Alle wollen geliebt werden
© Matan Radin/DFFB-Zeitgeist Filmproduktion

Alle wollen geliebt werden

„Alle wollen geliebt werden“
„Alle wollen geliebt werden“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

„I believe in miracles“ – ich glaube an Wunder, singt Ina (Anne Ratte-Polle) auf dem Höhe- und Wendepunkt des Films. Einen himmlischen Beistand wird die Mutter einer pubertierenden Tochter auch dringend brauchen an den beiden Tagen, in denen Inas Leben aus dem Ruder läuft. Alle zerren an ihr: der neue Partner Reto (Urs Jucker) etwa, der seine Geliebte von Berlin ins finnische Tampere locken will, wo eine Professur auf ihn wartet. Aber auch Tochter Elli (Lea Drinda) macht mächtig Druck. Sollte sie ihren Willen, aufs Billie-Eilish-Konzert zu dürfen, nicht bekommen, zieht sie eben zu ihrem getrennt lebenden Papa. Den Vogel schießt jedoch Inas Mutter Tamara (Ulrike Willenbacher) ab, die an ihrem 70. Geburtstag die berufstätige Tochter wie eine Dienstmagd herumschubst, inklusive massiver emotionaler Erpressung. Außerdem ist da noch die Arztpraxis, die das Ergebnis der Blutwerte nicht ohne ein persönliches Gespräch herausrücken will. Sollte doch etwas Ernstes hinter den ungewohnten Beschwerden stecken, die das längst erwachsene Mädchen für alles seit Kurzem plagen?

Hang zum Narzissmus

Wenn man über Ina nun hinzufügt, dass sie von Beruf Psychotherapeutin ist, dann weiß man schon viel vom locker-ironischen Tonfall dieser Tragikomödie von Katharina Woll über die Drei- bis Vierfachbelastung berufstätiger Eltern. Ina fehlt genau das, was sie ihren sechs bis sieben Klientinnen und Klienten täglich beibringen muss: loslassen, nein sagen, auch mal an sich denken. Und nicht immer die Zähne zusammenbeißen, wenn alle geliebt werden wollen und man selber nichts abbekommt vom Wohlfühlkuchen. Aber, so könnte man sagen, Psychotherapeuten sind auch nur Menschen. Denn das ist das Geheimnis des auf leisen Sohlen daherkommenden Humors: Man erkennt sich und andere in den nur leicht überzeichneten Charakteren perfekt wieder. Vor allem in ihren Schwächen, dem Hang zum Narzissmus (Ina ausgenommen) und den manipulativen Tricks, die sich trotz manch bildungsbürgerlicher Verschleierungstaktik leicht durchschauen lassen.

In den gepflegten Wohnungen und Gärten wird an diesen brüllend heißen Sommertagen schnell klar, dass es so nicht weiter gehen kann. Daher zählt das Handlungskonstrukt mit seiner Durchschaubarkeit nicht zu den Stärken des Langfilmdebüts, dessen Drehbuch Regisseurin Katharina Woll zusammen mit Florian Plumeyer geschrieben hat. Plastisch herausgearbeitet sind dagegen die Charaktere, auch die der Nebenrollen. Die pubertierende Elli etwa verkörpert eine schön beobachtete Mischung aus messerscharfer emotionaler Intelligenz und krass verkümmertem Altruismus. Und der intellektuelle Reto, Inas Partner, ist für manchen Aha-Effekt gut, wenn es um die privaten Kollateralschäden seiner beruflich erworbenen Redekunst geht. Ins Herz des ganzen Schlamassels zielt aber der fein gezeichnete Konflikt zwischen Ina und ihrer egomanischen Mutter. Der ist psychologisch einfühlsam austariert und lässt ahnen, woher Inas Aschenputtelsyndrom rührt.

Am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ein Clou ist zudem die Besetzung der Hauptrolle mit Anne Ratte-Polle, die hier wunderbar gegen ihr Image als selbstbewusste, unabhängige Frau anspielt. Dahin, wo Ratte-Polles Pilotin Marion in Es gilt das gesprochene Wort (2019) von İlker Çatak von der ersten Minute an steht, muss die von allen ausgenutzte Ina erst noch kommen. Lange Zeit beobachtet die ruhige Kamera von Matan Radin die am Rande des Nervenzusammenbruchs agierende Therapeutin aus einer gewissen Distanz, fast wie ein Insektenforscher, der einem auf dem Rücken liegenden Käfer beim Strampeln zuschaut. Erst im letzten Drittel, als Anne Ratte-Polle ihr rebellisches Potenzial aufblitzen lässt, rückt die Kamera näher an ihr Gesicht, nimmt ihre Perspektive ein, stellt sich auf ihre Seite. Man darf also mit der Hauptfigur hoffen. Und sich freuen an der leichtfüßigen Betrachtung über die Leidensfähigkeit berufstätiger Mütter, inklusive des Punkts, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Credits

OT: „Alle wollen geliebt werden“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Katharina Woll
Drehbuch: Florian Plumeyer, Katharina Woll
Musik: Moritz Krämer
Kamera: Matan Radin
Besetzung: Anne Ratte-Polle, Lea Drinda, Ulrike Willenbacher, Urs Jucker, Jonas Hien

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Alle wollen geliebt werden
Fazit
„Alle wollen geliebt werden“ zeigt mit leichtfüßiger Komik eine Frau kurz vor dem Burnout. In den Humor mischt sich die Tragik der Drei- und Vierfachbelastung berufstätiger Mütter, die viele Frauen aus dem echten Leben kennen dürften.
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