Sonne
© Neue Visionen Filmverleih

Sonne

Sonne
„Sonne“ // Deutschland-Start: 1. Dezember 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Aus einer Laune heraus, verkleiden sich die Oberstufenschülerinnen und beste Freundinnen Yesmin (Melina Benli), Bella (Law Wallner) und Nati (Maya Wopienka) mit den Hijabs von Yesmins Mutter, welche diese beim Beten immer anzieht. Mit ihrem Handy nehmen sie sich dabei auf, wie sie gemeinsam das Lied Losing My Religion von R.E.M. singen, was Bella wenig später auf YouTube hochlädt. Über Nacht werden die drei Freundinnen zu einem wahren Internetphänomen. Sie bekommen sehr viele positive Kommentare und werden sogar zu Live-Auftritten eingeladen. Besonders Yesmins Mutter ist alles andere als erfreut über das Video, was sie als eine Verhöhnung ihres Glaubens empfindet. Ihr Vater Omar verteidigt hingegen seine Tochter und fährt die drei Mädchen sogar zu ihren vielen Auftritten. Die ohnehin schon spürbare Anspannung in der Wohnung der Familie wird noch weiter verstärkt, als Yesmins Bruder Kerim von der Polizei gesucht wird.

Befreiungsschläge

Der Filmemacherin Kurdwin Ayub kam die Idee zu ihrem ersten Spielfilm Sonne, der von Regisseur Ulrich Seidl (Paradies: Liebe, Hundstage) produziert wurde, kam, als sie auf YouTube auf den Clip einer Gruppe schiitischer Mädchen stieß, die vollverschleiert muslimische Lieder auf Englisch sangen. Die Intention der jungen Frauen, den Islam weiterzutragen, doch zugleich so etwas wie einen Befreiungsschlag zu wagen, wurde zum Fundament der Geschichte von Sonne, der auf der letzten Berlinale seine Premiere feiern durfte und aktuell im Programm des Fünf Seen Filmfestivals zu sehen ist.

Die Darstellung des Islam und von Muslimen, besonders von Teenagern, ist nach wie vor ein Gebiet, welches von gewissen Vorbehalten oder Stereotypen belegt ist. Das gilt insbesondere für große Produktionen. Von daher dürfte es viele Zuschauer wohl erfreuen, dass die Heldin in Sonne erfrischend anders ist. Yesmin ist nicht nur intelligent, sondern sie ist auch keinesfalls auf den Mund gefallen und sagt, wenn ihr Dinge nicht passen. Die junge Schauspielerin Melina Benli ist wegen ihres natürlichen, unverkrampften Spiels eine der Entdeckungen in diesem Film. Das Gleiche gilt für Law Wallner und Maya Wopienka, deren Darstellung als Freundinnen durchweg sehr glaubhaft ist, besonders wenn es um die Entwicklung der Konflikte zwischen ihren Figuren geht.

Identität und YouTube

Dabei ist die Last an Themen, welche auf den Schultern der vornehmlich sehr jungen Besetzung lastet, sehr hoch und recht komplex. Sonne kann zum einen als ein Coming-of-Age-Film betrachtet werden. Doch genauso ist es ein Drama über Religion und Freiheit, was nicht nur im Leben der Protagonistin, sondern auch innerhalb ihrer Familie, beispielsweise in der Beziehung zu ihrem Bruder eine Rolle spielt. Ästhetisch nutzt Ayub dabei eine Herangehensweise, welche sich formal an Videoplattformen wie YouTube, vor allem aber an TikTok anlehnt, mit samt der entsprechenden Filter oder Schnitttechniken. Bisweilen ist dies ein sehr harter Übergang von der eher klassischen Form hin zu dieser Ästhetik. Doch im Rahmen der Handlung sowie im Kontext der Lebenswelt der Hauptdarstellerinnen ist dieser Ansatz sehr interessant und clever gewählt.

Erzählerisch und thematisch interessant ist, auf welche Weise das Spannungsverhältnis zwischen einer Religion wie dem Islam und der Moderne angesprochen wird. Die Heldin wird in einem Zwiespalt gezeigt. Auf der einen Seite steht die offenere, tolerante Art des Vaters, auf der anderen die eher konservative Denkweise der Mutter. Dabei wird keine von beiden als grundsätzlich falsch oder richtig gezeigt. Offenheit ist das erzählerische Prinzip Ayubs, was viele Vorteile hat, auch wenn dies beim Finale stört.

Credits

OT: „Sonne“
Land: Österreich
Jahr: 2022
Regie: Kurdwin Ayub
Drehbuch: Kurdwin Ayub
Kamera: Enzo Brandner
Besetzung: Melina Benli, Law Wallner, Maya Wopienka, Marlene Hauser, Margarethe Tiesel, Lia Wilfing

Bilder

Trailer

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Sonne
Fazit
„Sonne“ ist ein Drama über Freiheit, Religion und Identität. Dank ihres tollen Ensembles sowie eines cleveren ästhetischen Ansatzes ist Kurdwin Ayubs Spielfilmdebüt eine sehr beachtliche Leistung und ist vor allem wegen der Darstellung seiner Protagonistin sehenswert.
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