Weltpremiere hatte, auch überraschend komisch. Ob die Depression von María in unerwarteter Form kommt, Vögel einen untypischen Gesang von sich geben oder die Arbeitssuche zu einer gemeinen Odyssee wird: Da sind schon schön schräge Einfälle dabei, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen, manchmal auch zum Lachen. Was hingegen weniger gut funktioniert, ist der emotionale Aspekt. Obwohl Decorado voll ist von traurigen Schicksalen und gescheiterten Figuren, überträgt sich das kaum auf die Stimmung. Da war Psychonauts, the Forgotten Children doch der deutlich bewegendere Film. Ein Grund dafür ist der Hang zum Theatralischen, wenn jeder Ort zu einer Bühne wird. Aber auch wenn Vázquez nicht ganz an seinen Erstling herankommt, ist auch der dritte Film so sehenswert, dass man auf weitere Titel gespannt sein darf.
OT: „Decorado“
Land: Spanien, Portugal
Jahr: 2025
Regie: Alberto Vázquez
Drehbuch: Alberto Vázquez, F. Xavier Manuel Ruiz
Musik: Joseba Beristain
Fantastic Fest 2025
Sitges 2025
Animation Is Film 2025
BFI London Film Festival 2025
Fantasy Filmfest White Nights 2026
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