© Jonathan Hökklo

Nach einer Reihe von Kurzfilmen legte Ninja Thyberg mit Pleasure ihr Langfilmdebüt vor. Darin erzählt die Regisseurin von einer jungen Schwedin, die nach Los Angeles geht und den Traum hat, dort Karriere als Pornodarstellerin zu machen. Dabei macht sie jedoch einige Erfahrungen, die alles andere als traumhaft sind. Nachdem das Drama beim Sundance Film Festival 2021 Premiere feierte und anschließend auf zahlreichen weiteren Filmfesten zu sehen war, läuft es seit dem 13. Januar 2022 auch regulär bei uns im Kino. Das haben wir zum Anlass genommen, um uns mit der Nachwuchsfilmemacherin zu unterhalten.

 

Du hast vor einigen Jahren schon einen Kurzfilm zum selben Thema gedreht, der ebenfalls Pleasure hieß. Weshalb hast du diesen jetzt zu einem Langfilm erweitert?

Ich wusste damals schon, als ich den Kurzfilm gedreht habe, dass ich eine längere Fassung machen will. Das war aber nicht möglich. Mein Ziel war immer gewesen, die realen Leute zu zeigen, die hinter den Porno-Stereotypen sind. Nur hatte ich nie solche Leute getroffen und war auch nie auf einem Porno-Set. Ich habe mir zwar Dokumentarfilme zu dem Thema angesehen. Letztendlich war mein Film aber nur meine eigene Vorstellung davon, wie es dort zugeht. Deswegen entschied ich, noch einen richtigen Film zu drehen, der diesmal auf meinen eigenen Beobachtungen basieren sollte. Dafür war es mir wichtig, bei meinen Recherchen ganz offen zu sein und mich nicht vorher festzulegen, wie der Film sein würde.

Und wie sahen diese Recherchen dann konkret aus? Wie bist du vorgegangen?

Ich bin 2014 das erste Mal nach Los Angeles geflogen, habe dort mehrere Porno-Sets besucht und bestimmt 30 bis 35 Interviews geführt. 2016 bin ich ein zweites Mal hingeflogen und dieses Mal sechs Monate geblieben. Ich wurde mit der Zeit dort auch wirklich aufgenommen und wurde Teil ihrer Community. Ich war nicht länger die Anthropologin, die von außen auf alles schaut, sondern richtig integriert, lebte eine Zeit lang bei ihnen und war auch privat mit ihnen unterwegs. Danach bin ich zurück nach Schweden, um die passende Hauptdarstellerin zu finden, was anderthalb Jahre gedauert hat. Als ich dann Sofia gefunden habe, sind wir zu zweit noch nach Los Angeles, damit sie die Welt selbst kennenlernen kann und wir die Figur weiterentwickeln.

Du hast gemeint, dass du lange gebraucht hast, bist du die passende Hauptdarstellerin gefunden hast. Wonach genau hast du gesucht?

Ich brauchte jemand, der das Rebellische ausdrücken kann, aber auch Humor hat und Charisma. Sie musste sehr stark und intelligent sein, aber gleichzeitig die nötige Verwundbarkeit mit sich bringen. Das Publikum sollte sich in ihr wiederfinden können und mitfühlen können. Da brauchte es die richtige Balance und Sofia brachte diese mit. Einige, die bei mir vorgesprochen haben, waren so zerbrechlich, dass ich das Gefühl hatte, sie vor der Welt da draußen beschützen zu müssen. Ich wollte aber jemanden, der aus eigenem Antrieb etwas macht. Ich wollte Bella nicht zu einem Opfer machen und sie bemitleiden.

Was einige sicher überraschen dürfte, sind die Szenen, die gleichzeitig sehr hart sind, aber auf Einverständnis basieren.

Das stimmt. Das ist wichtig, gerade in der BDSM-Szene, bei der immer abgesprochen sein muss, wie weit man gehen darf. Wenn du in diesem Bereich arbeitest und entsprechende Inhalte produzierst, ist es ganz wichtig, dass du in einem konstanten Dialog mit den anderen bist und ihr euch austauscht. Es gibt eine Szene in meinem Film, in dem das nicht so ist und sehr manipulativ gearbeitet wird. So etwas geschieht, weswegen es mir wichtig war, das auch zu zeigen. Aber es ist die Ausnahme. Wenn überhaupt gibt es einen indirekten Druck sich zu fügen, weil gerade die Sachen lukrativ sind, die eine unangenehme Erfahrung darstellen, etwa weil sie schmerzhaft sind oder demütigend. Auch wenn die Leute prinzipiell immer die Möglichkeit haben Nein zu sagen, machen sie es nicht, weil sie keine Probleme verursachen wollen und außerdem Angst haben, man könnte sie beim nächsten Mal nicht mehr engagieren. Deswegen ist es oft nicht so ganz eindeutig, ob die Mädels wirklich einverstanden sind. Das System ist auf Profit ausgerichtet und so aufgebaut, dass Frauen sich automatisch erniedrigen müssen, um Fantasien befriedigen zu können.

Einige dieser Fantasien sind schon sehr hart und entweder mit körperlicher Gewalt oder Erniedrigungen verbunden. Sind solche Pornos das Ergebnis der realen Bedürfnisse oder erzeugen sie diese Bedürfnisse beim Publikum?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, dass sich das gegenseitig bedingt. Aber es ist schon so, dass die Gesellschaft da war, bevor es Pornos gab. Es muss also schon vorher solche Fantasien gegeben haben. Hinzu kommt, dass Sex ein Tabuthema ist und Pornos eine Reaktion darauf ist. Wenn du dir die Porno-Industrie anschaust: Es ist ein kleiner Teil an Menschen, der einen Großteil dieser Filme produziert. Und es sind alles Männer. Früher waren dort auch viele unterwegs, die andere ausnutzen wollen, weil es in dem Bereich so einfach ist, teilweise sogar gefördert. Das ändert sich langsam. Aber es ist schon ein Problem, dass diese Branche nicht repräsentativ für die ganze Gesellschaft steht, sondern nur einen Teil davon. Dennoch, die Gesellschaft war zuerst da. Wenn Pornos frauenfeindlich sind, dann hat das seine Wurzeln in einer frauenfeindlichen Gesellschaft. Auch die Rollenverteilung, dass Männer Jäger sind und Frauen die Beute, gab es vorher schon. Die setzen sich in den Fantasien nur fort.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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