Wet Sand
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Wet Sand

„Wet Sand“ // Deutschland-Start: 24. November 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

In einem kleinen georgischen Dorf an der Küste des schwarzen Meeres führt Amnon (Gia Agumava) seit 20 Jahren eine Strandkneipe. Der ruhige und beschauliche Alltag der Gemeinschaft, die davon überzeugt ist sich gut zu kennen und keine Geheimnisse voreinander zu haben scheint, wird durch den Tod von Eliko erschüttert. Der ältere Mann wird nämlich überraschend erhängt in seiner Wohnung gefunden. Als die Beerdigung organisiert werden muss, kehrt seine Enkelin Moe (Bebe Sesitashvili) aus der Stadt aufs Land zurück und bringt damit die Ordnung des Landlebens und die Gefühle von Amnons Tochter Fleshka (Megi Kobaladze) durcheinander. Skepsis und Zweifel mehren sich im Dorf und langsam kommen gut behütete Geheimnisse ans Tageslicht, die alles verändern werden…

Atmosphäre aus Melancholie und Einsamkeit

„Menschen, die am Meer leben, seien glücklicher.“ Das habe man zumindest irgendwo mal gehört, ist aber für die Bewohner des kleinen georgischen Dorfes alles andere als Realität. Regisseurin Elene Naveriani erzählt, wie in ihrem ersten Film I am truly a Drop of Sun on Earth nun auch in Wet Sand von geplatzten Träumen, Wünschen und Sehnsüchten der vergessenen Menschen und der unerwünschten Außenseiter eines repressiven Staates. Ausgrenzung, Hass, Misogynie und Homophobie treffen dabei auf verborgene Zärtlichkeit, versteckte Liebe, Mut und zaghafter Hoffnung. Das auf dem Locarno Filmfestival uraufgeführte Generationendrama, manifestiert unter erdrückenden Geheimnissen, jedoch mit steten sanften Wellen am Ufer des Schwarzen Meeres Veränderungen, die zu harten Konflikten und schmerzhaften Konfrontationen führen.

Einsam und ruhig ist in der Nacht am Schwarzen Meer, das leise und glitzernd, aber gleichzeitig fast bedrohlich vor der Strandkneipe Wet Sand liegt. Nur die blaugelbe Neonschrift und ein einzeln beleuchtetes Zimmer durchdringen die Dunkelheit. Während Besitzer Amnon aufs Wasser blickt, nimmt uns Regisseurin mit zu einem Unbekannten, der vor einem gedeckten Tisch sitzt, Wein trinkt und einen langen Brief schreibt. Die Szenerie hat etwas Erwartungsvolles, zugleich Tieftrauriges. Und während die Kamera sich über den Tisch hinweg von dem Mann entfernt, dessen Gesicht zunehmend im Schatten des spärlichen Lampenlichts verschwindet, beschleicht einen der Verdacht des letzten Abendmahls. Ein Verdacht, der sich nur kurze Zeit später bewahrheiten wird. Mit wenigen bedachten Bildern, erschafft Regisseurin Naveriani mit ihrer Kamerafrau Agnesh Pakozdi eine erdrückende Atmosphäre aus Melancholie und Einsamkeit, die auch am nächsten Tag, als Amnon wieder in seiner Bar steht und die stichelnden, geifernden Stammgäste auf der Veranda bewirtschaften muss.

Bloß keine Veränderung!

Seit 20 Jahren sieht er den Männern aus dem Dorf beim Brettspiel zu und vermutlich genauso lange muss er sich die abfälligen Bemerkungen gefallen lassen. Allerdings ist nicht nur er für die Dorfgemeinschaft ein geduldeter Sonderling, auch Fleshka bleibt nicht von abwertenden Kommentaren verschont. In dem Dorf, der kleinen abgeschotteten Einheit auf dem Land, in dem sich angeblich alle so gut kennen, ist dem Großteil jeglicher Einbruch in das Althergebrachte, jede noch so kleine Andersartigkeit vom Traditionellen ein Dorn im Auge. Und das lässt uns Elene Naveriani, die gemeinsam mit ihrem Bruder Sandro Naveriani das Drehbuch schrieb, deutlich in den Dialogen spüren.

Vor allem, als der Tod des Außenseiters Elikos diskutiert wird und die Beerdigung organisiert werden muss, wohnt man einer Unterhaltung bei, die von Verachtung und Gehässigkeit geprägt ist. Vorurteile kommen ans Licht und Amnon findet sich plötzlich an Stelle Elikos wieder. Auf der anderen Seite der Terrasse, im Abseits, in Konfrontation mit der starren Dorfgemeinschaft. Eine Gesellschaft, die sich gegenseitig aufstachelt und wo nur die kleinen Nachrichtenfetzen von Klimawandel, dem Aufmarsch der orthodoxen Kirche am Tag gegen Homophobie und Umweltkatastrophen das Geschehen konsequent im Hier und Jetzt verorten. Dennoch wirkt Wet Sand über weite Strecken zeitlos und fast schon universell, wenn versucht wird das Trauma aus Hass und Gewalt gegen queere Menschen aufzuarbeiten.

Kaum emotionale Nähe

Gleichzeitig entwickelt die Regisseurin einen weiteren Handlungsstrang, in dem die jüngeren Generation trotz der Restriktionen und der drohenden Gewalt ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, versucht das Versteckspiel zu beenden und bemüht ist in eine positivere Zukunft zu blicken. Dabei entwickelt sich eine schwere Dynamik, die oft nicht aus dem Korsett aus Leid, Tragik und Hoffnungslosigkeit auszubrechen vermag. Wohl auch, weil die Figuren an Charakterdetails vermissen lassen und uns die Kamera, sowie die Szenengestaltung kontinuierlich auf Distanz hält. So werden die inneren Kämpfe, die die drei Hauptfiguren Amnon, Fleshka und Moe austragen müssen, nur schwer für uns sichtbar. Emotionale Nähe wird vielfach von dem sehr beherrschtem Schauspiel verschluckt und selbst der hoffnungsvoll und optimistisch gestimmte Ausklang der Geschichte wirkt für Wet Sand schlussendlich doch etwas zu ungelenk.

Credits

OT: „Wet Sand“
Land: Georgien, Schweiz
Jahr: 2021
Regie: Elene Naveriani
Drehbuch: Elene Naveriani, Sandro Naveriani
Musik: Philippe Ciompi
Kamera: Agnesh Pakozdi
Besetzung: Gia Agumava, Kakha Kobaladze, Megi Kobaladze, Bebe Sesitashvili, Zaal Goguadze, Eka Chavleishvili, Giorgi Tsereteli

Bilder

Trailer

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Wet Sand
fazit
Bedachte und eindringliche Bilder stehen einer insgesamt zu distanzierten und zuweilen schwerfälligen Inszenierung gegenüber, sodass „Wet Sand“ spürbar an Nachdruck einbüßt. Ein schwermütiges wie zeitloses Porträt repressiver Strukturen, das versucht ist eine hoffnungsvollere Perspektive als Gegenstück zur dominierenden Melancholie einzuflechten.
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