Last Swim
© Caviar, Pablo & Zeus

Last Swim

Inhalt / Kritik

Schulabschluss geschafft, das Astrophysikstudium an der UCL wartet. Ziba (Deba Hekmat) hat den Tag der Zeugnisausgabe penibel geplant. Sie will mit ihren Freund*innen durch London ziehen und am Abend einen äußert seltenen Meteorschauer beobachten. Doch obwohl sie als einzige in der Runde ein gutes Zeugnis hat, fällt es ihr schwer, den Tag zu genießen. Nach und nach wird klar, dass Ziba etwas mit sich herumträgt, das sie vor ihren Freund*innen geheim hält.

Zwischen Traum und Trauma

Das britische Kino macht seit einigen Jahren sehr viel richtig. Filme und Serien wie Aftersun, How to Have Sex, All of Us Strangers, I May Destroy You, etc. bringen eine frische, junge Perspektive auf die Leinwand, indem sie Themen wie Queerness, Postmigration oder mentale Gesundheit endlich mal von einem neuen Blickwinkel aus behandeln. Doch nicht nur thematisch und ideologisch ähneln sich diese Produktionen, sondern auch durch ihre Erzählweise. Sie zeichnen verschwommene, schemenhafte Bilder, sind gerade in ihrer Darstellung von traumatischen Momenten implizit; ein Verstehen ohne Worte. Dem gegenüber stehen bunte, lebensfrohe, wohltuende Momente, geprägt von sozialem Zusammenleben mit den Liebsten und oftmals einer guten Portion Humor. Es ist ein modernes Kino, ein menschliches Kino. Ein Kino der Hoffnung und des Bedauerns. Ein Kino der Träume und Traumata.

Mit Last Swim findet nun ein weiterer Film seinen Platz in diesem Kino. Wir erleben einen verträumten Film, der meist mit schnell geschnittenen, warmen Bildern ein pulsierendes, energetisches London porträtiert,  voller farbenfroher Straßen und Menschen verschiedenster Hintergründe. Eine Weltmetropole, in der es keine Grenzen gibt. Auch die Gruppe Hauptfiguren spiegelt das wider. Verschiedene junge Menschen mit unterschiedlichen Zielen, Sorgen und Macken, trotzdem allesamt wahnsinnig liebenswürdig. Eine Gruppe, in der man sich auch mal übereinander lustig macht, aber trotzdem immer füreinander da ist. Sie alle fühlen sich vertraut und authentisch an, als würden auch wir schon lange mit ihnen befreundet sein. Man hört ihnen gerne zu, wie sie in toll geschriebenen Dialogen über so wenig und doch so viel reden. Man beobachtet sie gerne beim Lachen oder Frotzeln, bei der Erleichterung, mit der Schule durch zu sein und einen schönen Tag zu haben.

Doch wie die oben genannten ist Last Swim natürlich auch kein Wohlfühlkino. Denn so schön viele der Szenen auch sind, wohnt dem Ganzen immer eine gewisse Tragik inne. Das Wissen, dass dieser Tag bald vorbei ist und das Unwissen, was kommt. Eine Jugend geprägt von Zukunftsängsten, ein Film über die Vergänglichkeit und der Kostbarkeit des Schönen im Leben. Last Swim zeigt uns eindringlich, warum wir Momente wie den dargestellten Tag schätzen und behüten sollte, warum wir uns Gedanken machen sollten, was wir mit unserer Jugend und unserem ganzen Leben anstellen sollten. Was heißt es, Chancen wahrzunehmen, diese zu vertun und danach weiterzumachen?

Die Werte des Lebens

Das mag zunächst ein wenig nach einer x-beliebigen Geschichte über die Kostbarkeit des Lebens im Coming of Age Mantel anhören und sicher, Last Swim revolutioniert sein Genre nicht, aber er ist eben doch mehr als nur x-beliebig. Denn wo andere Filme sich in einem abstrakten Existenzialismus ausruhen, der gerne die genauen Handlungsumstände missachtet, und damit viel zu vage bleibt, geht Last Swim einen Schritt weiter. Man ist sich genau der systemischen Umstände bewusst, persifliert diese sogar regelrecht. Alle Hauptfiguren leben in einem London der explodierten Mieten, einer Welt sozialer Ungerechtigkeit und des Klimawandels. Sie wissen, dass mit ihren mäßigen Zeugnissen eine ohnehin schwierige Zukunft noch schwieriger wird und retten sich oft mit einer Mischung aus Galgenhumor und Eskapismus.

Dem Gegenüber steht Ziba. Sie ist ehrgeizig, intelligent, gewissenhaft und hat ein Einserzeugnis sowie einen Platz an einer Eliteuni. Als Tochter einer iranischen Mutter ist sie fast schon ein Abziehbild von dem, was von konservativer Seite so gerne als gelungene Integration bezeichnet wird. Trotzdem ist es sie, die das vermutlich größte Problem aller aus der Gruppe hat und sich am meisten die Frage stellt, habe ich mein Leben verschwendet? Hätte ich mehr sehen sollen, leben sollen, mehr erleben sollen? Natürlich ist es Willkür, was ihr passiert, aber es ist eben auch Teil eines politischen Systems, das die Kosten, die es einfordert, niemals voll begleichen kann. Es gibt keine Gerechtigkeit, weder kosmisch noch systematisch.

Mit dieser Erkenntnis liegt es natürlich nicht fern, sich im entsprechenden Nihilismus zu suhlen und entweder aufgeben oder irgendwie versuchen, die vermeintliche Kontrolle über das eigene Leben zurückzuerlangen. Last Swim ist sich dieser Überlegung nicht nur bewusst, sondern macht sie zu einem zentralen Bestandteil seines Diskurses über die Kostbarkeit des Lebens. Ja, manchmal schlägt man diesen nihilistischen Weg ein, das Ziel sollte aber immer sein, sich mit ihm zu arrangieren bzw. ihn zu überwinden. Die Werte, die wir unserem Leben geben, unsere Beziehungen, unsere Erfolge, all das sollte dazu dienen, uns sowohl der Willkür als auch der fehlenden Gerechtigkeit des Lebens entgegenzustellen. Diese Erkenntnis sollte Teil eines jeden Erwachsenwerdens sein und Last Swim zeigt eindringlich, wie das aussehen kann.

Credits

OT: „Last Swim“
Land: UK
Jahr: 2024
Regie: Sasha Nathwani
Drehbuch: Sasha Nathwani, Helen Simmons
Musik: Federico Albanese
Kamera: Olan Collardy
Besetzung: Deba Hekmat, Narges Rashidi, Jay Lycurgo, Solly McLeod, Lydia Flemming, Denzel Baidoo, Michelle Greenidge

Filmfeste

Berlinale 2024

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Last Swim
fazit
„Last Swim“ ist ein weiterer britischer Film, der sich erzählerisch, inszenatorisch und thematisch auf der Linie zwischen Traum und Trauma bewegt und auf sehr gelungene Art und Weise von Chancen, Freundschaft und der Ungerechtigkeit des Lebens erzählt. Der tolle Witz und die liebenswürdigen Figuren tragen durch einen Film, dessen Unterbau eine existenzialistische Reife zeigt, wie man sie selten von einem Coming of Age Film gewohnt ist.
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